Der Hochglanz-Verleger von Kilchberg

Ein Herausgeber von Luxusmagazinen prellt seit Jahren Journalisten, Druckereien, Fotografen und andere Dienstleister.

Karikatur: Ruedi Widmer

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Acht Seiten Betreibungsauszug zeugen von der Misere, die Heinz L. hinterlassen hat. Er, 66 Jahre alt, die Arme verschränkt, die Haare elegant nach hinten gekämmt, präsentiert sich als Mann von Welt und bewegt sich gerne an der Zürcher Bahnhofstrasse und der exquisiten Storchengasse. Er sei Verleger, Journalist, schreibt er im Vorwort zu seiner letzten bekannten Publikation, «Absolut – The Zurich Lifestyle». Der Inhalt des Hefts – Champagner, Diamanten und Kaviar – widerspiegelt den Lebensstil, den er lebt. Oder zumindest einem Teil seiner Gläubiger zu leben vorgaukelt. Denn gemäss seinem Betreibungsauszug tut er das höchstens auf Kosten anderer.

Heinz L. bestreitet dies und all die anderen Vorwürfe an seine Adresse. Mit seinem selbstsicheren und distinguierten Auftreten blendet er sowohl Geldgeber als auch Dienstleister: Juweliere, Parfümerien, Luxushotels und Restaurants zahlen für Werbeanzeigen, die in einem von ihm geplanten Magazin erscheinen sollen. Parallel dazu kontaktiert der Hochglanz-Verleger Medienschaffende und vergibt Aufträge, für die er nie bezahlen wird.

Seine Hefte sind «Vogue» oder «Harper’s Bazaar» nachempfunden. Doch sie erscheinen höchstens in Kleinstauflagen. Dafür strotzen sie vor Fehlern.

So weit hat die Verlegerei eine groteske Note; doch Heinz L. hinterlässt viele Opfer, die aus einer Mischung aus Scham und Angst anonym bleiben wollen. Der TA hat mit fünf von ihnen gesprochen. «Dieser Typ ist unberechenbar», sagt ein mittlerweile erfolgreicher Fotograf, der früher für ihn tätig war.

«Wie eine Schülerzeitung»

Heinz L. spielt die Publizistenrolle so gut, dass auch erfahrene Fachleute auf ihn reinfallen. «Er ist ein Blender. Am Anfang zuckersüss und charmant», erzählt eine Zürcher Korrektorin, die für zahlreiche Schweizer Verlagshäuser gearbeitet hat. Sie hat Heinz L. 2011 im Zürcher Hotel Storchen getroffen. «Er war sehr gut angezogen und gab an, wie gut seine Beziehungen im Luxusbereich und in der Medienwelt seien.» Die Korrektorin erhielt einen Auftrag für die Publikation «Interview – 360 Grad Politik, Wirtschaft und Finanzen». «Er schickte immer fertige Seiten. Diese waren voller Fehler. Das Ganze wirkte auf mich wie eine Schülerzeitung.»

Als die Korrektorin ihre Rechnung stellte, Heinz L. mahnte und er noch immer nicht reagierte, suchte sie den Kontakt. Die Rechnung sei untergegangen, habe er sie vertröstet. Doch die Zahlung blieb aus. «Ich verstand, dass es eine Masche war», sagt die Korrektorin, «und habe ihn betrieben.» Die Schuld: 3600 Franken. Mehr als einen Verlustschein erhielt sie nicht. Denn offiziell besitzt und verdient Heinz L.: nichts.

Für dieselbe Publikation führte eine Journalistin Interviews mit drei politischen Grössen, darunter der damalige Bundesratskandidat und heutige Innenminister Alain Berset. Heinz L. bearbeitete die drei Texte und schickte sie der Journalistin zurück. «Seine Eingriffe in die Texte waren schlecht, er hatte hier und da Wörter hinzugefügt und Zitate verändert», sagt die erfahrene Journalistin. «Da bemerkte ich, dass etwas mit seiner Kompetenz nicht stimmt.»

