Der neue Schulsilvester?

Halloween wird die Zürcher Polizei auch dieses Jahr beschäftigen. Denn die Schulkinder machen Lärm und treiben Unfug.

Importbrauch Halloween: Hexen, Geister und Monster ziehen durch die Wohnquartiere Zürichs. Fotos: Urs Jaudas

Importbrauch Halloween: Hexen, Geister und Monster ziehen durch die Wohnquartiere Zürichs. Fotos: Urs Jaudas

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Es könnte ein netter Abend werden. Kostümierte Kinder ziehen durchs Quartier, kleine Hexen, Feen, Superhelden, klingeln die Nachbarn heraus und erschrecken sie freundlich, werden belohnt mit Schokolade. Ein paar Schritte entfernt gehen die Eltern, stolz angesichts des durchs Dunkel watschelnden Nachwuchses. Um 21 Uhr sind alle im Bett.

Die Polizei aber erwartet heute Abend anderes von Halloween: Sachbeschädigung, Brandstiftung, Unfug. Schweizer Schulkinder nutzen die Nacht auf den 1. November vermehrt für wilde Streiche und Randale. Sie hüpfen auf parkierten Autos herum (wie in Bassersdorf ZH), zünden Abfallkübel an (wie in Uster ZH), blockieren Strassen, verschmieren Fassaden, verkleben Türschlösser und werfen Eier – an Hauswände, gegen fahrende Trolleybusse.

Polizei-Flyer für die Eltern

Die Polizei wappnet sich. «Wir sind mit zusätzlichen Beamten präsent», sagt Stefan Oberlin von der Kantonspolizei Zürich. Im Thurgau werden Jugendliche angesprochen, wenn sie Eierkartons dabeihaben; die Ware wird konfisziert. In St. Gallen sind die Detailhändler angehalten, zurückhaltend zu sein beim Verkauf von Eiern, Rasierschaum und Mehl an Jugendliche – «ja, selbst an junge Erwachsene, weil die werden vorgeschickt, wie beim Alkohol», sagt Hanspeter Krüsi von der Kantonspolizei.

Im Kanton Zürich hat die Polizei erneut einen Halloween-Flyer erstellt, der Eltern darauf hinweist, dass Vandalismus kein Spass sei. Die Nacht falle «zunehmend böswillig» aus, teilte die Zürcher Polizei 2015 mit; Halloween scheine den vielerorts abgeschafften Schulsilvester abzulösen.

Die halbe Hand abgerissen

Schulsilvester! Das weckt Erinnerungen in Zürich. «Es war laut, wahnsinnig laut», sagt Rolf Stucker, Polizist im 40. Dienstjahr und heute Chef Jugenddienst der Stadtpolizei. Er ist 1977 aus dem Berner Oberland nach Zürich gezogen, den Lärmbrauch Schulsilvester kannte er nicht, er staunte.

Es waren die 13-, 14-, 15-Jährigen, die Probleme machten. «Die haben gewütet, jedes Jahr mehr», sagt Stucker, ein kräftiger Mann, der für die SVP in Gemeinde- und Kantonsrat sass. Rasierschaum und WC-Papier, das ging noch, aber das Feuerwerk und die Schäden, «das war schlimm». Gesprengte Briefkästen, geknackte Parkuhren, manche Kinder spannten Seile über die Strasse oder rollten Abfallcontainer bergab, andere gefährdeten sich selbst; im Kinderspital mussten Mägen ausgepumpt werden. «Einem hat es wegen eines Knallkörpers die halbe Hand abgerissen.» Stucker ist den Krawallanten im Kreis 4 und 5 oft hinterhergerannt und hat Papiersäcke voller Feuerwerk konfisziert. Jedes Jahr ein Grosseinsatz. Er sei immer froh gewesen, wenn zwischen sieben und acht Uhr auch die Kindergärtler auf die Strasse gekommen seien, mit ihren Pfannendeckeln und Rätschen. «Das war für uns das Zeichen: Es ist überstanden.»

Weshalb der Schulsilvester immer gröber wurde in den 1990ern, ist unklar. Es habe sich hochgeschaukelt, sagt Rolf Stucker.

Der Schulsilvester ist in der Region Zürich seit Ende des 18. Jahrhunderts belegt. Anfangs waren die Kinder am Morgen des 31. Dezember unterwegs, um das alte Jahr auszuschellen, dann, mit der Einführung der Weihnachtsferien, am Morgen des letzten Schultags. Sie lärmten mit Rasseln und Rätschen, was immer schon für Verdruss sorgte; frühe Beschreibungen stammen von missmutigen Pfarrleuten, die den Lärm beklagen. «Es ging stets auch um das Überschreiten von Grenzen», sagt der Kulturwissenschaftler Mischa Gallati von der Universität Zürich. So haben die Kinder am Anlass geraucht, wie die NZZ 1974 dokumentierte: «Glimmstängel verrieten in der Dunkelheit den Standort mancher Knaben und Mädchen, die sich recht erwachsen fühlten und mit scheinbar grösster Selbstverständlichkeit eine Zigarettenpackung herumboten.» Die Kinder genossen ein paar Stunden Narrenfreiheit.

Wilde Kinder, unbeaufsichtigt im Dunkeln, das ist Erwachsenen unheimlich. Auch in Amerika: Das Trick-or-Treat-Ritual wurde in den 1940ern ersonnen, um Halloween zu zähmen. Auch in Zürich versuchten Stadt und Schule, den Schulsilvester unter Kontrolle zu bringen. So öffneten frühmorgens die Hallenbäder und Turnhallen, um die Kinder von der Strasse zu holen. Umsonst.

