Der Regimekritiker im Zürcher Bergdorf

Eine neue Chronik porträtiert Sternenberg, das höchstgelegene Zürcher Dorf, in all seinen Facetten – und in eindrücklichen Bildern.

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Man nannte ihn den Sternenberger Skiliftkrieg: 1992 erliess ein Ferienhausbesitzer aus dem Unterland kurzerhand ein Betriebsverbot für den Sternenberger Schlepplift, der seit 1971 auf seinem Land stand und bis heute existiert. Auslöser war ein Konflikt um die Bau- und Zonenordnung. Doch der Mann hatte nicht mit dem Kampfgeist der Sternenberger gerechnet. Behörden und Dorfbewohner wehrten sich vehement, und nach einer Briefaktion aller Sternenberger Schulkinder und wenig schmeichelhaften Medienberichten sah sich der Grundbesitzer zu einem Rückzieher gezwungen: Er hob das Skiliftverbot 1993 wieder auf, die Piste war gerettet.

Der Skiliftkrieg ist nur eine von vielen Episoden in der im Chronos Verlag erschienenen neuen Dorfchronik, welche die Stiftung pro Sternenberg herausgegeben hat. Sie dokumentiert auf 320 Seiten Geschichte, Menschen und Landschaft des mit 875 Metern höchstgelegenen Zürcher Dorfs. Die Texte von Historiker Markus Brühlmeier und Journalistin Ursula Eichenberger sowie die Bilder von Fotograf Tom Kawara fangen die Vielfalt des Orts ein und zeichnen ein aufschlussreiches Porträt einer Zürcher Randregion.

Solschenizyn beim Zürcher Stapi

Bekannt wurde Sternenberg, das 2015 mit Bauma fusionierte, vor allem durch die gleichnamige Filmkomödie von 2004. Die Chronik beleuchtet aber auch weniger Bekanntes wie den Aufenthalt des damals weltbekannten russischen Schriftstellers und Systemkritikers Alexander Solschenizyn (1918-2008). Dieser war 1975 vom Zürcher Stadtpräsidenten Sigmund Widmer in dessen Sternenberger Ferienhaus beherbergt worden. Der Nobelpreisträger soll sich später nicht nur freundlich über Sternenberg geäussert haben. Ihn störte, dass direkt am Haus ein Wanderweg vorbeiführte.

Fotograf Tom Kawara, der seit 30 Jahren auch für den TA arbeitet, reiste rund eineinhalb Jahre lang immer wieder nach Sternenberg – zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten, um die speziellen Stimmungen in der Natur einzufangen und die Bewohnerinnen und Bewohner zu porträtieren. Kawara spricht von einem «einmaligen Auftrag und eindrücklichen Erlebnis». Er staune noch heute, dass nur gerade 40 Minuten von der Stadt Zürich entfernt eine derart andere Welt existiere. Beeindruckt haben ihn auch die harte körperliche Arbeit vieler Sternenberger, deren Solidarität untereinander und die frühere Armut, die bis heute in Erzählungen älterer Bewohner durchschimmere. Zudem sei Sternenberg landschaftlich «einfach grossartig».

Markus Brühlmeier, Ursula Eichenberger: Sternenberg. Ein Ort und seine Geschichte. Mit Fotografien von Tom Kawara, Chronos Verlag, 320 Seiten, 192 Farbabbildungen, 48 Franken.

Buchpräsentation und Ausstellungseröffnung: Do, 23. Januar, 19 Uhr, Buchhandlung Never Stop Reading, Spiegelgasse 18, Zürich.

Erstellt: 13.01.2020, 17:27 Uhr

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