Ausreden statt Geld

Sie forderte ihr vereinbartes Honorar ein: 6200 Franken. «Die Rechnung wird weitergeleitet», schrieb der Hochglanz-Verleger in einer E-Mail. Doch statt zu bezahlen, begann Heinz L. mit Ausreden, wie sie sich erinnert: Zuerst sagte er, er sei im Ausland und habe keinen Zugriff auf sein Konto, dann sprach er von deutschen Investoren und verlangte eine neue Rechnung ohne Schweizer Mehrwertsteuer. Schliesslich behauptete er, er habe die Inserate nicht zusammen und würde die Publikation deshalb auf den Januar verschieben. Trotzdem stellte er eine Zahlung auf das Jahresende 2012 in Aussicht.

Die Journalistin holte sich Rechtsschutz und betrieb den Verleger. Zu einer Schlichtungsverhandlung erschien Heinz L. nicht. Das Friedensrichteramt hielt fest: «Der Beklagte meldete sich einige Tage vor der Verhandlung beim Friedensrichteramt und teilte mit, dass er am Verhandlungstag in den Ferien sei.» Darauf folgten eine Klage und eine Gerichtsverhandlung vor dem Zürcher Obergericht. Dieser blieb er aus angeblichen Krankheitsgründen fern. Die Journalistin bekam recht. Aber dabei blieb es; Geld sah sie nie. Auch sie erhielt einen Verlustschein. Die Gerichts- und Anwaltskosten von mehreren Tausend Franken musste die Gewerkschaft übernehmen, die die Journalistin vertrat.

Die Recyclingmethode

Zudem gab es eine Überraschung: Mit einem knappen Jahr Verspätung publizierte Heinz L. «Interview – 360 Grad Politik, Wirtschaft und Finanzen» doch noch. Rund 50 Exemplare lagen im Bundeshaus auf. Alain Berset war zu diesem Zeitpunkt bereits seit neun Monaten Bundesrat. Für den Hochglanz-Verleger war das kein Problem. Er hatte das Interview mit Berset so verfälscht, dass der Eindruck entstehen sollte, es handle sich um ein aktuelles Gespräch. Die Journalistin hatte er nicht mehr kontaktiert. Sowohl Bersets Sprecherin wie auch die Journalistin nannten dieses Verhalten in der «SonntagsZeitung» damals inakzeptabel und distanzierten sich davon.

Seine Recyclingmethode wendet Heinz L. auch über längere Zeiträume an. So geschehen bei einer weiteren Journalistin, die im Jahr 1995 für eine damalige Publikation namens «Finanz-Forum» einen Artikel über einen Zürcher Konfektionär verfasst hatte. Vor zwei Jahren publizierte Heinz L. den fast 20 Jahre alten Artikel in einem neuen Magazin. Er änderte ihn nach eigenem Gutdünken ab. Die Journalistin fiel aus allen Wolken, als sie «ihren» Text sah. Sie verlangte wegen Persönlichkeits- und Urheberrechtsverletzung eine Entschädigung von 3000 Franken.

Machtlose Gläubiger

Heinz L. antwortete: «Anscheinend kann man mit Geld, in Basar- und erpresserischer Manier eine Persönlichkeitsverletzung tilgen – schon ein wenig befremdend!» Die Journalistin klagte ihn ein, zog aber den Strafantrag zurück: «Der Staatsanwalt riet mir dazu, da ich das Geld sowieso nie erhalten würde.» Immerhin bekam sie aussergerichtlich eine Entschädigung von 1000 Franken.

Heinz L. hat in den vergangenen Jahren weit mehr als nur Medienschaffende um ihr Honorar gebracht. In seinem Betreibungsauszug tauchen nicht bezahlte Dienstleistungen für insgesamt mehr als 200'000 Franken aus allen möglichen Sektoren auf. Die grössten Schulden hat er mit 42'000 Franken bei Druckereien, Layoutern und Fotografen, mit 16'000 Franken bei Schmuck- oder Uhrenhändlern und mit 17'000 Franken bei einer IT-Firma hinterlassen.

