Der Tinder-Schwindler war auch in Zürich unterwegs

Shimon Hayut ist ein in mehreren Ländern gesuchter Betrüger. Offenbar war der israelische Playboy auch in der Schweiz auf der Jagd nach Opfern.

Shimon Hayut nahm ihr Geld, dann tauchte er unter: Die Schwedin Pernilla Sjoholm will seine Machenschaften aufdecken. Foto: Privat

Shimon Hayut nahm ihr Geld, dann tauchte er unter: Die Schwedin Pernilla Sjoholm will seine Machenschaften aufdecken. Foto: Privat

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Seine Masche ist so einfach wie raffiniert: Shimon Hayut gibt sich unter falschem Namen als Erbe eines milliardenschweren Diamantenimperiums aus. In der Rolle des gewandten Geschäftsmanns schlägt er Firmen angeblich lukrative Geschäfte vor. Seine Entourage: eine persönliche Assistentin und ein Bodyguard.

Auf der Dating-App Tinder flirtet er mit Frauen, gibt den charmanten Gentleman, bis er irgendwann Geld verlangt. Manchmal wartet er Monate damit. Er chattet mit ihnen, telefoniert, schickt Liebesbekundungen. Einige führt er in Nobelrestaurants aus, übernachtet in den besten Hotels, fliegt mit ihnen sogar mit seinem Privatjet durch die Welt - bis die Frauen ihm völlig vertrauen. Erst dann kommen die Forderungen: 10'000 Euro Vorauszahlung, um ein Millionengeschäft abzuschliessen. Unbeschränkten Zugriff auf die Kreditkarte, um von der Konkurrenz unentdeckt reisen zu können.

Doch Simon Leviev, wie Hayut sich nennt, ist aufgeflogen. Zwei Opfer, Cecilie Fjellhoy aus Norwegen und Pernilla Sjoholm aus Schweden, haben bei den Behörden Anzeige erstattet und sich an die Presse gewandt. Das norwegische Bouldevardmagazin VG hat die Schwindler-Karriere des 28-jährigen Israeli in monatelanger Recherche anhand von Chatprotokollen, Kreditkartenauszügen und Polizeiakten nachgezeichnet: Schweden, Norwegen, England, USA, Deutschland, Finnland – Hayut hat demzufolge seit 2008 mindestens ein Dutzend Frauen, Ehepaare und Firmen hinters Licht geführt. Sogar seinen amerikanischen Gasteltern in New York knöpfte er Geld ab.

Insgesamt soll er umgerechnet über 600'000 Franken ergaunert haben. In Finnland wurde er 2016 wegen mehrfachen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und dann 2017 nach Israel ausgeliefert. Dort kam er gegen Kaution frei – und ist seither untergetaucht.

Videoaufnahmen mit Schweizer Limousine

Jetzt zeigen Recherchen dieser Zeitung, dass sich Hayut auch in der Schweiz aufhielt. Anhand von Dokumenten, Chatprotokollen und Aussagen von mehreren Frauen lassen sich seine Reisen nach Zürich nachverfolgen. Einige davon nur Wochen, bevor er von der norwegischen Zeitung enttarnt wurde.

Dieses Video schickt Hayut am 13. Januar an Sjoholm. Video: Privat

Mitte Januar an einem Sonntagmittag erhält Pernilla Sjoholm ein Video von Hayut, das ihn in einer Ortschaft in den Bergen zeigt. «Das Auto ist im Schnee stecken geblieben, unglaublich!», sagt der gutgekleidete Israeli in die Kamera. Das Nummernschild der luxuriösen Limousine ist im Kanton Appenzell-Innerrhoden registriert, der Halter ist ein Autoverleih in Basel. Ein Mitarbeiter eines Abschleppdiensts macht sich im Hintergrund daran, den Cadillac Escalade zu befreien. Der Schriftzug auf der Arbeiterjacke zeigt: Es ist ein Familienunternehmen in der Nähe von Kitzbühel in Tirol. Nicht einmal zwei Fahrtstunden von München entfernt, von Zürich sind es knapp viereinhalb.

Nur Tage später besucht Hayut die Schwedin in Stockholm. «Ich komme mit dem Flug LX1254 von Zürich», schreibt er ihr am 17. Januar. Sie antwortet: «Perfekt, bis bald!» Sjoholm glaubt zu diesem Zeitpunkt immer noch, die beste Freundin eines weltgewandten Millionärs zu sein.

