Der langsame Niedergang der Bastelbogen

Just zum 100-Jahr-Jubiläum ist die Zukunft des Zürcher Verlags ungewiss, der die Schweizer Modellbogen herausgibt. Kinder sind kaum mehr motiviert, stundenlang zu basteln.

Klassiker unter den Bastelbogen: Das Modell Kyburg

Klassiker unter den Bastelbogen: Das Modell Kyburg Bild: Stiftung Pädagogischer Verlag LLZ

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Millionen von Schülerinnen und Schülern haben schon einen oder mehrere der Schweizer Modellbogen zusammengesetzt, die es bereits seit 100 Jahren gibt – das Schloss Chillon oder die Weihnachtskrippe etwa. «Grosseltern, Eltern und Kinder sind zum Teil mit denselben Modellen vertraut», sagt Verlagsleiter Rolf Müller aus Zumikon am Montag an der Medienkonferenz zum Jubiläum des weltweit einmaligen Angebots. «Die Bogen sind ein Kulturgut, ein Stück Schweizer Geschichte.»

Hauptabnehmer sind knapp 1300 Schulen in der Schweiz, welche die Bogen jeweils zum Einheitspreis von drei Franken an die Schüler abgeben. Im Handel sind die Bogen praktisch nicht präsent. Trotzdem funktionierte diese Art der Distribution jahrzehntelang gut. Jedes Jahr erhielten die Lehrer neue Bestelllisten, die Kinder wählten einen oder mehrere Bogen aus und setzten diese zumeist zu Hause zusammen.

Unermüdliche Schaffer

Was kaum ein Schüler oder Lehrer gewusst haben dürfte: Jener, der das Sortiment am stärksten prägte, war der Stäfner Heinrich Pfenninger (1899–1968). Als Sohn eines Malermeisters aufgewachsen, besuchte er das Seminar Küsnacht und unterrichtete danach als Lehrer in Zürich. Daneben entwarf er 80 Bastelbogen, so viele wie kein anderer. «Er war ein richtiger Workaholic», erzählt Rolf Müller. «Er war ständig am Arbeiten – seine Frau hatte wohl nicht viel von ihm.»

Pfenninger arbeitete äusserst akribisch. Seine Zeichnung des Schlosses von Sargans, so ist überliefert, soll der St. Galler Denkmalpflege als Vorlage zur Restauration des Kantonswappens an der verwitterten Schlossmauer gedient haben. Der Lehrer schuf auch die Weihnachtskrippe, zwei Adventskalender, das Schloss Kyburg, das «Dörfli» und vieles mehr.

Schneiden, falten, kleben: Das Basteln der Modelle erfordert viel Geduld und Genauigkeit. (Bild: Keystone)

Der Stäfner hatte die Aufgabe 1940 vom Zürcher Edwin Morf übernommen, der 1919 mit dem Zeichnen von Modellbogen begonnen und einen Verlag gegründet hatte. Auf die Idee dazu gekommen war der 1887 geborene Morf, der wie später auch Pfenninger das Lehrerseminar in Küsnacht absolvierte, als er wegen der Spanischen Grippe ans Bett gebunden war.

Günstig und hochwertig zugleich

Als erste Modelle entwarf er ein Davoser Bauernhaus, den Zürcher Hardturm, das Rennwegtor und einige weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt. Bis zu seinem überraschenden Tod im Jahr 1937 schuf er 33 Bogen. Dem an Volkskunde interessierten Lehrer ging es darum, ein pädagogisch hochwertiges und günstiges Lehrmittel zu schaffen. Er wollte bei jungen Menschen Tugenden wie Ausdauer, Genauigkeit und handwerkliches Geschick fördern.

«Es ist wichtig, dass die Schüler auch mit den Händen arbeiten.»Rolf Müller, Verlagsleiter LLZ

Die Idee hinter den Bastelbogen ist bis heute die gleiche geblieben. «Es ist wichtig, dass die Schüler auch mit den Händen arbeiten», sagt Rolf Müller. Der 77-Jährige amtet seit 50 Jahren als Verlagsleiter. Er war noch Student, als er diese Funktion von seinem verstorbenen Vater übernahm.

Während des letzten halben Jahrhunderts hat der Zumiker miterlebt, wie sich Angebot und Nachfrage wandelten. Die einstso beliebten Bauernhäuser und Schlösser würden nur noch auf geringes Interesse stossen, sagt er. «Gerade vielen ausländischen Kindern fehlt der Bezug zu den Bauwerken der Schweiz.» Mehr Anklang finden moderne Fahrzeuge. So ist das Formel-1-Rennauto eines der beliebtesten Artikel der letzten zehn Jahre geworden. Auch die Lernpuzzles und der frei stehende Weihnachtsbaum sind beliebt. Geschaffen hat sie Rolf Müller, der insgesamt acht Bogen entworfen hat.

Das Interesse schwindet

Trotz allem: Der Absatz ist seit zwanzig Jahren rückläufig. 1998 verzeichnete der Pädagogische Verlag der Lehrerinnen und Lehrer Zürich mit über 650'000 verkauften Bogen den Rekordwert. 2018 waren es noch knapp 330'000. Die Konkurrenz durch die elektronische Unterhaltungsindustrie sei zu gross geworden, resümiert Müller.

Beobachtet haben die Lehrer und der Verlag zudem, dass die Fertigkeit der Jungen im Umgang mit Schere, Messer und Leim nachgelassen hat und die Kinder nicht mehr motiviert sind, sich stundenlang einem Modell zu widmen. Der Verlag hat deshalb reagiert: Die Bogen sind einfacher geworden und vorgestanzt.

Die Fertigkeit der Jungen mit Schere, Messer und Leim hat nachgelassen. Kinder sind nicht mehr motiviert, sich stundenlang einem Modell zu widmen.

Ein weiteres Problem stellen die Lehrer da. Früher hatte der Verlag in vielen Schulhäusern jahrzehntelang Kontaktpersonen, welche für die Bestellungen zuständig waren. Heute gebe es häufig Wechsel, und oft finde sich niemand mehr, der die ehrenamtliche Aufgabe übernehmen wolle. «Die Lehrpersonen sind überlastet», sagt Müller, der selbst an einem Zürcher Gymnasium unterrichtet hat.

Die Situation ist alarmierend. «Die Frage, wie lange der Verlag noch existieren kann, steht im Raum», heisst es in der Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum. Martin Bertschinger, der Präsident der Stiftung, die den Verlag trägt, sagt: «Wir wissen noch nicht genau, wohin es gehen wird. Wir sind an einem Wendepunkt.» Mögliche Massnahmen werden dieses und nächstes Jahr geprüft. Helfen würde es bereits, die Kosten zu senken. Aber dazu bräuchte es mitunter unpopuläre Massnahmen – etwa die Produktion der Bogen im Ausland.

Erstellt: 17.09.2019, 16:08 Uhr

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