«Meine Kunden verlassen die Schweiz alle freiwillig»

Zürich setzt auf eine aussergewöhnliche Massnahme, um abgewiesene Asylbewerber zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen: Den Sonder-Ausschaffer.

«Viele Rückkehrer fühlen sich als Versager, weil sie in der Schweiz am untersten Rand der Gesellschaft gelebt haben»: Franz Bättig. Foto: Urs Jaudas

«Viele Rückkehrer fühlen sich als Versager, weil sie in der Schweiz am untersten Rand der Gesellschaft gelebt haben»: Franz Bättig. Foto: Urs Jaudas

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Er sieht nicht so aus, wie man ­erwarten würde: tiefe Lachfalten, verschmitzte Augen, ein bubenhaftes Gesicht unter weissem Haar – eine freundliche, sanftmütige Erscheinung. Dabei ist Franz Bättig ein Hardliner, ein Mann für die ganz harten Fälle.

Der 64-Jährige kommt dann zum Einsatz, wenn alle Sanktionsmöglichkeiten ausgeschöpft sind: abgelehntes Asylgesuch, Landesverweise, Haftstrafen, Zwangsrückführungen. Bättig nimmt sich derjenigen Asylsuchenden an, deren Gesuche vor zehn und mehr Jahren abgelehnt worden sind. Menschen, die sich längst mit ihrem illegalen Status abgefunden haben, Menschen, deren wahre Identität oftmals unbekannt ist. Bättigs Ziel: Er will diese Menschen überzeugen, doch noch in ihr Heimatland zurückzukehren. Freiwillig. Seine Stelle wurde neu geschaffen, sie gehört zum Asylkonzept von ­Sicherheitsdirektor Mario Fehr. Seit vergangenem März arbeitet Bättig – ein ehemaliger Kantonspolizist – im Migrationsamt als schweizweit erster «Sonder­berater für Ausreisen».

Franz Bättig, wie überreden Sie renitente abgewiesene Asylbewerber zur freiwilligen Rückkehr?
Ich überrede nicht, sondern versuche zu überzeugen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Meine Kunden – so nenne ich sie – verlassen das Land alle freiwillig. Wer sich überreden lässt, könnte später ein Reuegefühl entwickeln und wieder zurückkehren. Meine Intention ist nachhaltiger, weil sich diese Menschen selbst für eine Rückkehr entscheiden. Bei Zwangsausschaffungen ist die Rückfallquote höher.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?
Sie klingt bescheiden. Ich zähle bisher vier erfolgreiche Fälle und einen fünften, der kurz vor dem Abschluss steht. Auf der anderen Seite: Abgewiesene Asylsuchende, die straffällig geworden sind, kosten die Steuerzahler teilweise über 100'000 Franken pro Jahr. Auf die Jahre hochgerechnet, dürften vier Fälle die öffentliche Hand schon wesentlich entlasten. Noch gravierender ist die ­Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, die von Intensivtätern, mit denen ich in der Regel zu tun habe, ausgeht.

Franz Bättig kümmert sich um Menschen wie Said F. (Name geändert). Der Mann kam 2005 in die Schweiz und gab eine falsche Identität an. Im ersten halben Jahr in der Schweiz vergewal­tigte Said F. eine Frau und sass darauf zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Zurück in Freiheit, folgten die nächsten Straftaten. In 14 Jahren wurde er 19-mal verurteilt, er verbrachte total elf Jahre und einen Monat in Schweizer Gefängnissen. Said F. hatte ein Suchtproblem – stand kein Alkohol zur Verfügung, nahm er andere Drogen. Er war emotional labil, seine Frustrationsgrenze lag tief. Said F. habe stets gefragt, wo er denn hin solle. Er habe ­keinen Bezug zu seinem Heimatland. Eine Zwangsausschaffung war unmöglich, weil seine Identität unbekannt war. In der Asylunterkunft in Urdorf fühlte sich Said F. fremd. Mehrmals kam es zu ­gewalttätigen Auseinandersetzungen. Der Nordafrikaner verbrachte viel Zeit im Wald in der Nähe der Asylunterkunft. So auch, als Franz Bättig ihn im vergangenen Frühling zum ersten Mal aufsuchte.

