Der Thurgau würgt ein Zürcher Spitalprojekt ab

Um Reha-Patienten tobt ein Konkurrenzkampf. Der Thurgau zog sogar vor Gericht, um zu verhindern, dass Zürcher künftig in ihrem eigenen Kanton behandelt werden.

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Zürcher Patientinnen und Patienten gehen für die Reha häufig in eine Klinik in einem anderen Kanton. Nach einem Schlaganfall zum Beispiel nach Valens SG oder Zihlschlacht TG, nach einer komplizierten Knieoperation nach ZurzachAG oder Dussnang TG und nach einem schweren Unfall nach Bellikon AG. Das hat Tradition. Zürich kann seinen Reha-Bedarf nur zu 30 Prozent im eigenen Kanton decken.

In jüngster Zeit ist der Reha-Markt aber in Bewegung geraten. Es gibt einen Trend zu wohnortnaher Rehabilitation. So sind seit einigen Jahren am Spital Zollikerberg und am Spital Kilchberg kleine Kliniken angegliedert, die von der Firma Rehaclinic AG mit Hauptsitz in Zurzach betrieben werden. Auch die Stiftung Zürcher Reha-Zentren (früher Zürcher Höhenkliniken) macht beim Trend mit. Neben den traditionsreichen Kliniken in Davos und Wald hat die Stiftung in Zürich-Lengg eine Neuro-Rehabilitation eröffnet, und in Uster will sie im geplanten Neubau des Spitals dereinst vier Reha-Stationen mit 110 Betten betreiben. Am Triemli sind sogar 150 neue Reha-Betten geplant; das Stadtspital ist dafür eine Kooperation mit den Kliniken Valens eingegangen.

Kritik der Nachbarkantone

Kommen die zwei Projekte in Uster und Zürich zustande, wird sich das Reha-Angebot im Kanton Zürich massiv vergrössern. Voraussetzung dafür ist, dass der Regierungsrat die entsprechenden Leistungsaufträge erteilt. Das würde er mit der Spitalliste 2023 tun. Die neue Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) kann zum Thema Rehabilitation noch nichts Konkretes sagen, nur so viel: «Eine akut- und wohnortnahe Reha ist für die Patienten wie auch für die Angehörigen sinnvoll, gerade bei älteren Leuten.»

In umliegenden Kantonen wird die Entwicklung in Zürich kritisch beobachtet. Der Kanton Thurgau zog gar vor Gericht, um ein neues Zürcher Angebot zu verhindern. Dabei ging es um ein Pilotprojekt mit wissenschaftlicher Begleitung. Die Rehaclinic AG mietete sich im Spital Limmattal ein, wo sie eine Neuro-Reha mit 36 Betten betreiben wollte. Innovativ an dem Projekt war die Verzahnung von Akut- und Reha-Behandlung. Der Zürcher Regierungsrat fand das gut und erteilte den entsprechenden Leistungsauftrag. Doch das Bundesverwaltungsgericht pfiff ihn zurück: Zürich habe den Bedarf an zusätzlichen Betten nicht überkantonal abgeklärt, so die Begründung.

Der Thurgau als mächtiger Reha-Standort hat also vor Gericht seine Interessen durchgesetzt. Markus Gautschi, Geschäftsführer der Zürcher Reha-Zentren, ärgert sich: «Dussnang hat kürzlich rund 80 zusätzliche Betten in Betrieb genommen, und auch Zihlschlacht baut im grossen Stil aus, aber 36 neue Betten im Kanton Zürich werden bekämpft.»

In Bellikon sieht man die neue Konkurrenz, die nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt liegt, nicht gern.

Die RehaclinicAG und das Spital Limmattal rechneten offenbar mit einem solchen Entscheid, denn sie hatten bereits einen Plan B in der Schublade: Statt Neuro-Reha machen sie nun Unfall-Reha. Für die Behandlung von Unfallversicherten braucht es keinen Leistungsauftrag des Kantons, nur im Bereich der Krankenversicherung sieht das Gesetz eine Planung durch die Kantone vor.

