«Der Streik wird schmerzen»

In Zürich wird ein neuer Frauenstreik geplant. Kollektivmitglied Salome Schaerer sagt, warum.

Frauenstreik 1991: Frauen protestierten vor dem Zürcher Unispital.

Frauenstreik 1991: Frauen protestierten vor dem Zürcher Unispital. Bild: Keystone

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Werden am 14. Juni dieses Jahres wieder wie vor 28 Jahren eine halbe Million Frauen ihre Arbeit niederlegen?
Ich hoffe es sehr. Bis dahin gibt es aber noch einiges zu tun. Das Wichtigste ist, dass möglichst viele Frauen davon erfahren und sich bestehenden Streikgruppen anschliessen oder selber welche organisieren.

Am Wochenende fand das vierte Vernetzungstreffen zur Planung des neuen Frauenstreiks statt. Wie läuft es?
Super! Es waren viel mehr Frauen da als erwartet – über 50 haben mitgearbeitet. Das Kollektiv hat beschlossen, am Women’s March am 19. Januar mit einem eigenen Block teilzunehmen. Das erachte ich als ersten kollektiven Erfolg, weil es bedeutet, dass sich Frauen aus sehr unterschiedlichen Kontexten im Rahmen des Streikprozesses solidarisieren.

Erreichen Sie nur Städterinnen, oder sind auch Verkäuferinnen, alleinerziehende Mütter oder Hausfrauen dabei?
Wir werden immer diverser, auch wenn viele von uns bildungsnah und bereits politisch aktiv sind. Es ist uns ein Anliegen, dass Frauen aus unterschiedlichen beruflichen und sozialen Kontexten Teil der Bewegung sind. Der VPOD mobilisiert deshalb Frauen aus spezifischen Berufsgruppen, wie Lehrerinnen, Pflegepersonal oder Verwaltungsangestellte. Eine andere Gruppe mobilisiert Migrantinnen, und eine dritte nimmt sich der Rolle von älteren Frauen an. Mit Frauen meine ich immer Frauen*, also alle Menschen, die sich als Frauen identifizieren.

Sie sind auch im Streikkollektiv im Zürcher Oberland aktiv. Fällt Ihnen ein Unterschied auf?
Im Zürcher Oberland fällt mir auf, dass vielen Frauen gerade aufgrund von Strukturen, die wir bekämpfen wollen, wenig Zeit für Frauenanliegen bleibt. Sie kümmern sich um pflegebedürftige Verwandte oder Nachbarn und betätigen sich im Verein – alles Arbeit, die nicht bezahlt wird. Andere sind so prekarisiert, dass sie sich nur mit dem Überleben beschäftigen können. Frauenanliegen und die Reflexion über die Rolle, die die Gesellschaft Frauen immer noch zuteilt, rutschen dann auf der To-do-Liste ganz nach unten. Wenn der Raum dafür erst mal geschaffen ist, kommen die Frauen aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus.

Ist ein Streik die richtige Vorgehensweise? Kritische Stimmen sagen, die Methode sei veraltet.
Den unzähligen Streikgruppen in der ganzen Schweiz nach zu urteilen, scheint der Streik als politische Form sehr viele Frauen zu motivieren. Der Streikprozess wird neue Diskurse schaffen, Mut machen und dort schmerzen, wo das Fehlen der Frau eine Leerstelle hinterlässt. Er wird also überall schmerzen! Frauen werden nicht aufhören, sich gegen Strukturen aufzulehnen, die sie als unvollständige und zur Verfügung stehende Abweichung einer männlichen Norm positionieren.

Wie kämpft man gegen Strukturen?
Indem man sie thematisiert und verändert. Eine bildungsferne weisse Frau wird anders diskriminiert als eine schwarze Frau mit Hochschulbildung, weil Letztere trotz ihrer guten Bildung rassistisches Verhalten erfährt, welchem Erstere nicht ausgesetzt ist. Und was, wenn die Frau noch lesbisch ist? Dann wird sie oft dreifach diskriminiert. Über die hierarchische Struktur, welche solche Mehrfachdiskriminierung produziert, wollen wir reden und Alternativen leben.

Von Diskriminierungen sind doch auch Männer betroffen.
Ja klar, aber die patriarchalen Strukturen, in denen wir leben, begünstigen sie. Man kann es im Kleinen beobachten; die Argumente von Männern werden in Sitzungen beispielsweise ungleich höher gewichtet als die von Frauen. Natürlich gehören aber auch Männergruppen zu den Benachteiligten. Was heute politisch passiert, ist, dass diskriminierte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, also den ausgebeuteten Arbeiter gegen den schlecht bezahlten Ausländer. An den Strukturen ändert sich dadurch aber nichts. Dem wollen wir entgegentreten.

Gerade Frauen, die dringend auf ihre Jobs angewiesen sind: Bringen Sie sie nicht in Gefahr, indem Sie zu einem Streik aufrufen, der ihre Arbeitgeber erzürnt?
Arbeitgeber, die Frauen kündigen, wenn diese für Gleichberechtigung kämpfen, müssten in der heutigen Zeit mit einem sehr grossen Rufschaden rechnen. Das nehmen wenige in Kauf. Je mehr Frauen mitmachen, umso besser ist es natürlich. Streik kann viele Formen haben – auch sich eine Stunde gemeinsam vors Büro zu setzen und Kaffee zu trinken.

Was sollen die Männer in der Zwischenzeit tun?
Die Kinderbetreuung während des Streiks übernehmen oder für alle kochen. Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2019, 14:11 Uhr

Zur Person

Salome Schaerer Sozialanthropologin aus Uster ist Mitglied des Zürcher Frauenstreik-Kollektivs.

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