Der kleine Bruder des Prime Tower

In der Agglomeration Zürichs steht ein Turm, der selbst namhafte Architekten verblüfft.

Der Limmat Tower des Architekturbüros Huggenbergerfries ist das neue Wahrzeichen Dietikons.

Der Limmat Tower des Architekturbüros Huggenbergerfries ist das neue Wahrzeichen Dietikons. Bild: Andrea Zahler

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Gar nicht so schlimm wie befürchtet. Geht eigentlich noch. Das ist halt ein Hochhaus. So oder ähnlich lauteten die ersten Kommentare der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner Dietikons zum Limmat Tower, dem Wahrzeichen des neuen Stadtteils Limmatfeld neben dem Bahnhof. Gemessen daran, wie kritisch diese das In-den-Himmel-Wachsen des Turms beäugt hatten, sind das schon fast Komplimente.

Der neue Stadtteil ist dort entstanden, wo einst die Firma Rapid Traktoren verkaufte. Noch früher wurde dort Baumwolle gewebt und das Baumaterial Durisol produziert. Armee und Bundesverwaltung waren Grossabnehmer der Leichtbauplatten. Nun wird eher mit dem Kopf als mit den Händen gearbeitet. Und vor allem gewohnt.

«Erstes Hochhaus der Schweiz»

In der Fachwelt fielen die Kommentare zu dem mit Abstand höchsten Gebäude der Region teilweise geradezu euphorisch aus. Es war das erste grosse Bauvorhaben des Architekturbüros Huggenbergerfries. Hans Kollhoff, der sich unter anderem am Potsdamer Platz mit einem nach ihm benannten Tower verewigt hat, beendet eine Besprechung über das 80 Meter hohe Gebäude mit dem Wort «Chapeau». Zuvor bezeichnete er den 2016 vollendeten Limmat Tower als «erstes Hochhaus der Schweiz».

Beim Limmat Tower wird die Vertikale konsequenter betont als bei den meisten anderen Hochhäusern.

Eine eigenartige Aussage. 2011, als die Planung dieses Gebäudes sich konkretisierte, wurde gut zwölf Kilometer davon entfernt der Prime Tower (Gigon/Guyer Architekten) bereits eingeweiht. Und dieser ist mit seinen 126 Metern gut um die Hälfte höher als der kleine Bruder im Limmattal.

Was Kollhoff wohl meinte, ist, dass beim Limmat Tower konsequenter als bei den meisten anderen Hochhäusern die Vertikale betont wird. Er verjüngt sich, stetig nach oben und wird immer feingliedriger. Im Unterschied etwa zum Prime Tower. Auch orientiert er sich stark an den klassischen Vorbildern in New York und Chicago. Und an den Lehren des emeritierten ETH-Professors Kollhoff, bei dem die ausführenden Architekten studierten.

Wer will schon in einem Hochhaus wohnen?

Dies mag mit ein Grund für das Lob des grossen Mannes sein. Kommt dazu, dass Kollhoff himself den Masterplan für die ganze Überbauung, in der rund 3000 Menschen leben, erstellte und selbst, zu Füssen des Limmat Tower, eine klassizistisch anmutende Blockrandbebauung ausführte. Das Werk der Schüler verträgt sich bestens mit dem des Lehrers. Sie bedrängen und vermengen sich nicht.

Die schimmernde Aluminiumfassade des Limmat Towers. (Bild: Andrea Zahler)

Was die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner allerdings ebenso interessierte wie das Aussehen des Turms, war, was es denn kosten würde, dort zu wohnen. Hören wir dem Dorftratsch nochmals zu: Ihr werdet sehen: Nie und nimmer können sie diese Wohnungen verkaufen! Wer so viel Geld hat, kauft sich doch ein Einfamilienhaus an schöner Lage. Wer will schon in einem Hochhaus wohnen? Das ist doch Dietikon und nicht die Stadt Zürich. Der Dorftratsch wurde Lügen gestraft. Es ging nicht lange, und alle 98 Eigentumswohnungen waren verkauft. Die Penthousewohnungen im 23. und 24. Stock kosteten offenbar zwischen 1,5 und 2,4 Millionen Franken – und gingen weg. Verglichen mit Preisen in der Stadt Zürich ist das zwar nicht günstig, aber doch attraktiv.

Probewohnen für 250 Franken pro Nacht

Die Architekten des Limmat Tower scheinen mit ihrem Werk auch ganz zufrieden zu sein, haben sie sich doch im 23. Stock eine Wohnung gekauft, die sie zum Probewohnen vermieten. Mindestbelegdauer zwei Nächte, für 250 Franken pro Nacht.

Wer macht schon Ferien im Limmattal?, tuscheln die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner. Und müssen sich ein weiteres Mal eines Besseren belehren lassen. Das Angebot wird rege benutzt, und das Limmattal zeigt sich von dort oben von seiner besten Seite: urban und doch grün. Die Limmat und ein Golfplatz zu Füssen, in der Ferne die verschneiten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau.

Und dann glitzert dort in der untergehenden Sonne etwas wunderbar: Es ist der Gruss des Prime Tower, dessen Glasfassade das Sonnenlicht reflektiert. Der kleine Bruder wird mit seiner schimmernden Aluminiumfassade in der Morgensonne den Gruss erwidern.

Die Kolumne «Bauzone» widmet sich ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder schrägen Häusern, die im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch.

Erstellt: 18.06.2019, 13:33 Uhr

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