Schon am 5. August wird die neue Klinik im Spital Limmattal eröffnet. Laut Auskunft der Betreiber ist das möglich, weil die Rehaclinic AG an anderen Standorten bereits Unfallpatienten behandelt und von dort Fachpersonal rekrutieren kann. Zudem verfügt die Firma über einen Top-Fachmann auf dem Gebiet: Der frühere medizinische Direktor der Klinik Bellikon, Sönke Johannes, arbeitet heute bei Reha­clinic und wird ärztlicher Leiter am Standort Limmattal.

Umfassende Betreuung

In Bellikon sieht man die neue Konkurrenz, die nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt liegt, nicht gern. Die Spezialklinik übernimmt die Rehabilitation von schwer verunfallten Menschen aus grossen Teilen der Deutschschweiz, und sie arbeitet z.B. mit dem Unispital Zürich eng zusammen. Die Klinik hat vergangenes Jahr einen 350-Millionen-Neubau bezogen. Sie verfügt nun über eine grosszügige, moderne Infrastruktur und 220 Betten, 15 mehr als vorher.

«Die Raumanordnung ist auf die interdisziplinäre Behandlung ausgerichtet», erklärt Direktor Gianni Rossi. So können während der Therapie alle nötigen Fachleute rasch beigezogen werden. Merkt ein amputierter Patient zum Beispiel beim Training, dass die Prothese nicht gut sitzt, kann diese sogleich angepasst werden. Die Prothesen werden vor Ort zusammengestellt. Eine Besonderheit der Klinik Bellikon ist laut Rossi zudem, dass sie die oft jungen Patientinnen und Patienten nicht nur somatisch, sondern auch psychosozial betreut und sie wieder fit für die Arbeit macht. Die Unfallversicherung Suva als Betreiberin ist an der Arbeitsintegration interessiert, weil sie nicht nur die Behandlungskosten zahlt, sondern auch allfällige Taggelder und Renten.

Multiprofessionalität und Erfahrung seien die Erfolgsfaktoren in der Unfallrehabilitation, sagt Rossi. Speziell wichtig sei die Behandlung in der Spezialklinik für vier Patientengruppen: Junge, Amputierte, Verbrennungsopfer und Personen, die zurück in den Beruf müssen.

Kleine Fallzahlen

Die Firma Rehaclinic ist überzeugt, das alles am Spital Limmattal auch bieten zu können. Die Kompetenz in der beruflichen Wiedereingliederung beziehe man aus der Tochterfirma Rehafirst sowie aus einer engen Zusammenarbeit mit dem Rehacenter Winterthur; für die Orthopädietechnik habe man Partner. Laut Rehaclinic ist die Integration einer Unfall-Reha in ein Akutspital bisher einmalig in der Schweiz. Neben der Wohnortnähe bringe sie ökonomische und medizinische Vorteile, da Reha-Fachleute und Akutmediziner die Patienten von Anfang an gemeinsam behandeln.

Gesundheitsökonom Willy Oggier beurteilt das neue Angebot eher kritisch. Unfallrehabilitation sei eine komplexe Behandlung. «Bis andere Anbieter die Qualität von Bellikon erreichen, müssen sie erst einmal hohe Fallzahlen haben», sagt er, die 36 Betten der Reha Limmattal seien «an der untersten Grenze». Oggier kennt sich aus, ist er doch Präsident von Swiss Reha, dem Verband der Reha-Kliniken. Grundsätzlich begrüsst der Gesundheitsökonom aber den Trend, die Rehabilitation wohnortnah anzubieten. Und er ist der Meinung, dass es angesichts der älter werdenden Gesellschaft in Zukunft noch mehr Reha-Angebote braucht, wenn auch eher ambulante als stationäre.

Erstellt: 02.08.2019, 09:32 Uhr

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