Noch heute gibt es Leute im Dorf, die ihn nicht grüssen

Wie jetzt das Spital Affoltern waren vor 25 Jahren mehrere Landspitäler bedroht. Richard Bisig war «der Spitalschliesser» – eine Begegnung.

Richard Bisig vor dem ambulanten Gesundheitszentrum in Dielsdorf. Foto: Urs Jaudas

Richard Bisig vor dem ambulanten Gesundheitszentrum in Dielsdorf. Foto: Urs Jaudas

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Im Knonauer Amt tobt ein Streit um das Spital Affoltern. Schliessen oder weiterführen? Die Frage entzweit die Bevölkerung im Bezirk und die 14 Zweckverbandsgemeinden.

Die Hälfte der Gemeinderäte plädiert für die Aufgabe des Regionalspitals, weil sie nicht an einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb glaubt und hohe Defizite befürchtet. Die andere Hälfte will weitermachen und das Spital für rund 100 Millionen Franken erneuern. Entscheiden wird das Volk – am 19. Mai an der Urne. Seit Wochen beherrscht das Thema die Leserbriefspalten im «Anzeiger des Bezirks Affoltern».

Wie damals in Dielsdorf

Richard Bisig hat ein Déjà-vu. «Ich habe genau das Gleiche erlebt. Es geht um Kopf oder Herz. Die Zahlen sprechen fürs Auf­geben, doch die Bevölkerung hängt an ihrem Spital.» Ökonom Bisig hatte 1980 die Leitung des Bezirksspitals Dielsdorf übernommen und stellte fest, dass die zwei Operationssäle und die Gebärsäle nicht ausgelastet waren. «Unsere Hebammen waren da, aber es lief nichts», erinnert sich Bisig. «Viele Frauen gingen zum Gebären nach Zürich.» Auch viele Zusatzversicherte liessen sich lieber in einem Zentrumsspital als in dem kleinen Landspital behandeln. «Die gleichen Probleme hat jetzt das Spital Affoltern», stellt Bisig fest.

Die Spitalkommission schlug vor, einen weiteren Orthopäden anzustellen. Doch die Gesundheitsdirektion, die damals noch weitgehend über die Betriebsmittel der öffentlichen Spitäler entschied, erlaubte das nicht.

Auf der Direktion wehte ein neuer Wind, seit der politische Quereinsteiger Ernst Buschor dort der Chef war. Der Wirtschaftsprofessor war beseelt vom New Public Management, er wollte für Effizienz in der Verwaltung ebenso wie in den Spitälern sorgen. Seine Spitalplanung, die Verena Diener ab 1995 weiterführte und umsetzte, sah eine Konzentration der Versorgung auf die grösseren Spitäler vor.

Richard Bisig erfuhr das schon früh, weil er einen guten Draht zur Gesundheitsdirektion hatte. Diese bot ihm denn auch eine Alternative an: Das Spital Dielsdorf sollte mit Unterstützung des Kantons in eine Akut-Neuro­rehabilitation umgewandelt werden; ein solches Behandlungsangebot fehlte bislang im Kanton Zürich.

«Sie denken, ich habe ihnen das Akutspital weggenommen.»Richard Bisig, ehemaliger Direktor des Spitals Dielsdorf

Die Spitalkommission war mehrheitlich einverstanden, das zu prüfen, und setzte verschiedene Arbeitsgruppen ein. Der Öffentlichkeit wollte man nichts sagen, bevor nicht aussagekräftige Zahlen und Fakten vorliegen würden. Doch ein Gegner des Projekts, einer der Chefärzte, machte die Sache publik; er gab der Lokalzeitung ein Interview.

Darauf ging ein Sturm der Entrüstung los. Spitalbefürworterinnen gründeten den Verein «Für öises Akutspital», der «Zürcher Unterländer» berichtete ständig. Es zeigte sich rasch, dass die Bevölkerung wie auch die Gemeindebehörden fast geschlossen am Status quo festhalten wollten. Modernisierer erhoben nur vereinzelt ihre Stimme. «Die Gerüchteküche brodelte, und die herumgebotenen Informationen stimmten nicht immer», ärgert sich Bisig noch heute.

Die damaligen Ereignisse inspirierten ihn, einen Roman zu schreiben, der soeben erschienen ist. «Es ist ein glücklicher Zufall, dass mein Buch durch die Diskussion im Säuliamt Aktualität erhalten hat», sagt Bisig. Er sieht viele Parallelen. «Die Gesundheitspolitik des Kantons spielt die entscheidende Rolle, mit der Spitalliste 2022 will der Kanton erneut die Schraube anziehen und die Leistungsaufträge neu verteilen.»

Zudem gebe es, wie in Dielsdorf, auch in Affoltern in naher Distanz mehrere Spitäler: Baar, Muri, das Zürcher Stadtspital Triemli und das Limmattalspital in Urdorf. «Aus dem Bezirk Dielsdorf gehen die Leute heute für die Akutversorgung nach Bülach und ins Limmattalspital, und niemand beklagt sich über die zwölf Minuten Weg», konstatiert Bisig.

Empfehlung für Affoltern

Dass 1995 schliesslich 19 der 22 Zweckverbandsgemeinden gegen die Umwandlung des Spitals Dielsdorf in eine Neuro-Reha stimmten, war für den Verwaltungsdirektor keine Überraschung mehr. Er trat per sofort zurück und arbeitete danach als Berater im Gesundheitswesen.

Der Regierungsrat strich Dielsdorf sowie fünf weitere kleine Landspitäler von der Spitalliste 1998, wogegen sich diese bis vor Bundesgericht wehrten. Vergeblich. Sie mussten schliessen. In Dielsdorf richteten Ärzte im Gebäude ein ambulantes Gesundheitszentrum ein, die Adus-Klinik. Auch Bisig hat dort seinen Augenarzt. Wenn er durchs Dorf geht, gibt es heute noch Leute, die ihn nicht grüssen. «Sie denken, ich habe ihnen das Akutspital weggenommen.»

Und was empfiehlt der Gesundheitsexperte für das Spital Af­foltern? Weitermachen oder schliessen? Aus dem Bauch heraus hält Bisig eine Schliessung für richtig. «Angesichts von vier Spitälern in der Nähe braucht man gute Gründe für die Aufrechterhaltung des Akutspitals.»

Aber natürlich müsse man die Situation genau analysieren: die Versorgung, die Finanzen, die volkswirtschaftlichen Aspekte wie Arbeitsplätze und Zulieferfirmen. «Am Schluss muss man entscheiden und dann diesen Entscheid durch alle Böden vertreten.» Der Spitaldirektor und die Betriebskommission in Affoltern haben dies getan. Jetzt versuchen sie, die Bevölkerung zu überzeugen, dass das Spital überlebensfähig ist.

Erstellt: 18.03.2019, 23:22 Uhr

Das Buch

Im Roman «Die Spitalschliesser» erzählt Richard Bisig die Geschichte vom Ende eines Regionalspitals. Die Personen entsprechen realen Menschen, haben aber andere Namen. Bisig hat nach seiner Spitalkarriere über zwei Jahrzehnte als Berater gearbeitet. Im Buch erörtert er auch aktuelle gesundheitspolitische Themen.

Richard Bisig, «Die Spitalschliesser», Roman, 172 Seiten. Versus-Verlag Zürich. 27.90 Franken. Zu beziehen im Buchhandel, beim Verlag oder beim Autor. (an)

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