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Der Stausee vor Winterthur

Heute gelten Wasserkraftwerke als Sorgenkinder, vor hundert Jahren standen sie hoch im Kurs – auch im Kanton Zürich, wo es Pläne für eine riesige Anlage gab, die Rhein, Töss und Glatt verbinden sollte.

Martin Huber

Die Hiobsbotschaft kam kurz vor Weihnachten: Der Energiekonzern Axpo gab einen Rekordverlust bekannt. Allein für das eben erst eingeweihte Pumpspeicherkraftwerk Linth-Limmern im Glarnerland ist eine Wertberichtigung von 540 Millionen Franken vorgesehen, die Anlage dürfte die nächsten fünf bis acht Jahre nicht profitabel sein.

Bereits im letzten Oktober hatte der Zürcher Kantonsrat mit grossem Mehr zwei Postulate verabschiedet, wonach Schweizer Wasserkraftwerke nicht an ausländische Investoren verkauft werden sollen. Er reagierte damit auf die Pläne des Stromkonzerns Alpiq, die Wasserkraftwerke im In- oder Ausland zu verkaufen.

Zwei zusätzliche Seen im Kanton

Während heute rund um die Wasserkraft die Sorgen dominieren, herrschte Anfang des letzten Jahrhunderts Aufbruchstimmung. Der im Zuge der Industria­lisierung und Elektrifizierung rasant steigende Energiebedarf befeuerte Kraftwerkspläne allerorten. Auch im Kanton Zürich. Hier wälzten Ingenieure und Politiker Pläne für ein monumentales Wasserkraftwerk, das Rhein, Töss und Glatt verbinden sollte. Dieses ­Kraftwerk hätte dem Kanton Zürich gleich zwei zusätzliche Seen beschert: einen im ­Glattal bei Hochfelden, den anderen im unteren Tösstal bei Winterthur.

Der Plan von 1907 für das Rhein-Glatt-Töss-Werk

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Dokumentiert sind die Pläne für das Rhein-Glatt-Töss-Werk samt Kartenskizze (oben) in der «Schweizerischen Bauzeitung» vom November 1907. In der gleichen Zeit präsentierten die beiden federführenden Ingenieure L. Fischer-Reinau und O. Bosshard vor dem Zürcher Ingenieur- und Architektenverein das Rhein-Glatt-Töss-Werk. Mit von der Partie bei dem Vortrag waren illustre Gäste: Regierungsräte der Kantone Zürich und Schaffhausen, Vertreter der Stadt Zürich und des bayerischen Verkehrsministeriums. Die NZZ widmete der Präsentation der Ingenieure einen Bericht auf ihrer Titelseite.

Staumauern und Druckstollen

Das Projekt wollte die Wasserkraft der Flüsse zur Stromgewinnung nutzen. Konkret: jene des Rheins von Rüdlingen bis Eglisau, der Glatt von Hochfelden bis zur Mündung in den Rhein und der Töss von Pfungen bis zur Mündung in den Rhein. Das Glattwerk war als Hochdruckanlage projektiert, der Stausee sollte 4,8 Millionen Kubikmeter Wasser fassen. Die Höhe der Staumauer beim Bahnhof Glattfelden sollte rund 20 Meter betragen und eine Länge von 385 Metern haben.

Mittels Hochdruckpumpe wollte man zu Zeiten, in denen das Rheinwerk nicht voll belastet war, überschüssiges Rheinwasser durch eine Druckleitung in den Glattsee pumpen. Für das als Niederdruckwerk projektierte Rheinwerk war Folgendes vorgesehen: ein Stauwehr mit drei Öffnungen von je 13 Meter Weite und 11 Meter Höhe, eine Schiffsschleuse, ein Turbinenhaus samt Schaltanlage – und eine Fischtreppe.

Kritiker warnten vor der «allzu grossen Einschnürung des Rheines».

Das Tösswerk sollte aus einem Stausee mit Sperrmauer und einem Stollen bestehen. Letzterer sollte eine Länge von 6,9 Kilometern haben und das Tösswasser dem Glattsee zuführen. Das Tösswerk sollte mindestens 3000 PS pro Tag liefern. Wegen des stattlichen Umfangs des Kraftwerks war ein sukzessiver Ausbau mit vier Bauperioden geplant. Die Ingenieure betonten zudem, dass laut ihren Untersuchungen das Werk auch bei Hoch- und Niederwasser «vollkommen den Anforderungen gewachsen wäre».

In der Diskussion wurden auch kritische Stimmen laut. Ein Redner machte darauf aufmerksam, dass die dichte Abschliessung des Stausees im Glattal auf grosse Schwierigkeiten stossen werde. Die «allzu grosse Einschnürung des Rheines» durch Wehranlage und Turbinenhaus sei bedenklich. Und: Die Enteignungskosten dürften ausserordentlich hoch sein, ebenso die Baukosten, über welche noch kein Voranschlag vorliege, lauteten weitere Bedenken.

«An der Spitze marschieren»

Die prominenten Gäste zeigten sich allerdings beeindruckt. Der Vertreter des königlichen bayerischen Verkehrsmi­nisteriums lobte, «dass auf dem Gebiete der Ausnützung der Wasserkräfte die schweizerischen Ingenieure als tüchtige Pioniere Bedeutendes leisten und stets an der Spitze marschieren». Der Schaffhauser Regierungsrat Keller wies auf die Wichtigkeit des Projekts für Zürich und Schaffhausen hin, der Zürcher Regierungspräsident Kern erklärte, dass auch die Zürcher Regierung «freudig die Hand bietet zur Verständigung und gemeinsamen Arbeit an dieser grossen Aufgabe, welche der Unterstützung der Behörden sicher sein kann».

Doch das Rhein-Glatt-Töss-Werk wurde bekanntlich nicht realisiert. Dabei dürften nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe und Kostenüberlegung eine Rolle gespielt haben. Ins Gewicht fiel zudem, dass der Spiritus Rector des Projekts, Ingenieur Oskar Bosshard, nur ein Jahr später, 1908, verstarb. Der Kanton Zürich bevorzugte darauf andere Kraftwerkpläne. Gebaut wurde das Kraftwerk Eglisau-Glattfelden, dessen Bauarbeiten 1915 begannen und das 1920 den ersten Strom lieferte.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es auch Kraftwerkpläne im hinteren Tösstal. Dort wurde der Bau von zwei Stauseen im Quellgebiet der Töss und beim Kehlhof bei Turbenthal ernsthaft geprüft. Das Tössscheidewerk mit einer über 40 Meter hohen Staumauer hätte allerdings einen markanten Eingriff in die Landschaft bedeutet, wie der «Zürcher Oberländer» schrieb. Auch dieses Projekt scheiterte nicht etwa an technischen Fragen oder Bedenken um den Landschaftsschutz, sondern aus finanziellen Gründen.

Weiteres Projekt am Tössstock

Heute sind Stauseen im Kanton Zürich kaum mehr eine Option. Dafür tauchen immer wieder mal Pläne für Kleinwasserkraftwerke auf. Laut NZZ stellte der Kanton kürzlich fest, dass an den Flüssen im Kanton noch 13 kleinere Wasserkraftwerke gebaut werden könnten. Wie es bei der Baudirektion auf Anfrage heisst, liegen allerdings bloss für zwei Standorte konkrete Projekteingaben vor: für die Töss in Winterthur-Töss und für die Glatt in Opfikon.

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