Wie verlief die ­Kontaktaufnahme mit Said F.?
Es war ein erstes Treffen, da passierte noch nicht viel. Ich sagte, dass ich mit ihm reden wolle. Es brauchte Wochen, Monate, bis er etwas Vertrauen zu mir fasste. Meine Mission ist klar: Ich will abgewiesene Asylbewerber überzeugen, dass es ihnen zu Hause besser geht als in der Schweiz. Dafür suche ich sie immer und immer wieder auf. Verweigern sie den Kontakt, kehre ich trotzdem zurück. Ich habe einen ­langen Atem.

Weshalb waren Sie sich bei Said F. sicher, dass es ihm im Heimatland besser geht?
Ich zeigte ihm seine aktuelle ­Situation auf: eine tägliche Nothilfe von 8.50 Franken, eine bescheidene Unterkunft, keine Freunde, keine richtige Bindung. Wer will ein solches Leben? Ich führte rund zehn lange Gespräche mit Said F. Die Inhalte drehten sich lange im Kreis. Personen mit Suchtproblem, wie Said F., sind besonders unberechenbar.

Weshalb?
In gewissen Phasen konnte ich kein Wort mit ihm sprechen. Wenn er Drogen intus hatte, sprach er nur wirr auf Französisch und wollte in Ruhe gelassen werden. Ich sagte ihm dann, dass ich am Abend nochmals vorbeikommen würde: «Dann gehen wir spazieren und trinken einen Kaffee zusammen.» So gelang es mir allmählich, Vertrauen aufzubauen. Bei den meisten Personen, mit denen ich bisher zusammenarbeitete, war ich ­zuletzt die einzige Verbindungsperson, die sie hatten.

Wie versuchten Sie Said F. noch zu überzeugen?
Eine wichtige Rolle spielen meistens die Familien in der Heimat. Ich bringe den Menschen in Erinnerung: «Sie haben Eltern, die sind nun betagt. Vielleicht sind sie jetzt krank, sie brauchen Ihre Hilfe, die zählen auf Sie!»

Im Sommer gelang Bättig der Durchbruch. Said F. verriet ihm das, was er über 15 Jahre lang allen verschwiegen hatte: seine Identität. Ein Vertrauensbeweis. An einem schönen Vormittag im September standen Bättig und Said F. in einem Kleiderladen der Caritas. «Wie steht mir dieser Kittel?», fragte der Nordafrikaner. Der Besuch im Kleidergeschäft ist laut Bättig das übliche Vorgehen. Es sei wichtig, dass diese Personen nicht wie Obdachlose nach Hause zurückkehren. Anständige Kleidung sei wichtig. Kurz vor der Abreise überreichte Bättig dem Rück­kehrer zudem noch Schweizer Souvenirs und vier Kilogramm Schokolade. Letztere ist bei Bättig Standard. Das Ausreisegeld betrug 2000 Franken, ein Startkapital für die ersten Monate nach der Ankunft. Der Kantonspolizist begleitet seine «Kunden» bis zum Gate. Er bleibt am ­Flughafen, bis sich die Tür des Flugzeugs schliesst. Erst dann endet sein Auftrag.

Was geht in den Menschen kurz vor der Abreise vor?
Ich habe noch niemanden erlebt, der sich zu diesem Zeitpunkt nicht auf die Rückkehr gefreut hätte. Es ist wie ein Schalter, der umgelegt wird. Im Zug nach Genf erzählen mir einige Leute ihre wahre Geschichte. Sie erwähnen Angehörige, die sie über Jahre verschwiegen hatten. Einer drückte mir einst sein Handy in die Hand. Auf dem Display ­erschien seine Mutter per Facetime. Sie bedankte sich bei mir, dass ich ihr ihren Sohn zurückbringe.

So harmonisch wird es sich kaum in jedem Fall abspielen.
Angst ist die grösste Hürde für eine Rückkehr. Angst davor, dass die Familie sie nicht akzeptieren wird. Viele Rückkehrer schämen sich, sie fühlen sich als Versager, weil sie in der Schweiz am untersten Rand der Gesellschaft gelebt haben. Wir versuchen deshalb schon vorgängig Angehörige zu kontaktieren, um sie auf die Rückkehr des Familienmitglieds vorzubereiten.

Reisten Sie auch schon mal mit ins Heimatland?
Ich begleitete einst eine Person nach Westafrika. Der Mann war gewaltbereit, er hatte eine frauenfeindliche Gesinnung. Mit der Begleitung wollte ich sicher­stellen, dass die Rückreise ohne Komplikationen verläuft. Das gelang. 36 Stunden später landete ich wieder in der Schweiz.

