Der Stoss einer «geschätzten Mitarbeiterin»

In einer Zürcher Bäckerei geraten zwei Verkäuferinnen aneinander. Nach einem kurzen Stoss erleidet diese eine posttraumatische Belastungsstörung.

Das Bezirksgericht Zürich verurteilte eine 39-jährige Frau.  Foto: Urs Jaudas

Das Bezirksgericht Zürich verurteilte eine 39-jährige Frau. Foto: Urs Jaudas

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«Im Zuge einer zunächst verbalen Auseinandersetzung in den Räumlichkeiten der Bäckerei packte die Beschuldigte unvermittelt die Geschädigte und stiess diese mit einer Hand und dem Oberkörper nach hinten, sodass die Geschädigte mit ihrem Rücken gegen einen Tiefkühler prallte.»

Tiefe Verzweiflung?

Die nüchterne Beschreibung in der Anklageschrift über das Geschehen an einem Maitag des letzten Jahres täuscht hinweg über die angeblichen Folgen dieses Streits zwischen der Beschuldigten, einer damals 39-jährigen Verkäuferin, und ihrer 23-jährigen Kollegin. Denn die Jüngere war gut zwei Monate zu 100 Prozent arbeitsunfähig.

Neben diversen Prellungen hatte sie laut Anklage einen Bandscheibenvorfall und eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) erlitten. Als PTBS auslösende Ereignisse gelten gemäss Fachliteratur «extrem traumatische Situationen aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmasses, die fast bei jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würden».

«Die Verletzungen hat sie nicht von mir»

Warum der Streit zwischen den beiden Frauen ausgebrochen war, lässt sich zwar beschreiben, aber letztlich nicht erklären. Offenbar hatte die 39-Jährige, wie sie am Dienstag dem Einzelrichter am Bezirksgericht erklärte, eine andere Kollegin versehentlich angerempelt, als sie sich umdrehte. Die Platzverhältnisse seien halt sehr eng – vor allem, wenn fünf Verkäuferinnen gleichzeitig arbeiteten.

Doch die 23-Jährige, die davon gar nicht betroffen war, habe herumgeschrien, das sei absichtlich geschehen. «Ich sei eine, die das extra mache. Ich sei auch eine, die hintenherum rede.» Sie habe versucht, die jüngere Kollegin zu beruhigen, habe ihr dabei kurz an den Oberarm gegriffen, sie aber keinesfalls gestossen. «Die Verletzungen hat sie nicht von mir.»

Auf der faulen Haut liegen

Von einer posttraumatischen Belastungsstörung will die 39-Jährige grad gar nichts wissen. Psychische Probleme habe die junge Kollegin schon vorher gehabt, sie habe von Anfang an Probleme gemacht. Andere Kolleginnen hätten sich ihretwegen auch beim Personalchef beschwert. «Ich war die Einzige im Laden, die überhaupt mit ihr sprach.»

Sie, die seit ewigen Zeiten in der gleichen Bäckerei arbeitet und sich selber als «geschätzte Mitarbeiterin» betrachtet, die alle Kundinnen und Kunden kennt, schüttelt nur den Kopf, als sie erfährt, dass die 23-Jährige von ihr 4785 Franken Schadenersatz und eine Genugtuung von 3534 Franken will. «Offenbar will sie einfach Geld von mir, weil sie zu faul ist zum Arbeiten und einfach auf der faulen Haut liegen will.»

Zeugin war für Schuldspruch entscheidend

Der Einzelrichter verurteilte die 39-Jährige wegen einfacher Körperverletzung und bestraft sie mit einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 30 Franken. Die «sehr weit hergeholten und ungenügend begründeten» Geldforderungen der Geschädigten schickte er auf den Weg des Zivilprozesses. Mit einer Gerichtsgebühr von 600 Franken kam er der zweifachen Mutter sehr entgegen.

An einer Verurteilung führte aber trotz der vehementen Unschuldsbekundungen der Frau kein Weg vorbei. Denn das ganze Geschehen mit dem Stoss gegen den Tiefkühler war von einer anderen Verkäuferin beobachtet worden. Und die 39-Jährige habe kein Argument nennen können, weshalb diese Verkäuferin lügen sollte.

Erstellt: 07.01.2020, 17:09 Uhr

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