Der Inselherr zeigt seinen neuen 7-Millionen-Bau

Lange war die Ufenau eine Baustelle. Jetzt fahren die Schiffe die Insel wieder an. Eine Besichtigung mit Abt Urban.

Abt Urban Federer auf dem Weg auf die Insel Ufenau, die nur mit dem Boot erreichbar ist. Fotos: Thomas Egli

Abt Urban Federer auf dem Weg auf die Insel Ufenau, die nur mit dem Boot erreichbar ist. Fotos: Thomas Egli

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Badehose und Gottesdienst. Das gehört für Abt Urban Federer eng zusammen, wenn er an die Insel Ufenau denkt. Als junger Mönch verbrachte der Stadtzürcher jeweils im Pfäffiker Unterdorf, in einer schlossartigen Liegenschaft des Klosters, zusammen mit Mitbrüdern die Sommerferien. Morgens packte er die Badehose aus und schwamm hinüber zur Insel, wo er dann, natürlich wieder anständig gekuttet, einen Gottesdienst feierte. «Das Schwimmen im See und das Beten in der Kirche, wenn die Morgensonne durch die Fenster der Kirche schien, verschmilzt zu einer wunderschönen Erinnerung, die meine persönliche Beziehung zur Ufenau prägt.»

An die Badehose wird der Einsiedler Klostervorsteher auch heute Abend zwischendurch denken, wenn er als Inselherr nach einer kleinen Feier mit Gästen das renovierte Gasthaus segnen wird. Denn nach achtzehn Monaten Umbauzeit kann das Haus zu den zwei Raben ab Montag wieder Gäste bewirten. Gerade rechtzeitig für den Sommer. Auch die Kursschiffe legen wieder an. Die Ufenau ist die grösste Insel der Schweiz, die nur mit dem Boot erreichbar ist.

Zumthor wurde gestoppt

Der Umbau hat eine lange Vorgeschichte, die zuweilen für böses Blut sorgte. Dieses entzündete sich an einem Projekt von Architekt Peter Zumthor, das enthusiastische Verfechter und unerbittliche Gegner fand. Schliesslich wurde es vom Bundesgericht gestoppt. Wegen des Moorschutzes. Tatsächlich gibt es nur wenige Flecken im Land, die derart geschützt sind wie die Ufenau. Sie steht unter nationalem Natur-, Moor-, Landschafts- und Ortsbildschutz.

Diese Schutzbestimmungen bekam auch Architekt Frank Roskothen zu spüren, der den jetzigen Umbau des 1681 erstellten Pächterhauses leitete, das später als Restaurant umgenutzt wurde. «Ich durfte keinen Stein umdrehen und keinen Grashalm krümmen ohne Rücksprache.» Gestört hat ihn das wenig. «Es handelt sich ja wirklich um ein einmaliges Gebäude in einmaliger Umgebung. Und wir fanden immer einen Weg.»

Abt Urban sieht «sein» Haus gerade das erste Mal fixfertig umgebaut. Und er staunt: «Das war im Innern eine richtige Bruchbude», sagt er. Davon kann jetzt wirklich keine Rede mehr sein. Im Erdgeschoss, das vorher nicht mehr als Gaststube taugte, ist eine moderne, aber heimelige Stube für gegen achtzig Per­sonen entstanden. Sandsteinplatten am Boden, Holzbänke, Holztische. In den oberen Stockwerken sind eine Pächterwohnung und Aufenthaltsräume für das Personal entstanden.

Dabei wurde, wenn immer möglich, die alte Bausubstanz belassen oder wieder sichtbar gemacht. Teils wurde der Putz von 1681 wieder sichtbar, in manchen Räumen gelang es, die ursprünglichen Bodenbretter oder Steinplatten zu erhalten. Und auf dem Dach konnten etwa zwei Drittel der Ziegel des ursprünglichen Baus wieder verwendet werden. Roskothen zeigt begeistert auf die sauber mit Ziegeln ausgelegte Kehle, wo zwei Dachflächen aufeinandertreffen: «Das Kloster hat uns aus seinen Werkstätten ausgezeichnete Handwerker geschickt, die sich mit der Renovation historischer Gebäude auskennen.»

Pfaffen-Dschunke als Lastschiff

Es war aber nicht nur aufgrund der Bausubstanz eine anspruchsvolle Baustelle. Sondern auch aufgrund der Insellage. Schweres und massiges Material wurde mit Pontons geliefert, anderes mit dem Helikopter hergeflogen. Und schliesslich wurde die alte hölzerne «Pfaffen-Dschunke», mit der üblicherweise nur Mönche und Kühe über den See transportiert werden, zum Lastschiff.