«Süsses oder Saures»: Kinder im Zürcher Kreis 6 auf Trick-or-treat-Tour.

Weshalb der Anlass immer gröber wurde in den 1990ern, ist unklar. Es habe sich hochgeschaukelt, sagt Rolf Stucker, jeder habe im nächsten Jahr «noch wilder tun» wollen. Zudem seien Feuerwerkskörper – die «Thunder» – zu leicht erhältlich gewesen, auch verbotenerweise für unter 15-Jährige. Auf jeden Fall hätten die Kinder das Mass verloren. Sodass die Stadt Zürich den Schulsilvester 2004 abschaffte. Landgemeinden wie Männedorf, Stäfa und Hombrechtikon zogen mit. Im ersten Jahr danach seien noch ein paar Schüler ziellos umhergeirrt, sagt Stucker. Dann sei die Tradition gestorben. Der letzte Schultag sei heute ein Tag wie jeder andere.

Wo sollen sie hin, die Kinder?

Kann es sein, dass der Importbrauch Halloween die Funktion der abgewürgten Silvestertradition übernimmt? Der Kulturwissenschaftler Mischa Gallati hält es für möglich. «Die Erwachsenen regulieren, aber die Kinder suchen sich ein neues Ventil.»

Natürlich gibt es offensichtliche Unterschiede. So ist Feuerwerk an Halloween bis jetzt zum Glück kein Thema. Auch sind die Kinder nicht Herren der Nacht; auch Erwachsene sind am Halloweenabend unterwegs, der Silvestermorgen war einsamer.

Doch Gemeinsamkeiten gibt es. Bei beiden Anlässen reizt die Dunkelheit. Nachts allein auf der Strasse zu sein, hat etwas Verbotenes. «Da werden Mutproben bestanden, wird mit der Gefahr geflirtet», sagt Mischa Gallati; wo könnten die Kinder das heute noch? «Unsere Gesellschaft kennt viele Regeln, und wir reagieren sehr alarmiert auf Gewalt gegen Eigentum und Personen.» Die Toleranz gegenüber wilden Kindern habe abgenommen.

Dass die Jungen Halloween feiern, dagegen hat Polizist Stucker persönlich nichts. Er ist Amerikafan, war selber schon in den USA an Halloween und fand das toll. Das gehe auch in der Schweiz: «Etwas Lärm kann die Gemeinde an so einem Abend schon aushalten.» Dass die Freiräume für Junge schrumpften, findet auch er. «Wo sollen sie hin? Überall stören sie.» Als Polizist halte er die Bevölkerung an, mit lauten Jugendlichen zu reden, nicht gleich die 117 anzurufen. An Halloween und überhaupt.

Erstellt: 30.10.2017, 18:50 Uhr

Aus Europa nach Amerika und zurück

Es stimmt: Halloween kommt aus den USA und ist erst seit den 1990er-Jahren wirklich in der Schweiz verbreitet. Geschnitzte Kürbisse und «Süsses oder Saures» sind ein Kulturimport. Genauso richtig aber ist, dass der US-Brauch europäische Wurzeln hat. Feste wie das irische Samhain markierten auch in der Alten Welt im Herbst das Ende des Lichts, das Kommen des Dunkels. In diese Übergangszeit, in der Geister in die Welt der Lebenden drängen, gehören auch die Räbenlichter, die sowohl tröstlicher Schein als auch spukendes Irrlicht sind.

Die Kirche erkannte die Bedeutung der alten Winterbräuche und baute sie in den eigenen Festtagskalender ein. Auf den Britischen Inseln entstand so «All Hallow’s Eve», die Nacht vor Allerheiligen, und im 19. Jahrhundert brachten irische Auswanderer dieses Halloween nach Amerika. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die ethnischen Wurzeln des Brauchs dann gekappt, Halloween ein amerikanisches Fest, offen für alle. Statt harter Räben wurden Kürbisse ausgehöhlt.

Um Halloween aber gab es bald Ärger in den USA. Während bürgerliche Familien das Fest daheim im Wohnzimmer begingen, feierte die Unterschichtsjugend draussen auf der Strasse. Junge Männer und auch Frauen zogen durch die Nacht, trieben derbe Spiele mit fremdem Eigentum. In der Weltwirtschaftskrise nach 1929 wurden die Streiche so grob, dass die Behörden Lösungen suchten.

Eine davon war «Trick or Treat» – Gaben oder Schaden. Eine Hausfrau schrieb 1939 in der Zeitschrift «American Home», sie habe eine Methode gefunden, junge Unruhestifter an Halloween friedlich zu stimmen: Sie lasse die Haustüre offen und veranstalte ein Fest für die Racker, mit Gratissüssigkeiten in der warmen Stube. Dieses Schutzgeld beschere ihr herrliche Ruhe. Das setzte sich durch.

Was vergessen geht: Auch der Zürcher Schulsilvester war lange Zeit ein Heischebrauch, bei dem die Kinder Süsses erbettelten. Angefangen hat das wohl mit den Bäckern, zumindest ist das Lied überliefert: «Beck, stand uuf, streck d Weggli zum Fäi-schter uus.» Auch die Milchmänner, frühmorgens unterwegs, gaben den Schulkindern zuweilen Käse und Joghurt. Halloween und seine Gabenbettelei sind den Zürchern also näher, als es scheint. (dhe)

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