Der Hochdruckmann

Jacques Kuhn aus Rikon, mit 97 verstorben, war ein bewegter Mensch: Er lancierte den Dampfkochtopf, gründete ein Tibeterkloster, heiratete mit 88 und wurde Krimischreiber.

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Rikon, eine Fabrikzeile nah der Töss. Daneben steht zwergenhüsliartig ein Einfamilienhaus. Hier hat Jacques Kuhn gelebt, der Lancierer des Dampfkochtopfs. Obwohl er die Leitung der Kuhn Rikon längst abgegeben hatte, soll er sich immer gefreut haben, wenn er die Vibration der nahen Pressen spürte.

Wenn etwas dieses Leben in steter Bewegung illustriert, dann das: Mit 88 Jahren heiratete Kuhn. Seine Frau Roswitha, wesentlich jünger: eine Österreicherin. Eine feingliedrige Buddhistin, die nun an die Seite des protestantischen Patrons trat. Nach Rikon war sie einst mit einer Thermoskanne voll tibetischen Buttertee gekommen. Sie verdingte sich in Sekretariat und Bibliothek des tibetischen Klosters, das Kuhn gegründet hatte.

Soeben ist Jacques Kuhn am 30. Dezember nach kurzem Spitalaufenthalt gestorben, wurde jetzt bekannt. Wenn man seine Biografie sichtet, sieht man, wie sich in dieser Vita alles verdichtet, verkettet, verbindet: der Dampfkochtopf. Die Ansiedlung der Tibeter im Tösstal. Die Freundschaft mit dem Dalai Lama. Und die Krimis, die Kuhn im hohen Alter mit seiner Frau zu schreiben begann.

1. Der Dampfkochtopf (I)

1819 wird die Fabrik zu Rikon als Spinnerei gegründet. Ein Jahrhundert später kauft sie der Bergbauingenieur Heinrich Kuhn aus einer Konkursmasse. 1928 wird anderswo der erste Elektroherd erfunden. Die bis anhin üblichen Herdlochpfannen mit ihrem krummen Boden passen nicht mehr. Kuhn ersinnt den ebenen Topfboden.

1932 stirbt der Pionier an einem Hirntumor. Die Söhne müssen ins Geschäft, zuerst Henri Kuhn. Der etwas jüngere Bruder Jacques darf studieren. Er wird Ingenieur, spezialisiert sich auf Blechbearbeitung. Aus den USA, wo er die florierende Autoindustrie gesehen hat, importiert er die Einrichtung des Fliessbandes.

1949 lancieren die Brüder den Duromatic, den Dampfkochtopf mit dem komplexen Druckventil. Erfunden hat den Duro ein anderer Schweizer, der die Idee nach Rikon getragen hat, der Zürcher Max Keller. Kuhn Rikons Duro wird ein internationaler Schlager. «Wenn i de gross bi, möcht i au eine», steht auf einer Werbetafel von 1953.

2. Die Tibeter

1959 schlagen die chinesischen Besetzer Tibets einen Volksaufstand nieder, gegen 90'000 Menschen sterben. Viele fliehen, darunter der Dalai Lama und sein Gefolge. 1963 gewährt der Bundesrat 1000 Tibetern Unterschlupf in der Schweiz. Die Gebrüder Kuhn, die Arbeitskräfte brauchen, stellen Unterkünfte zur Verfügung. Und Jobs. Die ersten Flüchtlinge werden im Tösstal mit Blumen empfangen.

Von heute zurückgeblickt, ist das eine Erfolgsgeschichte. Aber ganz so einfach ist die Integration damals nicht. Viele der Ankömmlinge denken noch wie Nomaden. Des Öftern sind in Rikon die Toiletten verstopft. Die Tibeter glauben, dass man alles in das kuriose Loch schütten kann.

Und plötzlich haben sie Lohn. Jaques Kuhn muss ihnen erklären, was eine Steuererklärung ist und warum man Steuern zahlt. Zum Beispiel, damit der Staat Strassen bauen kann, sagt er den Tibetern. Am nächsten Tag kommen diese über die Wiesen zur Arbeit. So müssen sie keine Steuern zahlen, sagen sie.

3. Das Kloster und der Dalai Lama

Viele der Flüchtlinge sind entwurzelt. Nach ein paar Jahren gibt es Spannungen in der Gemeinschaft, der Alkohol ist ein Problem, manche Junge sind aggressiv. Was fehlt, ist die Spiritualität, erkennt Kuhn. Mit seinem Bruder (er wird 1969 sterben) reist er nach Indien, holt Rat beim Dalai Lama. 1967 gründen die Kuhns die Stiftung Tibet-Institut, aus der das Kloster von Rikon entsteht, ein Pionierwerk der westlichen Welt. Mönche kommen, die Situation beruhigt sich.

