Er war ein Grosser der Zürcher Architektur

Sihlcity, Feldpausch, Mülligen: Wo Theo Hotz baute, entstand Wuchtiges. Nun ist er gestorben. Ein Nachruf.

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Das Gebäude sieht aus wie eine grosse Maschine, die am Gleisrand steht und ihr mechanisches Inneres nach aussen kehrt. Die Fassade ist mit Metallpaneelen verkleidet, in die Bullaugenfenster gestanzt wurden. Der Bürotrakt ragt als Pyramide hoch. Das Postbetriebszentrum in Zürich-Mülligen nahm 1985 den Betrieb auf. Es ist das grösste Briefzentrum der Schweiz. Und es zählt zu den wichtigsten Bauten von Theo Hotz.

Der Zürcher Architekt hat das Land mit seinen präzisen Stahl- und Glasbauten geprägt wie kaum ein Zweiter. Die Gebäude von Hotz sind streng durchkomponiert und bis ins Detail ausgefeilt. Bei Hotz erhält die Technisierung und Automatisierung eine architektonische Form. Da die Maschinenästhetik aber hoch kontrolliert und voller feiner Details ist, behält die Konstruktion einen menschlichen Massstab.

Andere bedeutende Bauten von Hotz sind ähnlich expressiv und detailliert. Beim Fernmeldezentrum Herdern werden die gelben Lüftungsrohe zu einem integralen Bestandteil der Architektur. Das Feldpausch-Gebäude an der Bahnhofstrasse kombiniert Stahl und Glas zu einem filigranen Kleid.

Virtuos und lebenslustig

Doch wer hinter den Hightech-Bauten eine trockene Person vermutete, lag weit daneben. Der Architekt und Bruder des früheren FCZ-Präsidenten Sven Hotz strahlte eine Lebendigkeit und Lebenslust aus, die sein Alter vergessen liessen. Wenn er zu reden begann, sprudelten architektonische Ideen und persönliche Anekdoten nur so hervor. Virtuos sprang er von einem Thema zum nächsten, erinnerte sich an jeden Namen, sprach ohne Komma und Punkt. Während er redete, kritzelte er oft auf seinem Notizblock. Es schien, als könne er mit Wörtern alleine seinen Gedankenfluss nicht bändigen.

Hotz gründete sein Büro 1949 im Alter von 21 Jahren. In seiner über 60-jährigen Karriere realisierte er mit seinem Büro mehr als 100 Projekte. Mehrfach prämierte die Stadt Zürich den Architekten mit der Auszeichnung für gutes Bauen. 1997 verlieh ihm der Bund Deutscher Architekten die Ehrenmitgliedschaft. 1998 erhielt er von der ETH Zürich den Ehrendoktor. Neben der Architektur galt seine Leidenschaft der Kunst, die für ihn eng verknüpft mit der Baukunst war. Er sammelte Kunst und förderte zusammen mit seiner Frau Elsa Nachwuchstalente.

Grossmassstäbliche Projekte lagen dem in Oberrieden geborenen Architekten im Blut. «Die grossen Brocken haben mir immer gefallen», lachte er einmal. Mit dem Einkaufszentrum Sihlcity in Zürich hat Hotz 2007 einen ganzen Stadtbaustein als Überlagerung von Alt und Neu geschaffen.

2012 wurde der erste Teil des neuen Bahnhofsgebäude in Aarau bezogen. Mit der zweiten Etappe, die dieses Jahr fertiggestellt wird, wächst der Glasbau auf über 300 Meter Länge an. In Wien stiess Hotz nochmals in ganz anderer Dimensionen vor. Zusammen mit zwei lokalen Architekten realisierte sein Büro 2015 den neuen Hauptbahnhof. Dazu ersetzten die Architekten zwei Sackbahnhöfe durch einen Durchgangsbahnhof, über den sich ein expressives Dach flechtet. Darum herum entsteht ein Quartier mit über einem Duzend Hochhäusern und mehreren Tausend Wohnungen.

