Google Schweiz schnappt anderen Firmen die Spezialisten weg

Eine Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Untersuchung zeigt: Einer von drei Google-Angestellten in Zürich stammt aus einem Drittstaat. Das bringt andere Firmen in Bedrängnis.

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Mit den neuen Büros an der Europaallee bekennt sich Google zum Standort Zürich. Auf 5000 Angestellte möchte der Konzern seine Belegschaft in den nächsten Jahren ausbauen. Heute sind es 2000 Personen, die ihren Lebensmittelpunkt nach Zürich verlegt haben. Sie leben, konsumieren und bezahlen Steuern in Zürich. Es sind sogenannte Zoogler – eine Wortschöpfung aus Zürich und Google –, die aus 75 Nationen den Weg in die Schweiz fanden.

So weit die offiziellen Angaben, mehr will Google nicht bekannt geben. Weder kommuniziert die Firma, wie viele Schweizer sie beschäftigt, noch, wie viele Personen aus Drittstaaten stammen – aus Ländern ausserhalb Europas also. Eine Analyse von Einträgen auf der Social-Media-Plattform Linkedin liefert mehr Informationen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet untersuchte 845 Personenprofile, auf allen ist Google Zürich als aktueller Arbeitgeber angegeben. Die Profile zeigen auch: Bloss eine Minderheit der Belegschaft wurde an Schweizer Hochschulen ausgebildet. Der Studienort gibt einen Hinweis auf die Herkunft der Mitarbeiter.

Infografik: Nur wenige Google-Mitarbeiter haben in der Schweiz studiert Grafik vergrössern

Gerne betont Google seine Nähe zu den Schweizer Ausbildungsstätten. Die ETH, die EPFL und die Universität Zürich seien ausschlaggebend gewesen, den Standort Zürich zu wählen. Der vergleichsweise tiefe Steuerfuss spiele eine untergeordnete Rolle. «Unsere Priorität ist, die Angestellten in der Schweiz zu finden», sagte Google-Schweiz-Chef Patrick Warnking vor gut einer Woche im Interview mit Radio SRF.

Video - in den neuen Zürcher Google-Büros:

Die Realität sieht anders aus: Nur 14,4 Prozent der untersuchten Personen gaben auf Linkedin an, eine Schweizer Universität besucht zu haben. 54,6 Prozent sind ehemalige Studenten einer Lehranstalt in der Europäischen Union (EU), dabei fällt Polen als häufiges Studienland auf. Der osteuropäische Staat ist bekannt für seine IT-Spezialisten. Ein weiteres Drittel absolvierte eine Hochschule ausserhalb der EU und der Schweiz: 31 Prozent der Google-Mitarbeiter geben Schulen an wie die Tsinghua University in Peking, China, die Istanbul Technical University in der Türkei oder das Indian Institute of Technology in Delhi, Indien.

Die früheren Aufenthaltsorte der Google-Angestellten liefern Hinweise auf eines der bestgehüteten Geheimnisse des Konzerns: wie viele Fachkräfte aus Drittstaaten bei Google beschäftigt sind. Abgeleitet aus der Angabe der jeweiligen Hochschule stammen knapp ein Drittel der Mitarbeiter aus einem Land ausserhalb der EU. Auf 2000 Personen hochgerechnet wären dies rund 620 Personen, für die Google in den letzten Jahren eine kantonale Bewilligung für Drittstaatenfachkräfte erhielt. Das ist politisch brisant: Die Drittstaatenkontingente im Raum Zürich sind hart umkämpft. Im vergangenen Jahr waren sie bereits im April aufgebraucht. Für das laufende Jahr erhielt der Kanton vom Bund ein Kontingent von 655 Personen zugesprochen. Davon werden 403 an Kurzaufenthalter vergeben, 252 an Personen mit B-Bewilligung, also Fachkräfte, die sich langfristig hier niederlassen. Darüber hinaus kann der Kanton in Ausnahmefällen weitere Kontingente aus der Bundesreserve anzapfen.

Bildstrecke - aus der Sihlpost wurde Google:

Setzt Google seine Ausbaupläne um, wird sich die Knappheit bei den Kontingenten weiter verschärfen. Für viele kleinere Firmen, die auf Spezialisten aus Drittstaaten angewiesen sind, ist die Situation schon heute angespannt. Etwa für den Versicherungsbroker Knip AG: «Wir haben schlechte Erfahrungen mit den Drittstaatengesuchen gemacht», sagt Knip-Chef Dennis Just. Er beschäftigt rund hundert Angestellte aus dreizehn verschiedenen Ländern. Allerdings stammt keine einzige seiner Fachkräfte aus einem Drittstaat.

Der Grund seien die komplizierten und aufwendigen Verfahren, sagt Just. 2015 wollte die Firma Knip zwei IT-Spezialisten einstellen. Zweimal ist sie mit dem Begehren gescheitert. Zuerst verwehrte das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) die Einstellung eines russischen Entwicklers. Die Ablehnung wurde damit begründet, dass es in der Schweiz genug entsprechende Spezialisten gebe. Just widerspricht der Einschätzung des AWA: «Wir fanden hier kein passendes Personal mit der notwendigen Erfahrung.»

