Zum Hauptinhalt springen

Der tiefe Fall der Zürcher Pionierschule

Die EB Zürich ist die grösste öffentliche Weiterbildungsschule der Schweiz. Nun werden 65 Angestellte auf die Strasse gestellt.

Erhält weniger Subventionen: Die kantonale Berufsschule für Weiterbildung in Zürich. Bild: Dominique Meienberg
Erhält weniger Subventionen: Die kantonale Berufsschule für Weiterbildung in Zürich. Bild: Dominique Meienberg

Der Kahlschlag wurde im letzten Herbst angedeutet: «Die grösste öffentliche Weiterbildungsschule der Schweiz muss Stellen streichen», schrieb Redaktion Tamedia. Der genaue Umfang des Abbaus bei der Zürcher Erwachsenenbildung (EB) war damals noch nicht bekannt. Rektor Hugo Lingg sprach lediglich von «vielen Stellen», die betroffen seien. Aussagen der Gewerkschaft VPOD, es seien wohl über 50 Lehrpersonen betroffen, bezeichnete Lingg als zu hoch.

Der Rektor täuschte sich. Nun sind es gar 65 Personen, die vom Abbau betroffen sind. Das entspricht 24 Vollzeitstellen, wie die Bildungsdirektion auf Anfrage mitteilt. Fast alle Entlassungen fanden in der Abteilung DAZ – Deutsch als Zweitsprache – statt.

Wer unter 35 ist, erhält keine Abfindung

«Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand wissen, wie viele Personen betroffen sind», sagt Lingg. Als Lingg 2003 in die Schulleitung kam, sei er gefragt worden, was das schlimmste Szenario für ihn sei: Angestellten die Kündigung aussprechen, habe er damals geantwortet. «Dass ich es nun trotzdem machen muss, stimmt mich traurig», sagt er. Im kommenden Sommer geht der Rektor in Pension.

Der Sozialplan sieht gemäss Bildungsdirektion Folgendes vor: Die Entlassenen erhalten Abfindungen zwischen fünf und 13 Monatslöhnen sowie Weiterbildungsbeiträge. Lingg korrigiert: Die Höhe der Entschädigung sei altersabhängig. So erhalten beispielsweise Lehrpersonen unter 35 Jahren gar keine Abfindung. «Da lässt das Gesetz kaum Spielraum», sagt Lingg. Bei 34 Mitarbeitenden erfolgte die Entlassung altershalber. Diese kann ab dem vollendeten 55. Altersjahr ausgesprochen werden.

Mit der Massenentlassung endet die lange Erfolgsgeschichte der Schule. Auf ihrer Website listet die EB historische Meilensteine: Pionierfunktionen in der Informatik- und Frauenausbildung in den 1980er-Jahren, Auszeichnungen für innovatives Lernen in den Nullerjahren sowie neue Sprachzentren, die laufend dazu kamen. Kein Zweifel: Die EB hat als grösste und älteste öffentliche Weiterbildungsschule die Erwachsenenbildung in der Schweiz wesentlich vorangetrieben. Gleichzeitig profitierte sie vom wachsenden Bildungshunger der Schweizer Bevölkerung.

«Lohndumping und ungesicherte Pensen»

Der Einbruch der EB erscheint auf den ersten Blick paradox. Zumal er ausgerechnet dem rasant wachsenden Bildungsmarkt geschuldet ist. Seit Privatschulen das Geschäft für sich entdeckt haben, ist eine lukrative Kursindustrie entstanden – mit spürbarem Konkurrenzdruck. Fabio Höhener, Gewerkschaftssekretär beim VPOD, beobachtet diese Entwicklung mit Besorgnis: «Lohndumping und überflexible, ungesicherte Pensen für die Lehrkräfte sind heute an der Tagesordnung.» Der VPOD verlange, dass die Politik die öffentlichen Weiterbildungsschulen stärker fördert. «Stattdessen passiert das Gegenteil», sagt Höhener. «Es findet eine Anpassung nach unten statt.»

Öffentliche Schulen, wie die EB, befinden sich in der Zwickmühle. Sie bekämen die private Konkurrenz zunehmend stärker zu spüren, sagt Rektor Lingg. «Gleichzeitig haben sie zu wenig Möglichkeiten, ihre Kosten zu senken.» Die Lehrpersonen werden nach kantonalen Vorgaben bezahlt – zumeist besser als bei Privatschulen.

Das eidgenössische Weiterbildungsgesetz, das Anfang 2017 in Kraft trat, verschärfte die Lage zusätzlich. Öffentliche Schulen für Weiterbildungskurse mussten ab dann kostendeckende Preise verlangen. Die Preise der Kurse waren nicht mehr konkurrenzfähig. Das bekam die EB in erster Linie bei den Deutschkursen zu spüren, die nun am stärksten vom Stellenabbau betroffen sind. Die Anmeldezahlen seien eingebrochen, sagte Lingg schon im letzten Jahr.

Motion hängig

«Wenn sich politisch nichts ändert, wird es noch mehr Kündigungen geben», sagt Höhener. Der Kanton müsse auch Deutsch- und andere Sprachkurse finanziell fördern. Gemäss Weiterbildungsgesetz dürfen nur noch Landessprachen und Englisch subventioniert werden. Der Wunsch nach mehr Subventionierung ist allerdings entgegen dem Trend. Viel eher setzt sich die kantonale Regierung für mehr Privatisierung im Bildungssektor ein. Aktuell ist beispielsweise im Kantonsrat eine Motion hängig, die faktisch eine Privatisierung der EB verlangt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch