Der heimliche Emir von Winterthur

Ohne den diskreten Financier der Koranverteilaktion «Lies!» wäre es wohl nie zum An’Nur-Prozess gekommen.

«Lies»-Aktionen gab es in vielen Städten im In- und Ausland. Inzwischen sind sie verboten oder eingestellt worden. Foto: Boris Roessler (Keystone)

«Lies»-Aktionen gab es in vielen Städten im In- und Ausland. Inzwischen sind sie verboten oder eingestellt worden. Foto: Boris Roessler (Keystone)

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Heute Dienstag spricht das Bezirksgericht Winterthur sein Urteil im An’Nur-­Prozess. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wird live berichten. Wie auch immer es ausfallen wird, eines scheint gewiss: Der Name von Ardonis B.* wird dabei unerwähnt bleiben. Der Mann, ein mazedonischer Unternehmer Anfang 30, war nie Teil des Prozesses gegen die zehn Beschuldigten, die zwei Besucher der inzwischen geschlossenen An’Nur-Moschee in Winterthur-Hegi unter anderem bedroht und eingesperrt haben sollen. Einzig eine Winterthurer Firma, die auf einen jüngeren Bruder von Ardonis B. eingetragen ist, taucht in den vielen Hundert Seiten starken Akten des Strafverfahrens auf.

Dabei wäre es ohne Ardonis B. wahrscheinlich nie zu jenem folgenschweren Abend des 22. November 2016 gekommen. Rund zehn Tage vor dem mutmasslichen Übergriff in der An’Nur-Moschee besuchte Mohammed*, eines der beiden späteren Opfer, einen Koranverteiler im süddeutschen Singen, den er im Winterthurer Gebetshaus kennen gelernt hatte. Dieser nannte sich Abu Medina und war mit Ardonis B. bekannt.

Abu Medina verteilte den Koran für die inzwischen eingestellte Aktion «Lies!» nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und in Italien, vor allem aber war er ein enger Freund des ehemaligen Singener Thaiboxweltmeisters Valdet Ga­shi. Der Kampfsportler radikalisierte in Winterthur junge Männer, von denen sich in der Folge einige dem Islamischen Staat anschlossen. Valdet Gashi selber kam 2015 als IS-Jihadist in Syrien ums Leben.

Zentrales Koranlager in Winterthur

Mohammed verkehrte seit 2015 für eine Recherche in der An’Nur-Moschee. Er wollte sich ebenfalls als Koranverteiler engagieren, brauchte dafür aber die Empfehlung einer Leitfigur von «Lies!» – darum das Treffen mit Abu Medina. Dabei erwähnte der Singener Deutschkosovare beiläufig, dass «Lies!» von einem geheimnisumwitterten Unternehmer in Winterthur finanziert werde, einem wohlhabenden Mann namens Ardonis, der ganz tolle Autos fahre. Er sei der heimliche Emir von «Lies!». Mohammed nahm sich deshalb vor, herauszufinden, wer dieser Ardonis ist.

Mohammed fing seine Suche im Aargau an. Abu Medina hatte ihm einen Kontakt zum Mazedonier Sefedin A.* vermittelt. In ­Aarau leitete dieser die Verteilaktion. Er kannte die An’Nur-­Moschee und vor allem auch Ardonis B., den er gerne «habibi» oder «akhi» nannte. Auf Arabisch bedeutet das «mein Liebling» bzw. «Bruder». Sefedin A. holte die Korane jeweils in einem zentralen Lager in Winterthur ab, das unter anderem von Ardonis’ jüngstem Bruder Bashkim B.* betreut wurde. Mohammed gegenüber erwähnte der Aargauer Sefedin A. auch den «grossen Boss» von «Lies!» in Winterthur.

Weder Polizei noch Staatsanwaltschaft haben sich besonders dafür interessiert, warum Mohammed an jenem 22. November 2016, dem mutmasslichen Tatabend, die An’Nur-Moschee besuchte. Der Grund war ein weiteres Treffen mit Abu Medina aus Singen, diesmal aber im Winterthurer Gotteshaus. Abu Medina hatte Mohammed in Aussicht gestellt, ihn mit dem heimlichen Emir Ardonis B. bekannt zu machen, darüber müsse man sich zuerst aber noch persönlich unterhalten. Als Mohammed, der zur Sicherheit einen Freund mitgenommen hatte, die Moschee betrat, traf er Abu Medina aber nicht an. Dafür waren für einen Dienstagabend auffallend viele Mitglieder der sogenannten Jugendgruppe im Gebetsraum.

«Falls die sich bei dir melden, bitte erwähnt nie meinen Namen.»Ardonis B.

«Dass mein Freund mitkam, hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet», sagt Mohammed heute, «denn ohne ihn wäre die Polizei nicht rechtzeitig informiert worden.» Mohammed ist sich heute sicher, dass er in eine Falle getappt war. Ihn habe sein Begleiter gerettet, der nachweislich eine Kurznachricht an einen Polizisten absetzte mit dem Inhalt, dass jemand in der Moschee getötet werden solle. Die Beschuldigten im Winterthurer Prozess bestreiten diese Darstellung allerdings.

