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Der Trick mit dem Klick

Die Zürcher Prominenten-Optikerin Nicole Diem muss ins Gefängnis.

MeinungEdgar Schuler
Nicole Diem in einem ihrer Geschäfte 1998. Foto:
Nicole Diem in einem ihrer Geschäfte 1998. Foto:

Es ist wie im Märchen, nur umgekehrt: Die hübsche und tüchtige Prinzessin verwandelt sich in eine hässliche Hexe. Das Bezirksgericht Horgen sieht es als erwiesen an, dass die einstige «Brillenkönigin» und «Vorzeigeunternehmerin» Nicole Diem ihre Gläubiger hinters Licht geführt und geschädigt hat. Dafür soll die 63-Jährige sechs Monate ins Gefängnis, unbedingt. Ob sie gegen das Urteil Berufung einlegt, lässt ihr Anwalt offen.

Es gab andere Zeiten. Wenn Nicole Diem rief, kamen die Prominenten sogar in einen Brillenladen. Als sie ein Jubiläum feierte, gratulierten der Zahnarzt-Playboy John Schnell, der Schönheitschirurg Peter Meyer-Fürst, die Millionäre Jürg Marquard und Beat Curti. Als Diem in ihrem Geschäft am Paradeplatz Cartier-Brillen zeigte, kamen Fussballtrainer Gilbert Gress, Olympiasieger Sepp Zellweger, und Hildegard Schwaninger berichtete vom Anlass, die Grande Dame der Schweizer Klatschspalten. Als der Optikunternehmerin ein Innovationspreis verliehen wurde, hielt FDP-Politikerin Doris Fiala die Festansprache: «Sie sind hartnäckig, begeisterungsfähig und fleissig, Frau Diem. Wie ich auch.»

Angefangen hatte Diem vor 43 Jahren mit der Idee, dass ein Brillengeschäft keine dunkle Höhle sein muss, in der Optiker in weissen Mänteln Sehhilfen verkaufen, die entweder schwarz sind oder nickelfarben. Ohne Optikerausbildung, mit nur einem Jahr Handelsschule im Sack, aber mit Flair und unbändiger Arbeitswut machte sie aus Brillen Mode. Ihre Gestelle waren rot, grün oder gelb. Schliesslich kam Diem auf den «Trick mit dem Klick»: Fassungen, bei denen man die Gläser im Handumdrehen auswechseln konnte. Jeden Tag und in jeder Stimmung eine andere Brille zu tragen, wurde erschwinglich.

Aus dem Geschäft am Limmatquai wurde eines an der Bahnhofstrasse. Dann kamen fünf Filialen dazu. Und dann kam eine fatale Fehleinschätzung. Als die Credit Suisse ihre Schalterhalle am Paradeplatz 2002 in ein Luxuswarenhaus verwandelte, gehörte Diem zu den ersten Mietern. Sie zahlte der Bank eine halbe Million pro Jahr – aber die Kunden blieben aus. Einerseits, weil niemand in dem Marmortempel ein Brillengeschäft vermutete, andererseits, weil auch andere Optiker längst erkannt hatten, dass sie ihren Kunden mehr bieten müssen als Schwarz und Nickel.

Als Diem 2006 den Innovationspreis erhielt, war ihr Unternehmen bereits in Schräglage. Dass sie das verdrängte, sich tief verschuldete und sogar ihr Haus in Herrliberg verpfändete, konnte die Firma nicht mehr retten. Steuerverfahren kamen dazu, erste Verurteilungen, schlechte Presse. Heute ist Diem, die für die Arbeit auf eine Familie verzichtete, gesundheitlich angeschlagen. Sie muss nach der Verurteilung um die Reste ihres einstigen Reichs fürchten. Sie habe, meint ihr Anwalt, für ihre Fehler schon doppelt bezahlt.

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