Diese Musliminnen kritisieren den Islam am lautesten

Sie geben dem liberalen und säkularen Islam in der Schweiz ein Gesicht. Eine von ihnen ist so kompromisslos, dass sie der Zürcher Justizdirektion nicht mehr genehm ist.

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«Islamistische Drehscheibe Schweiz» heisst das bald erscheinende Buch von Saïda Keller-Messahli. Eine der Kernaussagen: «Der Westen will die grassierende Infiltration durch Islamisten nicht zur Kenntnis nehmen.» Das hat die bekannte Aktivistin gerade am eigenen Leib erlebt, als ihre Jihadismuskurse für das Strafvollzugspersonal sistiert worden sind. Das Zürcher Amt für Justizvollzug wirft ihr vor, in den Kursen nicht die Prinzipien der Integration und Religionsfreiheit zu vertreten.

Kurz zuvor hatte sie Pöschwies-Direktor Andreas Naegeli darauf hingewiesen, dass in Regensdorf Imame mit salafistischem Hintergrund und von Erdogans Gnaden ­tätig sind. Doch die Justizdirektion hält diese nach einer Prüfung durch die Kantonspolizei für unbedenklich. SP-Regierungsrätin und Justizdirektorin Jacqueline Fehr nimmt derzeit keine Stellung zu dem Ausschluss, sie weile in den Ferien.

Der Mann konvertierte nicht

Keller-Messahli hält es für «verantwortungslos, mit linker Integrations­romantik radikale Tendenzen wegzureden». Sie setzt auf Aufklärung, recherchiert nach Journalistenart. Was die Schweizer Öffentlichkeit über radikale Imame, salafistische Netzwerke, saudische und türkische Einflussnahme weiss, das weiss sie zum grossen Teil dank ihr. Längst ist die Zürcherin mit tunesischen Eltern die Meinungsführerin, präsent auf allen Kanälen: In der «Arena», auf Podien und Talkshows, in den Tageszeitungen. Wobei die Gründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam kämpferisch und kompromisslos auftritt. So manche Vertreter der Behörden mögen sie nicht, weil sie deren Einvernehmen mit den muslimischen Funktionären stört.

Was Zürich Keller-Messhali verwehrt, wird in Wien geschätzt. Dort gibt sie für den Österreichischen Integrationsfonds regelmässig Workshops zu Radikalismus und Extremismus. Überhaupt ist die Romanistin mit arabischer Muttersprache international bestens vernetzt. Sie gehört zur europäischen Bürgerinitiative Stop Extremism, die von der Europäischen Kommission ein gesetzliches Massnahmenpaket gegen den Extremismus verlangt. Sie ist Mitinitiantin der Freiburger Deklaration, mit welcher deutschsprachige säkulare Muslime sich auf eine Reform des Islam und unein­geschränkte Gleichberechtigung verpflichten. Keller-Messahli hat schon vor 30 Jahren demonstriert, dass zur Islamkritik zwingend die Genderdebatte gehöre. Damals heiratete sie den reformieren Schweizer Arzt Beat Keller und machte ihrer tunesischen Familie klar, dass dieser nicht zum Islam konvertieren werde – ein Verstoss gegen die Schariakultur. Auch als Grossmutter wird sie nicht müde, den patriarchalen Islam zu hinterfragen.

«Eine andere Betroffenheit»

Dieser wird selbstredend von konservativen Männern repräsentiert, am rechten Rand von Nicolas Blancho und Qaasim Illi vom Islamischen Zentralrat und innerhalb des Mainstreamislam durch Imame und Funktionäre der Moscheeverbände. Die bekannten Islamwissenschaftler Reinhard Schulze oder Hansjörg Schmid sind Nichtmuslime und Nichtaktivisten im akademischen Diskurs. In Deutschland gibt es neben den berühmten Aktivistinnen Seyran Ates, Necla Kelek oder Zana Ramadani progressive muslimische Männerstimmen, jene von Hamed Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide oder Abel-Hakim Ourghi. In der Schweiz jedoch fehlen namhafte muslimische Kämpfer für einen Reformislam; dieser hat ein ganz und gar weibliches Gesicht.

Vertreter des konservativen Islams: Nicolas Blancho vom Islamischen Zentralrat. Bild: Keystone/Siggi Bucher

«Wir Frauen haben eine andere Betroffenheit, weil uns die gängige Lesart des Islam zu Unmenschen macht, zu Objekten degradiert, männlicher Kontrolle unterwirft.» So deutlich sagt es Elham Manea, Politologin an der Universität Zürich und Aktivistin mehr auf der wissenschaftlich-akademischen Ebene. Gerade hier begegnet ihr oft das Argument, dass man nichts ändern könne, weil es der Koran nicht wolle. Für Manea indessen ist der Koran ein von Menschen geschriebenes Buch aus dem sich auch kein Kopftuch- oder Burkagebot ableiten lasse. «Die Burka steht für einen Islam, der die Frau vernichtet», so die Politologin. Klar, dass sie für ein Burkaverbot votiert, wenn auch nicht auf Verfassungsebene.

Manea, als Tochter jemenitischer Eltern in Ägypten geboren, ist heute auch Schweizerin. Vor 22 Jahren hat sie ihren reformierten Schweizer Mann geheiratet, der ihrer gläubigen muslimischen Mutter zuliebe konvertierte. Heute, sagt Manea, würde sie darauf beharren, dass ihr Mann Christ bleibt. Dank ihrer Studien zur Scharia hat sie erkannt, dass die Forderung nach Konversion des nichtmuslimischen Ehepartners nichts mit Glauben, aber viel mit Politik zu tun hat. Derzeit arbeitet sie an einem Buch über Islamismus.

