Der tiefe Fall eines Gefeierten

Jürg Jegge galt mehr als 40 Jahre lang als Vordenker einer kindorientierten Pädagogik. Nun wird er des Missbrauchs bezichtigt – und reagiert darauf.

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Es war im Jahr 1976, als ein bis dato unbekannter Sonderschullehrer namens Jürg Jegge ein Buch veröffentlichte mit dem Titel: «Dummheit ist lernbar». Die Schrift, eine streckenweise wütende Verteidigungsrede eines Mannes, der sich später als «schlechtester Lehrer Embrachs» bezeichnete, erschien zunächst in 2000 Exemplaren – und schlug ein wie eine Bombe.

Jegge prangerte darin ein Schulsystem an, das seiner Ansicht und seiner Erfahrung nach den wenigsten Kindern gerecht wurde, das mit dem Finger auf Schwächen zeigte, statt Stärken zu fördern. Es schien, als habe die Schweiz nur auf ein solches Buch gewartet. Der 33-jährige wurde über Nacht bekannt, trat im Fernsehen auf und war ein gefragter Interviewpartner. Er galt fortan zu seinem eigenen Erstaunen als «Lehrer der Nation».

«Dummheit ist lernbar» zählt bis heute zu den Standardwerken einer Pädagogik, die sich an den Interessen der Kinder orientiert. Es wurde mehr als 200'000 Mal verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt.

Grundlage für die Schulreform

Jegge prägte damit die weitere Entwicklung der Volksschule entscheidend mit. Er trug dazu bei, dass die Forderungen der 68er-Generation ebenso wie jene der Reformpädagogik, die ihre Blütezeiten in den 1920er-Jahren hatte, populär wurden. Mit allen Vor- und Nachteilen. Damals entstand die Grundlage für individualisierte Unterrichtsformen und für die Forderung nach Integration statt Separation. Aber es kam auch zu Unterrichtsformen, die aus heutiger Sicht zumindest zweifelhaft und teils nachweislich übergriffig waren.

Auch Jegge soll sich an Schülern vergangen haben. Das jedenfalls schreibt ein ehemaliger Schüler, Markus Zangger, im Buch «Jürg Jegges dunkle Seite». Der Angeschuldigte hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht geäussert.

Video – ein Buch belastet den Musterpädagogen:

Die Autoren sprechen an einer Pressekonferenz.

In der Zeit nach seinem Erstling erschuf sich Jürg Jegge ein Image, das er bis heute pflegt. Nur drei Jahre später doppelte er nach, mit dem Buch «Angst macht krumm – Erziehen oder Zahnrädchenschleifen». Es folgten weitere Bücher; Jegge blieb der unbequeme Stachel im Fleisch der Bildungspolitik. Aus seiner Sicht presst die Schule die Kinder bis heute mit Druck in ein Schema.

Seine Empathie für Problemkinder war legendär.

Als Lehrer arbeitete er, der sich zuvor auch als Liedermacher und Radiomoderator versucht hatte, nicht mehr lange. Er moderierte kurzzeitig die Fernsehsendung «Tele-Spiel», die aber nach nur drei Folgen abgesetzt wurde. Schliesslich fand er 1985 seine Bestimmung mit der Gründung des «Märtplatz» in Freienstein. Die Stiftung gilt bis heute als Vorzeigeinstitution. Der «Märtplatz» nahm und nimmt Jugendliche auf, die durch alle Maschen gefallen sind, und ermöglicht ihnen eine Lehre. Und das seit jeher mit einigem Erfolg. Die Hälfte der Absolventen integriert sich danach erfolgreich ins Berufsleben, ein weiteres Drittel immerhin teilweise. Das ist eine beeindruckende Quote.

Es dürfte aber nicht nur an dieser Quote liegen, dass regelmässig Journalistinnen und Journalisten nach Freienstein reisten. Es war auch die Person Jürg Jegge, die sie lockte. Natürlich als Bestsellerautor, aber auch als Figur, die sehr gewinnend und eloquent auftritt. So schrieb die «Weltwoche» im letzten Herbst, Jegge sei ein kleiner, rundlicher Mann, «bei dem die Lebenslust, der Idealismus und vor allem die Liebe zu sogenannten Problemkindern mit jeder Gestik, jedem Satz zum Ausdruck kommen». Eine Formulierung, die nun, im Licht der Vorwürfe, einen ungewollt schalen Beigeschmack bekommt.

2011 liess sich Jegge als Leiter des «Märtplatz» pensionieren, gestern trat er auch als Ehrenpräsident der Stiftung zurück. Die Stiftung hat sich schriftlich in aller Form «vom mutmasslichen Verhalten ihres Gründers» distanziert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2017, 22:08 Uhr

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