Architektur braucht Zeit, das wusste Theo Hotz nur zu gut. Als 2015 im neuen Hauptbahnhof erstmals Züge hielten, waren zwei Jahrzehnte seit der ersten Skizze verstrichen. Wer Grosses plant, muss einen langen Atem haben und mit Rückschlägen leben können. «Sonst verglüht man bei solchen Projekten wie eine Sternschnuppe», sagte Hotz. Ein erster Preis bei einem Wettbewerb heisst noch nicht, dass man auch einen Auftrag hat.

Hotz musste jahrelang zuwarten, während die Politik um das Polizei- und Justizzentrum in Zürich zankte. 2017 konnte mit den Bauarbeiten doch noch begonnen werden. Wütend machte es ihn trotzdem nicht, wenn ein Projekt in der politischen Mühle feststeckte. Das gehöre dazu, meinte er. Auch mit der Langfädigkeit der direkten Demokratie hatte er sich arrangiert. Zwar verhindere die «Überdemokratisierung» viele innovative Projekte. Doch: «So sind wir nie zuvorderst, machen aber auch die grossen Fehler nicht mit.»

Noch grosse Pläne mit 80

An kühnen Ideen fehlte es Hotz nicht. Er projektierte Twin Towers beim Hauptbahnhof Zürich oder einen kleeblattförmigen Wohnturm beim Escher-Wyss-Platz, die beide auf dem Papier blieben. Doch Hochhäusern stand er durchaus kritisch gegenüber. Er selber hätte nicht so hoch oben wohnen wollen. Und die Aufstockung des Swissmill-Silos zu einem 118 Meter hohen Turm war ihm ein Dorn im Auge.

Auch mit über 80 Jahren hatte der nimmermüde Planer noch Grosses vor. Denn zurückblicken mochte er nicht: «Mit Bauten ist es wie mit einer verflossenen Liebe. Eines Tages gehst du nicht mehr hin.» 2010 gewann er den Ideenwettbewerb für das Bahnhofsareal in Bozen gegen international bekannte Namen wie Daniel Libeskind oder Dominique Perrault. Sein Entwurf war radikal: Um Platz zu schaffen, schlug er vor, das Trassee der Geleise um rund 400 Meter Richtung Süden zu verschieben. Die frei werdenden Baufelder liegen direkt neben der Altstadt. So kann Hotz die bestehende Stadtstruktur weiterspinnen und Alt und Neu verzahnen. «Wir wollten den Charakter der Stadt nicht verändern», sagte Hotz. Einen architektonischen Leuchtturm brauche Bozen nicht. «Das sind die beiden Berge.»

Am Montag ist der Architekt an seinem Wohnort in Meilen im Alter von 89 Jahren gestorben. Sein Werk und Wirken dauert vielfältig fort. 2011 übergab Hotz die Leitung seines Büro an seine langjährigen Partner Stefan Adler, Peter Berger und Robert Surbeck, die die Firma weiterführten.

Der ETH-Theo-Förderpreis

Dieses Jahr wird die ETH erstmals den Theo-Förderpreis als Reisestipendium für angehende Architekten verleihen. Und seine Gebäude inspirieren hoffentlich eine neue Generation von Architekten, die sich nicht gegen die Technik wehren, sondern aus ihr heraus gestalterische Kraft schöpfen. Nie zuvor in der Architekturgeschichte war das wichtiger als heute, da es gilt Fotovoltaikanlagen oder Windkraftwerke in die Gebäude zu integrieren.

Dazu gehört es, offen zu sein für die Veränderungen seiner Zeit. Auch das kann man von Theo Hotz lernen. «Durch unser Werk geht ein roter Faden», sagte er einmal. «Doch wir behaupten nicht zehn Jahre dasselbe.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2018, 23:55 Uhr

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