Der Pflanzenkiller ist im Kanton Zürich angekommen

Xylella fastidiosa ist ein gefährliches Pflanzenbakterium, das derzeit in Süditalien wütet. Jetzt sind in einem Gartencenter in Dürnten erste Infektionen aufgetreten.

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Fastidiosa bedeutet auf Italienisch ärgerlich. Mit Bezug auf das Pflanzenbakterium Xylella fastidiosa ist diese Bezeichnung eine starke Untertreibung. Gefährlich, gefürchtet oder teuer wären passender. In Brasilien oder Kalifornien entstehen jährlich Einbussen von mehreren Hundert Millionen Dollar. Bis heute gibt es kein Mittel gegen das Bakterium – Quarantäne und Vernichtung der Pflanze sind die einzigen Optionen.

Zurzeit verbreitet sich Xylella fastidiosa – auch Feuerbakterium genannt – wie ein Flächenbrand. 2013 gelangte Xylella nach Italien und hat damit die EU auf den Plan gerufen. Mit grossflächig angelegten Quarantänen und Fällaktionen wird versucht, die weitere Verbreitung zu verhindern. Bisher ohne Erfolg: Auf Korsika und in weiten Teilen Südfrankreichs ist Xylella fastidiosa ebenfalls angekommen. Was bis jetzt kaum bekannt war: Auch in der Schweiz wurden vier infizierte Pflanzen gefunden. Drei davon im Gartencenter Meier in Dürnten – eine der schweizweit grössten Verkaufsstellen für Pflanzen und Blumen aller Art.

Infografik: Weltweite Verbreitung von Xylella-fastidiosa Grafik vergrössern

Auf Anfrage bestätigt Geschäftsführer Erwin Meier den Vorfall: «Wir wurden vom Bund orientiert, dass suspekte Pflanzen an uns geliefert wurden.» Das war im August 2015. Kurz darauf mussten aufwendige Vorrichtungen getroffen werden: Unter Anweisung des Eidgenössischen Pflanzenschutzdienstes (EPSD) wurden die befallenen Pflanzen – darunter ein Kaffeegewächs – zersägt, in Plastiksäcke verpackt und in die Kehrichtverbrennungsanlage gebracht. Gesunde Pflanzen in unmittelbarer Nachbarschaft wurden vernichtet, Pflanzen im weiteren Umkreis untersucht.

10'000 Sendungen untersucht

Aus Hygienegründen wurden Einweganzüge verwendet, alle Werkzeuge und der Boden mussten desinfiziert werden. Dank der Notaktion konnte eine Weiterverbreitung des Bakteriums in der Schweiz verhindert werden. Ist eine Pflanze einmal befallen, kann ihr Tod nicht mehr aufgehalten werden. Als Erstes bricht die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen zusammen, dann trocknet die Pflanze aus und stirbt ab. Meier bleibt wachsam: «Ich halte die mit Xylella fastidiosa verbundenen Herausforderungen für sehr besorgniserregend.» Seit dem Vorfall wurden im Gartencenter auf Geheiss des Bundes mehrere Monitorings durchgeführt, bei denen das Bakterium nicht mehr auftrat.

Der EPSD, der dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) angegliedert ist, führt bei sämtlichen Importpflanzen Kontrollen durch. Im letzten Jahr wurden insgesamt 9954 Sendungen auf Krankheiten untersucht – die meisten davon an den Flughäfen Zürich und Genf. Besteht Verdacht auf sogenannte Quarantäneorganismen, werden Proben entnommen und ins Labor geschickt. Die Pflanze wird unter Verschluss gehalten, bis das Resultat bekannt ist.

Trotz strenger Kontrolle gelang es dem Bakterium, bis nach Dürnten zu gelangen. Gemäss Andreas von Felten vom EPSD fand die Einschleppung in einer Zeit statt, in der das Sicherheitsniveau betreffend Xylella fastidiosa noch nicht dem heutigen Standard entsprach. Alarmiert wurde die Schweiz vom Zwischenhändler in den Niederlanden, der die Pflanzen aus Zentralamerika importiert hatte. «Inzwischen haben wir die Anforderungen an die Einfuhr deutlich verschärft», sagt von Felten. Der Import von Kaffeepflanzen aus Costa Rica und Honduras wurde verboten.