Abt Urban steht im ehemaligen Saal des Anbaus, der 1939 im Landistil errichtet wurde, und schüttelt den Kopf. Aus zweierlei Gründen: zum einen ob der umwerfenden Aussicht, die sich durch die Fensterfront auf die beiden mittelalterlichen Kirchen und den vom Kloster bewirtschafteten Rebberg bietet; zum andern, weil man aufgrund der Auflagen der Denkmalpflege diesen «Landibau» erhalten musste. Tatsächlich wirkt ­dieser eigentümlich an den Monolith des barocken Hauses angeklebt. Nur: So viele Repräsentanten dieses Baustils gibt es nicht mehr – und auch das ist eben Geschichte. Roskothen hat auf alle Fälle und aus Überzeugung dafür gesorgt, dass der Anbau wieder seinen alten, heute etwas bieder anmutenden Charme entfalten kann.

Blick auf den Rebberg und die mittelalterliche Kirche.

Im Erdgeschoss des Anbaus waren vorher die Toiletten und Lüftungsanlagen untergebracht. Die Küche war klein, der Grill improvisiert, und ein Schlechtwetterzelt verschandelte die Ebene zwischen Gasthof und Weinbergen. Nun ist alles neu geordnet und kommt ordentlich daher, ohne aufgesetzt zu wirken. Nur etwas neu mutet es noch an. Schön, dass es in manchen Räumen noch ganz leicht wie in alten Bauernstuben nach gelagerten Äpfeln riecht.

Die Toiletten wurden in einen kleinen geschindelten Neubau ausgelagert. Die Technik ist in einem Anbau an der Scheune untergebracht. Das Zelt ist weg, doch Rösli ist wieder da. Die legendäre Pächterin Rösli Lötscher, die seit zwölf Jahren Inselwirtin ist, steht in der neuen Küche und sagt: «Jetzt ist das keine Villa Kunterbunt mehr. Wir sind eine Liga ­aufgestiegen.» Stammgästen sei vorsorglich versichert: kein Grund zur Sorge. An ihrer Gastfreundschaft hat sich nichts geändert, und auch Beat Lötschers Fisch-Chnuschperli haben den «Relaunch» überstanden.

Die Gartenwirtschaft ist so schön wie früher. Mit der Renovation des Hauses zu den zwei Raben ist eine fast fünfzehn Jahre dauernde Gesamterneuerung beendet. So wurden die Sakralbauten renoviert, das Südufer ökologisch aufgewertet und saniert und der Weg behindertengerecht gemacht.

Der Abt verweist darauf, dass die Ufenau seit 965 fast ohne Unterbruch dem Kloster gehört. «Wir haben der Insel so lange Sorge getragen.»

Sieben Millionen Franken hat der Umbau gekostet. Dank der Unterstützung aus der Region verbleiben dem Kloster Kosten von weniger als einer Million. Doch ist es wirklich Aufgabe eines Klosters, eine Inselgaststätte zu führen? Eine Gaststätte, die unterm Strich keinen Gewinn abwirft. Tatsächlich gab es Ende des 19. Jahrhunderts in der Klostergemeinschaft Stimmen, die vorschlugen, auf der Insel «etwas Grossartiges» zu errichten, das rentiert. Ein Hotel mit türkischen Bädern zum Beispiel.

«Das wäre schon vom Schutzstatus her nicht möglich», sagt Abt Urban. «Und auch ganz und gar nicht in unserem Sinn.» Er spricht von der Gastfreundschaft der Benediktiner, von der spirituellen Kraft, die der Ort ausstrahlt. Und er verweist darauf, dass die Ufenau seit 965 fast ohne Unterbruch dem Kloster gehört. «Wir haben der Insel so lange Sorge getragen.» Er spricht von «wir» und «uns», auch wenn die Ereignisse Jahrhunderte zurückliegen. «Wir fühlen uns der Ufenau sehr verbunden.» Diese Verbundenheit sei in den letzten Jahren gerade durch den Umbau noch belebt worden. «Wir haben gespürt, wie viele Menschen die Ufenau gern haben. Wir verstehen unser Engagement daher auch als Dienst an der Öffentlichkeit». Das Gasthaus zu den zwei Raben ist Teil dieses Dienstes.

Und es ist auch Teil von Abt Urbans Sommerferien­erinnerung. Denn nach dem Schwumm und dem Gottesdienst kehrten die Mönche jeweils dort für einen Znüni ein. «Auf der Ufenau sind Spiritualität und Lebensgenuss, Leib und Seele sehr nahe beisammen», sagt der Abt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2018, 09:45 Uhr

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