Der liebe Herr Baudirektor tritt ab

Das aggressive Gepolter, das manche in seiner Partei pflegen, war nie die Sache von Markus Kägi.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Müsste man Markus Kägi in einem Kurzfilm charakterisieren, man hätte einfach sein Schlussvotum zum Wassergesetz vom letzten Montag aufnehmen und mit ein paar erklärenden Worten versehen können. Da hatte der Baudirektor dem Kantonsrat einen ausgewogenen Gesetzesentwurf vorgelegt – aber seine eigene Partei, die SVP, verpasste dem Ganzen zusammen mit FDP, CVP und EDU eine so klar bürgerliche Schlagseite, dass das links-grüne Referendum dagegen gute Chancen hat. In unzähligen Sitzungen hatte Kägi argumentiert und sich gegen die Anträge seiner eigenen Leute gewehrt – vergeblich. 

Und was genau tat dieser Markus Kägi in seinem Schlusswort? Er sprach davon, dass an den vielen Änderungen «nichts Verwerfliches» sei. Dass das Gesetz nun klarer sei, die Vorteile überwiegen würden. Nur ganz, ganz leise konnte Kritik erkennen, wer genau hinhörte. Etwa als Kägi sagte: «Mag sein, dass ökologische Anliegen eine gewisse Relativierung erfahren haben. Aber sie sind nun erstmals überhaupt im Gesetz verankert.»

Ein Netter

So ist er, der Mann, der seit 2007 der Baudirektion vorsteht. Zuvor war er Ombudsmann, und auch das ist charakteristisch für ihn. Kägi ist vor allem eines: hochanständig und umgänglich. Das despektierlich-aggressive Gepolter, das manche in seiner Partei pflegen, ist seine Sache nicht. Spricht man mit politischen Weggefährten und Gegnern, fällt erstaunlich oft das Wort «lieb». Kägi selbst sagte gestern, Fairness sei seine oberste Maxime.

Dieses Wesen macht Kägi nicht nur als Chef beliebt, sondern auch als Regierungsrat. Der 64-Jährige, der seine politische Laufbahn vor vierzig Jahren in seiner Heimatgemeinde Niederglatt begann, gilt als offen, sehr flexibel und gut dokumentiert.

Doch so angenehm der Baudirektor in der Zusammenarbeit ist, so sehr stand ihm sein Wesen bei der politischen Knochenarbeit manchmal im Weg. Er lobbyierte selten für seine Gesetzesvorschläge– sein Wille zur Zusammenarbeit ging im Gegenteil so weit, dass er politischen Gegnern noch dabei half, Paragrafen zu formulieren, die er eigentlich ablehnte.

Heterogenes vereint

Ein knallharter Entscheider war Kägi nie. Und das schlägt sich in der Bilanz seiner elf Jahre als Baudirektor nieder. Positiv anzurechnen ist ihm vor allem eines: dass er einen äusserst heterogenen Laden im Griff hatte. Immerhin vereint die Baudirektion Hoch- und Tiefbau unter ein und demselben Dach mit dem Natur- und Landschaftsschutz.

Gerade beim Naturschutz ist der passionierte Jäger nicht als treibende Kraft aufgefallen. Zwar geht es der Natur im Kanton Zürich nicht schlechter als zuvor – aber auch nicht viel besser. Die Energiewende fand unter Kägi kaum statt, noch heute hält er an der Atomenergie fest. Die Kulturlandinitiative wäre unter ihm zum Papiertiger verkommen, hätte das Bundesgericht nicht eingegriffen. Den Entscheid, die Freiheiten des Giusep Fry auf dem Uetliberg einzuschränken, schob Kägi vor sich her, bis es nicht mehr anders ging.

Besser sieht die Bilanz im Bauwesen aus, auch wenn vor allem der epische Knatsch ums Polizei- und Justizzentrum in Erinnerung bleiben wird, den aber nicht allein der Baudirektor verschuldet hat. Die medial breit diskutierten Mehrkosten beim PJZ, dem Neubau des Massnahmenzentrums Uitikon und dem Strickhof in Lindau verstellen etwas den Blick darauf, dass Kägi die Kosten insgesamt im Griff hatte. Eine Art persönliches Denkmal hat sich Kägi mit dem Sihlrechen gesetzt, der Zürich vor Hochwasser schützen soll. Überhaupt war ihm der Hochwasserschutz wichtig.

Am liebsten in Erinnerung halten werden ihn aber die Jäger. Kägi war einer der ihren, für sie hat er sich stets mit Feuereifer eingesetzt. Sein wichtigstes Vermächtnis dürfte denn auch das neue Jagdgesetz sein – sofern das Volk ihm im September den Abschied nicht vorzeitig mit einem Ja zur Volksinitiative «Wildhüter statt Jäger» versalzt. Ein Ja, das Kägi wohl mehr schmerzen würde als das drohende Nein zum Wassergesetz im Februar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 23:15 Uhr

Artikel zum Thema

Die SVP auf heikler Mission

Die SVP muss nach der Rücktrittsankündigung von Markus Kägi einen Sitz im Zürcher Regierungsrat verteidigen. Helfen könnte ein überzeugender Kandidat oder noch besser: Eine Kandidatin. Mehr...

Zürcher SVP-Regierungsrat Kägi hört auf – mit einem Witz

Baudirektor Markus Kägi räumt seinen Sitz im nächsten Frühling. Damit ist der Weg frei für neue SVP-Leute – zum Beispiel Nationalrätin Natalie Rickli. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...