In den folgenden Jahrzehnten kommt der Dalai Lama ab und zu zu Besuch. Mit der Zeit wächst der Aufwand für die Sicherheit, die Polizei schaut zum Rechten, die Leute im Besucherspalier dürfen die Hände nicht mehr in die Taschen stecken, die Polizisten wollen sie sehen, man hat Angst vor Attentaten.

Der Dalai Lama geht in Rikon allein im Wald spazieren und nascht von Kuhns Beeren.

Bei den ersten Besuchen ist das noch anders. Der Dalai Lama bewundert von der Terrasse des Tibet-Instituts die Kühe auf der Wiese und freut sich über die Bimmelglocken. Er verbringt Zeit in Rikon, schläft anfangs bei Kuhns, geht allein im Oberländer Wald spazieren. Und er nascht von den Beeren der Kuhns.

4. Der Dampfkochtopf (II)

Der Duro ist ein Erfolgsprodukt durch die Jahrzehnte. Aber immer wieder muss die Firma auch kämpfen. Zu allen Zeiten gibt es Leute, die sich ein wenig vor dem Hochdruckding fürchten. Auch wenn so ein Kochgeschirr im Labor dem dreifachen Druck ausgesetzt wird, den es in einer normalen Küche erleidet.

2003 offeriert der Grossverteiler Coop im Rahmen seiner «Pfannentrophy» Töpfe, die Kuhn Rikon gefertigt hat, zu Spottpreisen. 4,3 Millionen Pfannen gehen weg, Kuhn Rikon verdient an dem Deal mässig, kann man nachlesen. Vor allem aber ist der Markt hernach jahrelang gesättigt oder gar übersättigt.

Auch eine Herausforderung: der moderne Küchentrend zum Einbau-Steamer. Er bietet nicht viel mehr als ein Dampfkochtopf und kostet zehnmal mehr, ist aber wundersamerweise heiss begehrt. Kuhn Rikon muss mit einem eigenen Steamer nachziehen.

Ansonsten ist man immer wieder innovativ: Aus dem Geiste des Junggesellen, dem der Abwasch ein Graus ist, lanciert Jacques Kuhn schon 1975 den Kochtopf, der auch eine Schüssel ist: den Durotherm, in dem man kocht und serviert. Warm bleibt die Ware wegen der Doppelwand.

Eine Herausforderung: der Küchentrend zum Steamer. Alle wollen ihn, obwohl er zehnmal mehr kostet als ein Duro.

Die Firma heute: nach wie vor im Familienbesitz. Seit 2014 ist Kuhns Grossnichte Dorothee Auwärter Präsidentin des Verwaltungsrats.

5. Der Spargelpflanzer

Jacques Kuhn, Optimist. Noch mit über 90 pflanzt er, so der Winterthurer «Landbote», Spargel an. Obwohl er weiss, dass man bis zur Ernte drei Jahre warten muss. Die Heirat gibt ihm neuen Schub. Seine Frau Roswitha und er publizieren ein Traumbuch; die beiden haben es zum Ritual entwickelt, sich nach dem Aufwachen ihre Träume zu erzählen. Der Erste habe es leichter, erzählt Kuhn, weil er sich noch gut an die Träume erinnere. Der Zweite habe sie dann leider manchmal vergessen, bis er an die Reihe komme.

«Nachsuche» heisst 2013 der Tösstal-Krimi, den die Eheleute gemeinsam publizieren. Jacques Kuhn ist ein begeisterter Jäger. Und so ist es im Buch ein Jäger, der mit seinem bayrischen Schweisshund an einem trüben Novembermorgen im Wald eine tote Frau findet. Zwei weitere Krimis folgen, bei Lesungen sieht man Jacques und Roswitha Kuhn lachen, sie haben offensichtlich Freude an der Schreibarbeit.

Jacques Kuhns Leben im Rückblick – mindestens so spannend wie ein Krimi. Die ihn gekannt haben, loben seine Nahbarkeit und Freundlichkeit. Seine Frau hat einmal gesagt: «Mein Mann war neugierig auf alles.» Und seine Grossnichte sagte dem «Landboten»: «Er hat im hohen Alter begonnen, Weihnachtsguetsli zu backen, und uns mit seiner Freude darüber angesteckt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2017, 10:58 Uhr

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