Der Schildkrötenflüsterer

Coni Altherr gilt als Freak, ein Mann mit verrückten Ideen. Vor zehn Jahren verkaufte er seine Firma – nun hat er sein Leben den Schildkröten verschrieben.

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«Ich bin kein Politiker, kein Weltverbesserer und auch kein Gutmensch. Aber ich mache mir Sorgen um die Schildkröten unserer Welt.» Der Mann, der diesen Satz sagt, heisst Coni Altherr und sitzt in einem Restaurant in Horgen. Um ihn herum hängen seine selbst gemalten Schildkrötenbilder an den Wänden. Vor wenigen Wochen war die Vernissage. Er schaut sich um und fragt: «Wer stirbt zuerst: Der Mensch oder die Schildkröte?» Ohne neue Werte sei es die Schildkröte, ist er überzeugt.

Damit es nicht so weit kommt, will er sich mit seinem neuen Kunstprojekt «Turtle Whisper» für eine bessere Welt einsetzen. Den Anfang machte eine Bilderausstellung im Oktober. Dabei bleibt es nicht. Eine sieben Meter lange, schwimmende Schildkröte wird 2017 im Zürichsee auf Vorträge, Foren und Events rund um das Thema des bedrohten Reptils und letztlich auch der Umwelt aufmerksam machen und so in Zusammenarbeit mit Partnerfirmen das Bewusstsein für den Umgang mit dem Planeten Erde schärfen.

«Blinzelt einem eine Schildkröte ins Gesicht, löst sie Ehrfurcht und Bewunderung aus»: Coni Altherr mit Schildkröte. Foto: Reto Oeschger

In einem nächsten Schritt werden die Bilder auf einer Tour an diversen Orten in der Schweiz der Öffentlichkeit präsentiert. So sind rund 20 Werke ab Dezember in Arosa zu bewundern. «Die Betrachter werden überrascht sein, wie meine Bilder im Schnee wirken», sagt Coni Altherr. Danach zieht die Ausstellung weiter in die Kunststadt Basel.

Er hofft, dass seine Werke einen Dialog anstossen. «Ich bin überzeugt, dass der Klima-, Umwelt- und Artenschutz die Akzeptanz der Gesellschaft braucht, um nicht bloss eine Absichtserklärung auf Papier zu bleiben.»

«Das geht nicht» gibts nicht

In den vergangenen Jahren ist es etwas still geworden um Coni Altherr, dabei ist er kein unbeschriebenes Blatt. Als «Trend-Guru» feierten ihn die Medien vor 15 Jahren, ein «Querdenker und Paradiesvogel mit Pioniergeist», ein «Visionär, der überall das Gras wachsen hört», hiess es. Seine Gegner, oder wie er sagt Neider, kritisierten ihn hingegen. Altherr sei ein Freak mit verrückten Ideen, die sich nicht umsetzen lassen würden. Sie stempelten ihn als Spinner ab, weil die Worte «Das geht nicht» in seinem Wortschatz nicht vorkommen. Altherr sagt dazu: «Ich bin ein Künstler und Macher, der Events kreiert, und lasse mich von Schwierigkeiten nicht behindern.» Einige Beispiele: Hundeschwimmen im ­Zürichsee, Carving-Cup, Skicross-Rennen, Nachtführungen im Zoo, Schlittenhunde- und Bikerennen.

Der Durchbruch als Unternehmer kam für den ehemaligen Fotografen, Werber und Verlagsleiter von Zürcher Lokalzeitungen sowie Segel-, Golf- und Bikemagazinen Mitte der 90er-Jahre, als er die Schuhe mit den vier Rollen entdeckte: Inlineskating. Instinktiv erkannte Altherr das Potenzial, das in dieser neuen Sportart schlummerte. «Ich hatte zwei Ziele: das Inlineskaten in der Schweiz populär zu machen und danach weltweite Anlässe durchzuführen.» Bald wurde er zum geistigen Vater der Schweizer Inlinebewegung. Mit einem kleinen Team gründete er den Swiss Inline Cup und führte den ersten Inlinemarathon auf Strassen in der Schweiz durch. Das Erfolgskonzept: «Spitze und Breite und Party gleich Glück». An den Veranstaltungen nahmen Spitzensportler teil, die Breitensportler anlockten, und nach dem Rennen gab es für Teilnehmer und Zuschauer jeweils ein Riesenspektakel. Die Inlineanlässe waren Volksfeste. Beim jährlichen Zürcher World Inline Cup beispielsweise flitzten neben 2000 Breitensportlern auch 160 der besten Inlineskater aus 31 Nationen rund um das Zürcher Seebecken.

