Der Schlossherr muss ausziehen

Rolf Erb und seine Familie müssen umziehen und die Oldtimer-Sammlung aufgeben. Das haben die Bundesrichter entschieden.

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Drei Gerichte haben ihn als Betrüger verurteilt, sein Familienimperium zerbrach 2003, die Gläubiger machen eine Summe von 6,5 Milliarden Franken geltend, er selbst ist in Konkurs gegangen. Trotzdem wohnt Rolf Erb bis heute im 27 Millionen Franken teuren Schloss Eugensberg ob Salenstein im Thurgau. Zum rund 100 Hektaren grossen Anwesen gehören ein Pool mit einem kleinen Rundtempel, ein Gutshof und ein schmuckes Rosenhäuschen. Nun müssen der Schlossherr, seine Frau und seine Zwillingssöhne aber ausziehen. Das Bundesgericht hat das Urteil des Zürcher Obergerichts bestätigt, wonach Eugensberg in die Konkursmasse fliesst.

Die Eigentümer des Anwesens sind zwei Teenager, Erbs Zwillinge. Er schenkte es ihnen kurz vor ihrem ersten Geburtstag, kurz bevor das Familienimperium zerbrach. Während für die Zürcher Gerichte klar war, dass der gescheiterte Unternehmer damit die zahlreichen Gläubiger geschädigt hatte, machte dieser väterliche Fürsorge geltend. Erb argumentierte, er habe mit der Schenkung für seine Zwillinge bis ins Erwachsenenalter vorsorgen und seine «junge Familie finanziell auf eigene Füsse stellen» wollen.

Erb hat mit dem Konkurs rechnen müssen

Er überschrieb seinen Söhnen aber nicht nur das Schloss, sondern auch je eine Million Franken. Das Schlossinventar und eine stattliche Oldtimersammlung im Wert von 1,4 Millionen Franken schenkte Rolf Erb – ebenfalls kurz vor dem Konkurs des Unternehmens – seiner Lebenspartnerin. Nach all diesen Vermögenswerten greifen nun die Anwälte der Gläubiger. Dagegen haben sich Rolf Erbs Partnerin und dessen Bruder Christian Erb vor dem Bundesgericht gewehrt. Vergeblich hatten sie im Wesentlichen den Schuldspruch gegen Rolf Erb wegen Gläubigerschädigung bestritten. Dieser bildet nämlich die juristische Grundlage für die vom Zürcher Obergericht beschlossene Einziehung des Vermögens.

Das Bundesgericht hat die beiden Beschwerden abgewiesen, soweit es darauf eingetreten ist: Es liess den Entscheid des Zürcher Obergerichts nicht als willkürlich gelten und argumentierte, dass die Einwände der beiden Beschwerdeführer nicht geeignet seien, die Würdigung des Obergerichts infrage zu stellen. Die Bundesrichter gehen zudem wie die Vorinstanzen davon aus, dass die Gesellschaften der Erb-Gruppe in den Jahren 1998 bis 2002 bereits überschuldet waren, Rolf Erb also mit seinem Konkurs rechnen musste, als er sein Vermögen verschenkte.

Zweitgrösste Pleite der Schweizer Wirtschaftsgeschichte

Der Konkurs des Winterthurer Familienunternehmens ist nach dem Grounding der SAir Group die zweitgrösste Pleite der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Der Strafprozess vor dem Winterthurer Bezirksgericht und später vor dem Zürcher Obergericht war äusserst komplex. Nach siebenjähriger Untersuchung betrug der Aktenumfang mehrere Hundert Bundesordner. Basierend auf einer 141-seitigen Anklageschrift fällte das Bezirksgericht Winterthur ein rund 950 Seiten umfassendes Urteil. Der Entscheid des Zürcher Obergerichts betrug gut 700 Seiten. Das Verdikt beider Instanzen lautete: Rolf Erb ist schuldig des gewerbsmässigen Betrugs, der mehrfachen Urkundenfälschung sowie der mehrfachen Gläubigerschädigung durch Vermögensverminderung. Dafür kassierte der 64-Jährige sieben Jahre Freiheitsstrafe. Er muss zudem Gerichts- und Untersuchungskosten sowie Prozessentschädigungen von mehreren Hunderttausend Franken berappen.

Rolf Erb hatte gegen das Urteil erfolglos beim Bundesgericht rekurriert. Er könnte den Fall an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg weiterziehen.

6B_396/2014 und 6B_441/2014 (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2015, 12:01 Uhr

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Die Schlossherren von Eugensberg

Eugène de Beauharnais (1781 bis 1824) liess 1819 das Schloss am Bodensee erbauen und zog 1821 ein. Er trug die Titel Vicomte de Beauharnais, 1. Herzog von Leuchtenberg, Fürst von Eichstätt, Vizekönig von Italien. Er war der Sohn aus erster Ehe der späteren französischen Kaiserin Joséphine und damit der Stiefsohn Napoleons I.

1824 erbt Prinzessin Eugénie von Hohenzollern-Hechingen das Anwesen.

1834 kauft der Augsburger Heinrich von Kiesow das Schloss.

1857 erwirbt Graf Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz Eugensberg und schenkt es seiner Frau.

Ihre Tochter Pauline erbt das Gut im Jahr 1912.

1915 wechselte es bereits wieder den Besitzer: Hippolyt Saurer-Hegner kauft das Schloss.

1939 wird der Eugensberg in eine Stiftung umgewandelt und ist der Öffentlichkeit zugänglich.

1944 wird die Stiftung wieder aufgelöst, neu ist die Witwe Saurer-Hegner Besitzerin.

Ihr kauft es der Diakonieverband Ländli in Oberägeri 1948 ab und richtet auf dem Anwesen ein Erholungsheim ein.
Vierzig Jahre später wird der Heimbetrieb wieder eingestellt. Eugensberg bleibt ab 1988 leer.

1990 kauft die Familie Erb das Anwesen. (pia)

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