Nebeneinander beten

Im Rahmen ihres Lehrauftrags am Zürcher Institut für Politikwissenschaft forscht sie zu Themen wie Paralleljustiz in England, autoritäre arabische Staaten, Chancen der Demokratisierung und Genderfragen. Manea unterstützt Initiativen für liberale Moscheen, in der Männer und Frauen nebeneinander beten; zum Beispiel jene von Kerem Adigüzel, der zurzeit im Raum Zürich einen Standort für eine moderne, progressive Moschee sucht. Manea selber leitet als Vorbeterin diese Gebete und ist Mitinitiantin des Projektes «Offene Moschee Schweiz».

Deren eigentliche Gründerin ist eine Basler Gymnasiallehrerin mit ägyptischen Wurzeln, sie heisst Jasmin El-Sonbati. Mit der offenen Moschee versuche sie, erstmals in der Schweiz einen genderoffenen und sakralen Raum für Muslime zu schaffen. Noch steckt die Initiative in den Kinderschuhen, es fehlt derzeit an Geld und eigenen Räumen. Bisher fanden Gebete in der Basler Elisabethenkirche und im Berner Haus der Religionen statt. Am «inklusiven islamischen Gebet für Männer und Frauen» vom 15. September in der Zürcher St.-Anna-Kapelle wird El-Sonbati erstmals selber als Vorbeterin auftreten. Dank des Moscheeprojekts sei sie zur «Aktivistin für einen Islam Schweizer Prägung» geworden. Die Resonanz bei der nichtmuslimischen Bevölkerung sei beträchtlich. Bisher sei es ihr jedoch nicht gelungen, hiesige Moscheevereine für ihr Projekt zu gewinnen.

Was von Frauen erwartet wird

In Kairo aufgewachsen, kam die Tochter einer Österreicherin und eines Ägypters mit 13 Jahren in die Schweiz. Doch in Deutschschweizer Moscheen mit arabischer Predigt begegnete sie dem gleichen separaten Männerbereich und dem gleichen Geschlechterverständnis wie in Ägypten. «Der Konservativismus ging einfach weiter. Auch die zweite und dritte Generation wächst in der Regel mit vielen kulturellen Verboten auf, mit festgefügten Bildern dessen, was von Frauen erwartet wird.» Ihre Vision: In der Schweiz einen Islam leben zu können, der mit den Grund- und Menschenrechten in Einklang steht. Dafür setzt sich die Romanistin auch in ihren Büchern ein, mit Titeln wie «Moscheen ohne Minarett» oder «Gehört der Islam zur Schweiz?».

Die Medienpräsenz, die El-Sonbati, Manea und Keller-Messahli durch ihr Engagement erreichen, hat Amira Hafner-Al Jabaji auch von Berufes wegen. Sie ist regelmässige Moderatorin der SRF-«Sternstunde Religion». Die Tochter eines Irakers und einer Deutschen versucht den Missstand des patriarchalen Systems positiv zu wenden: «Wir Frauen sind nicht so stark eingebunden in institutionelle Strukturen und Repräsentationsaufgaben und können darum freier und unabhängiger für unsere Ideen einstehen, mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Mainstreamislam.» Dass in diesem die Deutungshoheit in der Praxis bei den Männern liege, sei durch die Theorie oder Theologie nicht gedeckt. Die koranischen Quellen liessen viel mehr Einfluss von Frauen zu, als diese tatsächlich hätten. Strukturen aber, welche die Geschlechtergleichheit so vehement bekämpften, könnten auch bei allen anderen Fragen keine progressiven Ideen liefern.

Mit anderen Feministinnen

Für Hafner-Al Jabaji ist das Hauptproblem des real existierenden Islam nicht so sehr der Ausschluss der Frau als Vor­beterin, sondern dessen konservative Agenda überhaupt, besetzt mit Themen wie Rocklänge und Kopftuch. «Er ist allzu sehr damit beschäftigt, die Strukturen gegen gesellschaftliche Anwürfe zu erhalten und die Alltagsfrömmigkeit in Form der Spitalseelsorge oder Grabfelder zu organisieren.» Darum verpasse es der Mainstreamislam, sich um die weltbewegenden Themen wie ökologischer Wandel oder die wachsende Schere zwischen Arm und Reich zu kümmern.

Reflexionen dieser Art bringt die Islamwissenschaftlerin im Interreligiösen Think-Tank ein, wo sie mit Feministinnen anderen Glaubens für Gleichstellung kämpft. «Solange die muslimischen Männer Nutzniesser des Systems sind, wird sich wenig bewegen», sagt sie. Sobald diese aber merkten, dass auch ihnen das System nicht zum Vorteil gereiche, seien sie zu gewinnen für offenere, liberalere Haltungen.

Keller-Messahli, Manea und El-Sonbati waren Mitte Juni zur Eröffnung der liberalen Moschee in Berlin und unterstützen das Projekt der Menschrechtsaktivistin Seyran Ates. Mit deren Verurteilung hätten die staatlich-ägyptische Fatwa-Instanz und die türkische Religionsbehörde versucht, das Projekt zu politisieren, kritisiert Elham Manea. Umgekehrt zeige die harsche Abwehrreaktion die Angst des patriarchalen Islam, in der Diaspora an Boden zu verlieren. Das ist das Verdienst der Aktivistinnen.

Erstellt: 07.08.2017, 19:44 Uhr

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