«Mister Inline»

Altherr wurde vollends zum «Mister Inline», als er den World Inline Cup gründete. «Eine verrückte Zeit. Ich war rund um die Uhr unterwegs.» An 25 Wochenenden pro Jahr organisierte und begleitete er Rennen: In den USA, Europa, China, Südkorea und Taiwan starteten durchschnittlich zwischen 2000 und 7000 Teilnehmer pro Austragungsort.

2005 zog er einen Schlussstrich. Er verkaufte seine Firma an den ehemaligen Chef des weltgrössten Sportvermarkters. «Das war ein Fehler», sagt er heute. «Aber damals war ich ausgelaugt und überzeugt, dass es der richtige Schritt war, um neue Synergien zu nutzen.» Kritiker hielten ihm vor, er habe verkauft, weil er geahnt habe, dass der Boom des Inlineskatings vorbei war und die Trendsportart sich zum normalen Hobbysport entwickeln würde. Altherr widerspricht vehement. Die neuen Besitzer hätten ein anderes Konzept verfolgt. «Es verwundert mich nicht, dass die Leute nicht mehr in Massen kamen.» Hat auch er Fehler gemacht? Zu viel allein gemacht, sagt er, statt die Verantwortung rechtzeitig auf mehrere Schultern zu verteilen. Er betont aber: «Ich habe das Schiff nicht im Stich gelassen.» Nach wie vor sei er überzeugt, dass Sport und Lifestyle sich mit einem richtigen Konzept erfolgreich ergänzten.

Tatsache ist aber, dass der Inlineboom längst passé ist und der prestigeträchtige Swiss Inline Cup Vergangenheit. Mit dem Niedergang der Serie wandten viele Breitensportler der Sportart den Rücken zu.

Halt gefunden in der Malerei

Nach dem Verkauf zog sich Altherr zurück. Den Untergang der Inlinebewegung mit anzusehen, war hart. Die Kunst – neben dem Sport eine seiner weiteren Leidenschaften – gab ihm Halt. Er konzentrierte sich in den vergangenen zehn Jahren vor allem auf die Malerei in seinem Atelier in Richterswil. Seine Grundausbildung dazu erhielt er in jungen Jahren beim Kunstmaler Fritz Strebel. Dabei nahm das Projekt «Turtle Whispers» immer konkretere Gestalt an. Er vertiefte sein Wissen über diese Urtiere, besuchte Vorträge und setzt sich mit Pinsel und Farbe künstlerisch damit auseinander. «Ich male bewusst zwei Stile, die ich als Neorealismus und Graffiti-Expressionismus bezeichne.»

Coni Altherr versteht sich nun als Lautsprecher der Schildkröten, die im Gegensatz zu vielen anderen bedrohten Tieren keine Lobby haben. Er sei sich bewusst, dass er mit seinem Kunstprojekt letztlich weder die Welt noch die Schildkröten retten könne. Weshalb ausgerechnet die Schildkröten? «Blinzelt einem eine Schildkröte ins Gesicht, löst sie eine leise Ehrfurcht und Bewunderung aus», sagt Altherr. Schildkröten besiedeln seit über 200 Millionen Jahren die Erde – «und sie bezaubern die Menschen mit einer beneidenswerten Gelassenheit», sagt er. «Zudem ist sie eines der wenigen Tiere, die es zu einem eigenen Haus gebracht haben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2016, 20:03 Uhr

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