Der Ort der weisen Sprüche und seltsamen Bilder

Ein altes Riegelhaus mit modernen Zeichnungen? Dieser Kontrast irritierte – und verlangte nach Klärung.

Die Rosenburg in Wermatswil, Baujahr 1790, mit Sternzeichen-Malerei von Ueli Naef. Foto: Doris Fanconi

Die Rosenburg in Wermatswil, Baujahr 1790, mit Sternzeichen-Malerei von Ueli Naef. Foto: Doris Fanconi

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Es war ein flüchtiger Blick aus dem Postauto. Und eine anschliessende Irritation: War da eben ein behäbiges Riegelhaus mit modernen Zeichnungen? Ein Skorpion und ein Widder blieben in den Nachbildern hängen. Gleich darauf wischte ein nächster Eindruck diese weg: Dieses Mal beeindruckte die fast schon barocke Pracht eines Bauernhauses. Farbige geometrische und florale Muster, im oberen Bereich Sprüche in Schönschrift, im Vorbeifahren natürlich nicht lesbar. Dann war das Postauto bereits wieder durch freies Feld unterwegs, Wermatswil hinter sich lassend.

Wir kehrten zurück: Wermatswil ist eine Aussenwacht von Uster mit Eigenleben. Und mit vielen Neuzuzügern, wie die modernen Wohnviertel ahnen lassen. Sie gehören wohl in der Tendenz zu den besser betuchten. Dem prächtigen «Ballenberghaus» sind wir mittlerweile auch in der Literatur begegnet, denn es war einst tatsächlich landesweit bekannt als «Guyerhaus» oder «Schoggitalerhaus». Es wurde 1740 von Jakob Guyer gebaut und wird bis heute immer wieder fälschlicherweise als Geburtshaus des Musterbauern Kleinjogg bezeichnet, der mit richtigem Namen ebenfalls Jakob Guyer hiess und 1718 in Wermatswil geboren wurde. Die beeindruckenden Malereien und Sprüche an der Fassade wurden laut Inschrift 1753 angebracht und 1949 dank einer Schoggitaler-Aktion des Heimatschutzes gerettet.

Von zwei eigentümlichen Trompetenengeln eingerahmt, lesen wir dort zum Beispiel: «Uns Menschen zguet ist gmacht das Haus / Wil Wir thuon zeitlich streben / Gott führ und leit uns ein und aus / gib zletzt das ewgi Leben!» Dieses Haus steht an der Hintergasse, und man kann sich daran kaum sattsehen.

Früher war es ein Restaurant

An der Vordergasse 14 finden wir den anderen Fachwerkbau, der uns bei der Durchfahrt zuerst aufgefallen ist. Da sind sie, tatsächlich ein Skorpion und ein Widder, aber auch Jungfrau, Waage und Krebs. Alle zwölf Tierkreiszeichen sind in den von den Riegeln gebildeten Feldern zu finden. Und auch die Information: «erbaut 1790 bis 1910 – Wirtschaft Rosenburg». Der Band Uster der Kunstdenkmäler verliert nur wenige Worte über die Rosenburg in Wermatswil. Er nennt neben dem Baujahr den Bauherrn, den Zimmermann Hans Jacob Furer. Aus der Bauzeit seien besonders zu beachten die Nussbaumtüren.

Die heutigen Bewohner reagieren auf unsere Fragen eher zurückhaltend. Ja, es sei wohl einst ein Restaurant zur Rosenburg gewesen. Es seien schon Leute vorbeispaziert, die erzählt hätten, dass ihre Eltern im Saal ihre Hochzeit gefeiert hätten. Sprüche habe es an der Fassade schon früher gehabt, Bilder nicht. Wir lesen da zum Beispiel: «Sollet uns am Alten / so es guot ist halten / doch Neues wirken auf altem Grund – jede Stund.» Und nein, das Haus stehe nicht unter Denkmalschutz, das habe man erfolgreich verhindern können. Tatsächlich wäre es wohl mit der Bemalung sonst schwierig geworden.

Ueli Naefs Werk: Die modernen Zeichnungen am Riegelhaus. Bild: Doris Fanconi

An einer Hausecke sind die Jahreszahl 2002 und der Name Ueli Naef vermerkt. Dieser Ueli Naef, so erzählt die Bewohnerin, sei ein Ustermer Wand- und Schriftenmaler gewesen und sei einmal an einer Versammlung neben ihnen gesessen. Er habe erzählt, dass er ein Haus suche, das er bemalen dürfe. Er habe eine Idee und brauche mindestens zwölf Felder. «Warum nicht bei uns?», dachten sie. So entstanden diese dekorativen Figuren des Sternkreises, die sich so eigenartig gut machen an dem alten Bauernhaus. Sie fügen sich nahtlos ins Bild.

Ueli Naef betrieb in Uster ein Atelier und hatte offenbar im Oberland viele alte Sprüche an Dachbalken von Wohnhäusern aufgefrischt oder Fassaden beschriftet. Einige auch selbst bemalt. Von seiner Hand stammt zum Beispiel die Sonnenuhr an der alten Turnhalle des Ustermer Schulhauses Freiestrasse.

Als er die Tierkreiszeichen an der Rosenburg schuf, war er bereits 89 Jahre alt. Er starb im Januar 2010, und die meisten seiner Werke sind mittlerweile verschwunden: Dasjenige in der Fussgängerunterführung am Bahnhof Uster wurde überplättelt, der Harlekin an der Fassade des Stadthofsaals übermalt. Doch wie schrieb er einst selber an die Wand der Rosenburg in Wermatswil? «Wahrhaft ist alles in der Natur vergänglich – aber hinter dem Vergänglichen – ruht ein Ewiges.»

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2019, 11:57 Uhr

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