Der Kanton lehnte auch das Gesuch für einen Amerikaner ab. Sein Salär hatte sich nach Einschätzung des AWA «unter dem Marktniveau» befunden. Für Just eine realitätsferne Begründung. Denn: In Start-ups werde ein Grossteil des Gehalts mit Anteilen vergütet, um die Ausgaben möglichst tief zu halten.

Aus demselben Grund musste ein anderes Zürcher Start-up auf die Einstellung einer Südafrikanerin verzichten. Die junge Firma mit fünf Angestellten hätte der Marketingspezialistin ein Jahresgehalt von 70 '000 Franken plus Firmenbeteiligung bezahlt. Zu wenig, befand der Kanton. «Ein höheres Gehalt ist für ein Start-up unrealistisch», sagt der Firmenchef, der anonym bleiben will. Als Start-up sei man fast chancenlos, an gut ausgebildetes Schweizer Personal zu kommen. Abgänger der hiesigen Hochschulen würden meist den etablierten Unternehmen wie Google den Vorzug geben.

Das Problem mit der kontingentierten Zuwanderung hat sich mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative verschärft.

Nicole Stadler kennt die Problematik der Spezialisten-Kontingente. Im Jahr 2010 arbeitete sie als Rekrutierungs-Spezialistin für Google Zürich. Danach hat sie sich mit einer eigenen Personalagentur selbstständig gemacht. Regelmässig geht sie auch für Start-ups auf Personalsuche. «Ich vermittle auf deren Wunsch praktisch ausschliesslich Personen mit Wohnsitz in der Schweiz oder der EU», sagt Stadler. Bei Google, wo sich ganze Abteilungen um die Rekrutierungsprozesse kümmern würden, sei die Einstellung von Spezialisten aus Drittstaaten unproblematisch gewesen. «Ich kann mich an kein einziges Gesuch erinnern, das damals vom Kanton abgelehnt worden wäre», sagt Stadler. Für junge Unternehmen hingegen sei es in den letzten Jahren beinahe unmöglich geworden, die aufwendigen und komplizierten ­Gesuche zu stellen. Deshalb würden sie zumeist von vornherein darauf ­verzichten.

Das Problem mit der kontingentierten Zuwanderung hat sich in den letzten Jahren verschärft. Genauer: mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative (MEI). Der Bundesrat sah sich 2015 veranlasst, das schweizweite Kontingent von 8500 auf 6500 Bewilligungen zu senken. Gleichzeitig forderte er die Wirtschaft auf, das inländische Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen. Kantone und Unternehmen reagierten mit Protest. Auch Google war Teil dieses Protests: Es müsse mehr Zuwanderung zugelassen werden, ansonsten werde der Standort Zürich an Bedeutung verlieren, sagte Julien Borel, leitender Ingenieur beim Internetkonzern, Ende 2015. Die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker-Späh (FDP) intervenierte darauf gemeinsam mit anderen Kantonen beim Bundesrat. Mit Erfolg: Für das laufende Jahr erhöhte er das Kontingent von 6500 auf 7500.

Grosse Firmen im Vorteil

In Zürich kommen die Spezialisten gemäss AWA am häufigsten aus Indien, den USA, China oder Russland. Die Gesuche würden für alle Firmen «nach dem Gleichbehandlungsprinzip» geprüft, sagt AWA-Sprecherin Lucie Hribal. Der Kanton geht jedoch aktiv auf grössere Unternehmen (darunter Google) zu, um sogenannte Bedarfsprognosen zu erstellen. Gemeinsam mit den Personalabteilungen wird eruiert, wie viele Arbeitskräfte aus Drittstaaten benötigt würden. «Diese Informationen leiten wir an das Staatssekretariat für Migration weiter, damit sie sich ein Bild von der Nachfrage machen können», so Hribal.

Kleinere Unternehmen fühlen sich benachteiligt. «Für grosse Firmen mit Verbindungen in die Politik ist es ­deutlich einfacher, Kontingente zu erhalten», sagt Knip-Chef Just. Seine Firma reagierte auf das Rekrutierungsproblem und gründete je einen Ableger in Berlin und in Belgrad. Just sieht Zürich als ­guten Standort für Start-ups gefährd­et: «Will die Schweiz ihren traditionellen Finanz- und Versicherungsstandort in die digitale Zukunft führen, müssen Start-ups besser verstanden und unterstützt werden.» AWA-Sprecherin Hribal verweist darauf, dass der Kanton allen Firmen dieselben Informationen erteilt – sofern sie denn aktiv beim Kanton nachfragen würden.

Etablierten Grossfirmen gelingt es derweil regelmässig, ausländische Talente der Konkurrenz an sich zu binden. Dies zeigt ein Blick auf die Unter­nehmen, bei denen die Mitarbeiter vor Google engagiert waren. Auf die meisten Nennungen kommt gemäss er LinkedIn-Auswertung die ETH als Arbeitgeber. Dann folgen die Firmen der Konkurrenz: Microsoft, Facebook. Und weiter unten Yandex, eine auf­strebende Such­maschine aus Russland.

Google wollte die Resultate nicht kommentieren. Wie in jedem anderen Land erhebe und veröffentliche Google Schweiz keine Zahlen darüber, wie viele Mitarbeiter aus welchem Land stammen würden. Zudem führe Google auch keine Zahlen zu spezifischen Teams oder Mitarbeiter-Kategorien auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2017, 21:23 Uhr

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