Aus den Ferien eingeschleppt

Nebst dem offiziellen Pflanzenhandel gibt es ein weiteres Problem: das Feriensouvenir. Mittelmeerpflanzen liegen gemäss EPSD im Trend. Es gebe immer wieder Leute, die im Gepäck Stecklinge mittragen. Ihr Ziel: das mediterrane Flair in ihre Wohnzimmer oder ihre Wintergärten zu transportieren. «Vielen Leuten ist die Problematik zu wenig oder gar nicht bekannt», sagt von Felten. Generell sei jede Person, die von einer Reise zurückkehrt, ein «potenzieller Mitbringer».

Für eine hundertprozentige Sicherheit müsste jede einreisende Person kontrolliert werden. Eine Rückkehr zu einem verstärkten Grenzschutz kommt für den Bund jedoch nicht infrage – auch aus wirtschaftlichen Gründen. Denn damit würde die Freizügigkeit im Warenverkehr gefährdet, von der die Schweiz sehr profitiere, teilt das BLW auf Anfrage mit. Es setzt deshalb auf Prävention. Mit dem Slogan «Pflanzliches Souvenir – nein danke!» startete das BLW vor Ferienbeginn einen Warnaufruf.

Die sterbenden Olivenbäume in Süditalien werden darin als «trauriges Beispiel» erwähnt. Die Warnrufe verhindern nicht, dass Xylella fastidiosa immer näher an die Schweiz rückt. Das Bakterium wandert jährlich rund 30 Kilometer aus Süditalien in Richtung Norden. Überträger ist die Zikade – ein grosses, pflanzensaugendes Insekt, das sich inzwischen dank Temperaturanstieg auch in der südlichen Schweiz ansiedeln konnte. Hierzulande würde das Bakterium auf genügend Nährboden stossen: Xylella fastitiosa, mit seinen vier Untertypen, befällt rund 300 Pflanzenarten: darunter Rosen, Zierpflanzen, Reb­stöcke, Obstbäume oder Zitrusfrüchte.

Neue Gefahr aus Sachsen

Aktuell warnt das EPSD vor einer Xylella-Unterart, die kürzlich im deutschen Bundesland Sachsen auftrat. Vor allem Winzer dürften aufhorchen: Es handelt sich um dasselbe Bakterium, das in Kalifornien seit Jahrzehnten immer wieder ganze Traubenernten zerstört. Dutzende Millionen Dollar hat die US-Regierung schon in die Bekämpfung investiert – bisher vergeblich. Die Schweiz ist gewarnt und rüstet zurzeit seine Kontrollmechanismen auf: Aktuell wird im Flughafen Zürich eine neue Diagnostikmethode getestet.

Damit lassen sich Infektionen vor Ort in 60 bis 90 Minuten feststellen – ohne dass die Proben ins Labor geschickt werden müssen. Ein grosser Entwicklungsschritt. Denn bisher dauerte eine Kontrolle bis zu sechs Wochen. Mit Effizienz alleine dürfte sich der Krieg gegen das Bakterium allerdings nicht gewinnen lassen: Ist Xylella fastidiosa erst einmal in einer Region angekommen, lässt es sich kaum mehr ausrotten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2016, 21:10 Uhr

Für Italien eine Katastrophe

Bakterium befällt Olivenbäume

Italiens Geschichte mit Xylella fastidiosa begann am 21. Oktober 2013. An diesem Tag informierte die Regierung die anderen EU-Staaten darüber, dass der Pflanzenschädling im Land gefunden wurde. Die EU erhob die Bekämpfung zur Chefsache. Einerseits weil sie auf die Olivenölimporte Italiens angewiesen ist, und andererseits um das Übergreifen auf weitere Länder zu verhindern. Dies berichtete das Magazin «Reportagen» kürzlich in einem ausführlichen Bericht. In Apulien wurden seither Zehntausende Olivenbäume gefällt, ganze Landstriche stehen unter Quarantäne und verlieren ihre wirtschaftliche Existenz. Und eine touristische Attraktivität: Viele der knorrigen Bäume überlebten mehrere Jahrhunderte und wurden zum Symbol einer ganzen Region. Mehrere Pläne der italienischen Regierung, die sie im Namen der EU ausführte, schlugen fehl. Die Methoden wurden zusehends brachialer. Unter Protest der Landwirte wurden alle Bäume gefällt, die sich im weiteren Umkreis eines Infekts befinden. In mehreren Gebieten herrscht Notstand. Für Xylella fastidiosa existiert mittlerweile ein eigenständiges Traktandum im Forschungsprogramm Horizon 2020. (mrs)

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