Der gute Terminator

ETH-Studenten haben mit der Hilfe von Robotern ein Haus gebaut, bei dem jedem Zimmermann schwindlig würde.

Der Pavillon aus Holzschindeln im Alten Botanischen Garten Zürich.

Der Pavillon aus Holzschindeln im Alten Botanischen Garten Zürich. Bild: Reto Oeschger

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Es ist höchste Zeit, uns vom Wort «Roboter» zu lösen. Wer das nicht begreift, sollte mal einen Blick in den Pavillon werfen, den ETH-Studenten im Alten Botanischen Garten von Zürich aufgestellt haben. Eine biomorphe Konstruktion aus Holzlatten und Schindeln, so kunstvoll und komplex versponnen wie das Nest der Webervögel Afrikas. Gebaut im Teamwork von Mensch und Maschine.

Wenn wir von «Robotern» reden, ist das so differenziert, als würden wir alle beseelten Kreaturen, vom Marienkäfer bis zum Hai, unterschiedslos «Tier» nennen. Und es ist rufschädigend. Die ersten Roboter traten vor knapp hundert Jahren in einem tschechischen Drama auf den Plan: künstliche Fronarbeiter, deren Name auf ein altes Wort für «Sklave» verwies. Das blieb haften. Leidenschaftslose, synthetische Muskelkraft, die uns von repetitiver Arbeit befreit – und sich in unseren Albträumen in den brutal dumpfen Terminator aller menschlichen Zivilisation verwandelt.

Fingerfertige Präzisionsarbeiter

Die Roboter, mit denen die ETH-Studenten arbeiteten, hätten einen besseren Namen verdient, denn sie sind von einem anderen Wesen. Es sind fingerfertige Präzisionsarbeiter, mit deren Hilfe die Architektur das Korsett konstruktiver Grenzen sprengt. Und sie tragen dazu bei, eine ihrer einflussreichsten Ideen neu zu sehen: jene von der Urhütte.

Vor 250 Jahren schrieb der französische Priester Marc-Antoine Laugier seinen berühmten Aufsatz über gute Architektur. Die Kernaussage war im Titelbild verdichtet, einer fantastischen Darstellung des ersten Hauses der Menschheit. Ein Giebeldach aus Holz, zwischen vier Bäumen aufgezogen. Laugier leitete daraus ein ästhetisches Ideal ab, das er in den griechischen Tempeln erfüllt sah: Säule, Gebälk, Giebel – mehr brauche es nicht. Vor allem keinen überbordenden Schnickschnack.

Der Roboterpavillon ist stabiler als manche gotische Kirche, aber kaum mehr zu verstehen.

Diese aufs absolute Minimum reduzierte Idee von Architektur lässt sich auch so verallgemeinern: Die Schönheit eines Baus muss sich aus der überzeugenden Anordnung der konstruktiv notwendigen Elemente ergeben. Was nicht heisst, dass nur noch griechische Tempel denkbar wären. Es gibt auch andere Lösungen, die diesem Anspruch genügen. Laugier selbst schwärmte etwa für die Kirchen der Gotik. Er hielt sie für Gebäude, die man mit einem Blick erfassen könne. Womit er sicher auch sagen wollte, dass sich die Kräfte gut ablesen liessen. Dass man förmlich zu sehen glaubt, wie das Gewicht der Mauern über die Spitzbogen in die Säulen abgeleitet wird – angewandte Übungen in Statik. Aber da täuschte sich Laugier.

4000 Latten, kaum zwei im gleichen Winkel

Moderne Statiker haben mit Computern nachgewiesen: Viele dieser Kirchen sind so falsch gebaut, dass man von Glück reden kann, dass sie nicht kollabiert sind. Wo die Urhütten-Architektur den rechten Winkel verlässt, wird es schwierig. Neogotiker wie Antoni Gaudí haben sich mit Modellen aus Schnüren beholfen, die sie von der Decke hängten, um die Form der Bogen zu finden. Von seiner Sagrada Família gibt es ein berühmtes Kopfübermodell.

Blick unters Dach der Konstruktion.

Mit modernen Rechnern sind solche Probleme besser zu lösen. Zugleich sind aber jene der Handwerker gewachsen: Die ETH-Studenten haben für ihren Pavillon am PC ein Tragwerk entworfen, bei dem jedem Zimmermann schwindlig wird. 4000 verstrebte Latten, kaum zwei gleich lang oder im selben Winkel angeschnitten. Diesen Job übernahmen die Roboter, die die Latten auch gleich zusammensetzten. Laugier würde das Ergebnis den Kopf verdrehen: Säule, Gebälk und Giebel gibt es hier nicht mehr, alles ist Wand. Das kann man zwar auf einen Blick erfassen, aber nicht verstehen, dazu ist es zu komplex. Trotzdem hat der Bau etwas Urhüttig-Heimeliges. Natur und Kultur verschmelzen, und das dank Robotern. Wenn so die Urhütte eines Zeitalters aussieht, in dem Mensch und Maschine zusammenarbeiten, ist das ein Grund für Optimismus.

GPS-Koordinaten: 47.370582, 8.534390

Dossier Weitere ungewöhnliche Bauten in Zürich und Umgebung: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 18.09.2017, 15:02 Uhr

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