Laut Polizeijournal kam die Notruf-SMS um 19.37 Uhr beim Empfänger an. Danach dauerte es mehr als eineinhalb Stunden, bis erste Polizistinnen und Polizisten in der Moschee eintrafen. Doch schon um 20.11 Uhr, also genau eine Stunde davor, rief der heimliche Emir Ardonis B. seinen Freund Sefedin A. im Aargau an. Es blieb nicht bei einem ­Gespräch, sondern es folgten in kurzer Zeit mehr als ein Dutzend Anrufe, wie aus Ermittlungsakten der Aargauer Kantonspolizei hervorgeht. Die zwei Mazedonier, die beide nicht in der An’Nur-Moschee waren, schrieben sich zusätzlich Kurznachrichten. Und darin ging es um das, was aktuell im Winterthurer Gotteshaus ablief.

Die mutmasslichen Angreifer hatten nämlich Mohammed das Handy mit Gewalt abgenommen, Mohammed musste den Code herausrücken, und anschliessend wurden seine Fotos, Chats und E-Mails durchforstet. Dabei fand die Jugendgruppe Bilder, die Mohammed nicht nur in der Moschee, sondern auch von einer Koranverteilaktion in Aarau gemacht hatte.

Diskreter Geschäftsmann im gut sitzenden Anzug

Ardonis B. wurde von jemandem in der Moschee offenbar sofort über diese Erkenntnisse ins Bild gesetzt. Für den diskreten Geschäftsmann, der – häufig glatt rasiert und im gut sitzenden ­Anzug – so gar nicht wie ein Salafist aussieht, müssen das alarmierende Neuigkeiten gewesen sein. Er schrieb Sefedin A.: «Friede sei mit euch, Bruder. Falls die sich bei dir melden, erwähnt nie meinen Namen, bitte mit niemandem nie meinen Namen erwähnen.»

Der Aargauer versuchte den Winterthurer «Lies!»-Financier zu beruhigen. Er habe dessen Namen weder bei Mohammed noch bei anderen jemals preisgegeben, beteuerte er. Ardonis zitierte in der Folge aber aus dem E-Mail-Verkehr, der in der Moschee auf Mohammeds Handy gefunden wurde. Unmittelbar nach Mohammeds Auftritt bei «Lies!» in Aarau habe dieser in seiner Kommunikation erwähnt, dass der Emir und die Finanzen aus Winterthur kämen. Auf Sefedins Frage, ob der Name von Ardonis auch genannt worden sei, antwortete dieser: «Ja, egal es ist passiert (…)» Und er erteilte Sefedin eine klare Anweisung: «Bitte auch für die Zukunft keine Leute annehmen (Anmerkung: gemeint ist für die Koranverteilung), ohne Bescheid zu geben. Es ist Fitna-Zeit.» Mit Fitna werden auf Arabisch schwere Zeiten bezeichnet, häufig auch Aufruhr und Spaltung in der islamischen Gemeinschaft.

Der diskrete Unternehmer und sein Bruder Bashkim sind mit ihren Firmen in den Bereichen Dienstleistungen, Konsumgüter und Hotellerie tätig. In Zürich betreibt eine der Firmen zum Beispiel ein Ladengeschäft – an bester Lage. Der dritte Bruder ist der Dandy Samir B.*, einst in der Zürcher Partyszene nicht ganz unbekannt. Er versucht sich ausserdem in der Schauspielerei und hatte unter anderem eine Rolle in einer kosovarischen Fernsehserie. Während die beiden jüngeren Brüder eingebürgert wurden, verweigerten die Behörden Ardonis 2016 den Schweizer Pass. 

«Bitte auch für die Zukunft keine Leute annehmen. Es ist Fitna-Zeit.»Ardonis B.

Bashkim und Samir waren beide bei «Lies!» als Koranverteiler aktiv. Bashkim wurde sogar zusammen mit dem späteren Syrien-Rückkehrer und bekennenden Winterthurer IS-Anhänger Sandro V. an einem Verteilstand abgelichtet. Man kennt sich von früher, hat im selben Quartier ­gelebt. Auch die Begeisterung für schnelle Autos verbindet. So lieh Ardonis B. einen seiner Boliden auch mal dem inzwischen als Sozialhilfebetrüger verurteilten Sandro V. aus. Gegen Sandro V. läuft ein Strafverfahren der Bundesanwaltschaft wegen Verdachts auf Jihadismus. 

Ardonis B. hielt sich beim Koranverteilen dagegen immer im Hintergrund. Nur einmal tauchte er auf einem Youtube-Video neben einem «Lies!»-Stand bei der Pestalozziwiese an der Zürcher Bahnhofstrasse auf. Hätte er am mutmasslichen Tatabend in Winterthur nicht so viel telefoniert und gechattet, wäre sein Geheimnis vielleicht nie an die Öffentlichkeit gedrungen.


* Namen geändert

Heute Dienstag wird das Urteil im Prozess gesprochen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet live vom Prozess.

Erstellt: 22.10.2018, 23:56 Uhr

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