Kein «pfändbares Vermögen»

Auch die Firma, die für den Publizisten IT-Installationen durchführte, bekam vom Bezirksgericht gegen Heinz L. recht. Statt der 17'000 Franken gab es 2014 jedoch auch für diese Gläubiger einen Verlustschein mit der Anmerkung: «Beim Schuldner konnte kein pfändbares Vermögen festgestellt und auch kein künftiges Einkommen gepfändet werden.» Die Gerichtskosten musste die Firma selbst übernehmen.

Heinz L. gibt in einer Pfändungsurkunde aus dem Jahr 2012 an, dass seine Partnerin für seinen Lebensunterhalt aufkomme. Der emeritierte Rechtsprofessor Isaak Meier der Universität Zürich bestätigt, dass Gläubiger in einer solchen Situation in der Tat machtlos seien. Personen wie Heinz L. können trotz Schuldenberg weiterhin Geschäfte machen: «Das Einzige, was man in so einem Fall machen kann, ist, vor Abschluss eines Vertrags die finanzielle Situation des zukünftigen Vertragspartners möglichst umfassend abzuklären.»

Der vermeintliche Verleger gibt bei seinen Opfern gerne mit seinen Beziehungen innerhalb der Schweizer Medienbranche an. So leitete er einer der geprellten Journalistinnen einen Mailverkehr zwischen ihm und dem bekannten PR-Mann Klaus J. Stöhlker weiter. Darin wünschte Stöhlker Heinz L. ein gutes neues Geschäftsjahr 2012.

Auf Anfrage bestätigt Stöhlker, dass Heinz L. zuvor auf ihn zugekommen sei: «Er bat mich als alteingesessenen Zürcher, zwanzig Zeilen über Zürich als Luxusstadt zu schreiben.» Stöhlker, der in den 70er-Jahren aus Deutschland in die Schweiz eingewandert war, tat dies, «aus Nettigkeit», wie er sagt. Danach habe er nie mehr etwas von Heinz L. gehört.

L. beteuert, einiges zu zahlen

Heinz L. lebt in einem Mehrfamilienhaus der Mittelklasse in Kilchberg. Seinen Briefkasten ziert derselbe Firmenname, der in seinem Briefkopf erscheint. Doch auch der Firmenname ist nicht viel mehr als eine Fassade. Die Firma ist nicht eingetragen, und eine gleichnamige Website führt ins Leere.

Auf die über 200'000 Franken Schulden angesprochen, entgegnet Heinz L. am Telefon, er habe aufgehört mit dem Schuldenmachen und es seien auch Tauschgeschäfte darunter gewesen. Schriftlich bestätigt er: «Es ist keine Absicht, meine Mitarbeiter und die Druckereien im Regen stehen zu lassen. Natürlich sind noch einige Positionen offen.» Sie würden, so beteuert er, bald beglichen – «nach Erscheinen der kommenden Ausgabe im März 2017».

Das «hochwertige Magazin ‹Absolut›» habe das benötigte Inseratevolumen nicht erwirtschaften können, rechtfertigt sich der Hochglanz-Verleger weiter. Und: «Die Journis haben bis heute noch nicht realisiert, dass das Printprodukt mit den Anzeigen steht oder fällt – ebenfalls ihre Gagen. Vielleicht stellen Sie sich mal für eine Woche als Inserateverkäuferin zur Verfügung, damit Sie die Realität erleben können.» Früher klang das noch verheissungsvoller. Heinz L. schrieb im Vorwort seines letzten Hefts: «Wir vom ‹Absolut› gönnen Ihnen den Luxus, den Sie brauchen.»

Erstellt: 04.01.2017, 22:18 Uhr

Das Cover des «hochwertigen Magazins ‹Absolut›».

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