Diese Personen bleiben in ihrer Heimat vielleicht gewaltbereit. Interessiert Sie das dann noch?
Wir versuchen sicherzustellen, dass die Personen in der Heimat eine existenzielle Basis haben.

Führen Sie Kontrollen durch?
Es ist nicht möglich, dass das ­Migrationsamt in den Herkunftsstaaten Kontrollen durchführt. Wenn die Person zurück in ihrem Heimatland ist, haben wir keinen Handlungsspielraum mehr. Das jeweilige Land ist jedoch über die Rückkehr informiert.

Vor ein paar Monaten dachte Franz Bättig ans Aufgeben. Er war zunächst erfolglos im neuen Job. Es gab Personen, die kurz vor der Ausreise standen und im letzten Moment noch untertauchten. Das sei ihm «an die Nieren gegangen» und habe ihm schlaflose Nächte bereitet. Im Juni dann der erste Erfolg, die Motivation war zurück. Bättig bleibt nun im Job bis mindestens im nächsten Frühjahr. Dann wird entschieden, ob seine Position weitergeführt wird.

Weshalb sind Sie der Richtige für diesen Job?
Ich habe kein Psychologiestudium. Bei mir ist alles Learning by Doing. Ich war viele Jahre in der Fahndung. Es gelang mir meist, einen guten Draht zu ­Kriminellen zu pflegen – auch zu Personen mit einem Suchtproblem. Ich weiss, wie diese Personen ticken. Der ruppige Ton, der in diesen Kreisen ­oftmals herrscht, ist für mich kein Problem, ich habe keine ­Berührungsängste.

Was ist das Wichtigste, was Sie in den vergangenen Monaten gelernt haben?
Ich frage meine Klienten manchmal, was sie an meiner Stelle ­anders machen würden. Mehrere Personen antworteten mir: Versuche unbedingt herauszufinden, wer die Mutter ist. Würde ich die Mutter ans Telefon kriegen, hätte ich schon halb ­gewonnen, sagen sie. Gerade in Maghreb-Staaten haben Mütter grossen Einfluss auf ihre Söhne. Das beachte ich bei meinen künftigen Fällen.

Was motiviert Sie für diesen Job?
Der tägliche Umgang mit den Menschen. Kein Fall ist wie der andere. Das ist unglaublich spannend. Kann ich eine Person zur freiwilligen Rückkehr bewegen, dann ist das der grösste Erfolg. Dann gönne ich mir am Abend schon ein Glas Rotwein.

Erstellt: 30.11.2019, 10:03 Uhr

Franz Bättig

Der 64-Jährige arbeitete 41 Jahre lang bei der Kantonspolizei Zürich. 1990 trat er in die Kriminalpolizei ein, in der er 1995 zum Dienstchef und 2001 zum Offizier befördert wurde. Er war unter anderem Einsatzleiter in der Drogenszene zur Letten-Zeit. Die letzten sieben Jahre war er Chef der Zürcher Regionalpolizei. (TA)

8.50 Franken pro Tag: Leben in der Nothilfe

Zurzeit leben im Kanton Zürich rund 17600 Asylbewerberinnen und Asylbewerber – solche, deren Gesuch hängig ist, aber auch vorläufig aufgenommene und abgewiesene. Gut 650 Personen beziehen zurzeit eine Nothilfe von täglich 8.50 Franken. Die meisten von ihnen leben in einer der fünf Notunterkünfte für abgewiesene Asylbewerber, 124 sind zurzeit in Haft – weil sie Gefängnisstrafen verbüssen oder sich in Ausschaffungshaft befinden.

Die Zahl der Nothilfebezüger wurde seit 2011, also seit dem Amtsantritt von Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP), drastisch reduziert: von 1476 auf zurzeit 654. Gut 50 Personen beziehen seit zehn oder mehr Jahren Nothilfe, 4 von ihnen seit über 20 Jahren. Es handelt sich um Personen, die sich zurzeit im Gefängnis befinden, oder solche, bei denen eine Zwangsausschaffung nicht möglich ist.

Franz Bättig soll diese Personen zur freiwilligen Rückkehr bewegen. Eine Zwangsausschaffung ist nicht möglich, wenn die Identität der abgewiesenen Asylsuchenden unbekannt ist oder kein Rücknahmeabkommen mit den Herkunftsländern besteht. Zurzeit ist dies bei Algerien, Marokko, Eritrea und Äthiopien der Fall. (mrs)

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