Auszug aus dem Chatprotokoll zwischen Sjoholm und Hayut. Foto: Privat

Unterdessen flirtet Shimon Hayut unter dem Namen Michael mit Fabienne Saurer*. Auch sie will keine Angaben zu ihrer Person machen. Aus Chatprotokollen, die sie mit dieser Zeitung teilt, wird aber klar, dass sie sich in der Schweiz aufhält. Ende Januar bricht sie den Kontakt zum Israeli ab.

Mehrere Flüge über Zürich

Doch Hayuts Spuren führen schon früher in die Schweiz. Über verschiedene Kreditkarten seiner Opfer bucht er ab März 2018 mehrere Flüge mit Zürich als Zwischendestination.

Im November trifft Hayut die Deutsche Annika Schweiger* in München, sie haben sich ebenfalls auf Tinder kennengelernt. Nach dem zweiten Treffen bricht sie den Kontakt ab. Sie will hier anonym bleiben, Details zu ihrer Person gibt sie keine bekannt. Sie sagt aber dieser Zeitung: Hayut sei für Geschäftsreisen jeweils mit dem Auto nach Zürich gefahren.

Mit Sjoholms Kreditkarte: Hayut buchte unter falschem Namen mehrere Flüge über Zürich. Vergrössern

Dann, Ende Januar, ändert sich für Pernilla Sjoholm alles. Das Boulevardblatt VG kontaktiert sie und deckt die Wahrheit über den Mann auf, den sie für Simon Leviev hält und mit dem sie seit Monaten eine intensive Freundschaft führt. «Für mich brach die Welt zusammen», sagt Sjoholm im Gespräch mit dieser Zeitung.

Fortan arbeitet sie mit den norwegischen Reportern zusammen, um Hayuts Machenschaften aufzudecken. Dazu arrangiert sie ein Treffen in München für den 2. Februar, wo VG-Journalisten ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommen und ihn anhand von Polizeibildern identifizieren. Im Vorfeld versuchte Sjoholm über die schwedische Polizei einen Haftbefehl in München zu erwirken. Erfolglos, Shimon Hayut reist unbehelligt ab. Nach Zürich, sagt die Schwedin.

Hayut: Alles eine grosse Lüge

Auch in Israel sind ihm enttäuschte Geschäftspartner auf der Spur, sagt Uri Blau, der für die israelische Zeitung Haaretz zu Hayut recherchiert. Einige haben sogar Privatdetektive angeheuert, um seine Machenschaften aufzudecken. Blau geht sogar davon aus, dass Hayut mit zweifelhaften Investoren-Deals mehr Geld verdient, als mit seinen Tinder-Bekanntschaften. «Da liegt noch viel im Dunkeln», sagt der Reporter.

Auf Fragen dieser Zeitung nach seinen Tricksereien und seinen Aufenthalten in der Schweiz antwortet Hayut, es sei alles eine grosse Lüge, er habe niemandem etwas angetan. Dann droht er mit einer Klage, falls über ihn geschrieben werde.

Ende Februar nimmt die deutsche Polizei doch noch Ermittlungen auf. Und die Münchner Staatsanwaltschaft eröffnet heute Freitag ein Strafverfahren gegen Shimon Hayut., wie sie gegenüber dieser Zeitung bekannt gibt. Damit wird der Israeli in sieben Ländern gesucht. In der Schweiz haben weder die Kantonspolizei Zürich noch das Bundesamt für Polizei Fedpol Informationen über Shimon Hayuts Verbleiben.

Der Tinder-Schwindler bleibt auf der Flucht.

*Namen geändert

Erstellt: 08.03.2019, 17:35 Uhr

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Hinweise

Haben Sie Hinweise zu Shimon Hayut? Bitte melden Sie sich unter hannes.vonwyl@tamedia.ch oder auf Threema: YEPWYZP9. Wir garantieren Ihre Anonymität.

Hayut benutzt auf Tinder oder für Buchungen oft falsche Namen: Bekannte Aliase sind Simon Leviev, Michael Biton, Mordechai Nisim Tapiro, Avraham Levy.

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