Überflieger schlingert

Für Steuertricks mit 88 Gemälden bestraft der Zoll Urs Schwarzenbach. Dieser bestreitet die Vorwürfe.

Es läuft gerade nicht so gut. Financier, Devisen-Tycoon, Hotelbesitzer, Kunstsammler: Urs Schwarzenbach.

Es läuft gerade nicht so gut. Financier, Devisen-Tycoon, Hotelbesitzer, Kunstsammler: Urs Schwarzenbach. Bild: Nicola Pitaro

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20. September 2012. Ein kühler Tag, leicht bewölkt. Es kommt vor, dass man das Rad der Zeit zurückdrehen möchte. Um Entscheide ungeschehen zu machen, Ereignissen eine andere Richtung zu geben. Für Urs Schwarzenbach (69), Kunstliebhaber, Multimillionär und Besitzer des Hotels Dolder Grand am Zürichberg, könnte der 20. September 2012 ein solcher Tag gewesen sein.

Er fliegt an diesem Morgen in seinem Flugzeug den Privatjet-Terminal des Flughafens Zürich an und beschliesst, durch das Gebäude des Execujet-Terminals einzureisen – dort dürfen Privatflieger nur durch, wenn sie nichts zu verzollen haben.

Dieser Moment verändert seine Welt. Für immer. Noch ist Schwarzenbach ein Megastar, ein Überflieger. Die «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf eine bis eineinhalb Milliarden Franken. Das viele Geld, die Villen und Paläste weltweit, die Ländereien – das alles macht gewaltig Eindruck. Die Karriere vom Banklehrling zum Devisen-Tycoon ist beeindruckend. Er hat nach eigenen Angaben in den 80er-Jahren mit Devisenspekulationen in England ein Milliardenvermögen angehäuft.

Bildstrecke – Das Dolder-Imperium

In Zürich bewundern ihn die Stadtoberen, weil der Milliardär das Hotel Dolder Grand gekauft und prächtig umgebaut hat. Der Luxus strahlt auf die gesamte Stadt aus. Auch die Elite in St. Moritz, wo er mehrere Liegenschaften besitzt, hofiert ihn noch. Das Eintrittsbillett in die hohe Gesellschaft von London bis ins Engadin ist seine Kunstsammlung von Weltrang.

Eine Drittelmilliarde, blockiert

Doch seit jenem Septembertag blieb in seinem Imperium kein Stein auf dem anderen. Langsam beginnt es auseinanderzubröckeln. Zehn, zwölf Zollfahnder, die meisten in Jeans und T-Shirts, werden bald sein Fünfsternhotel durchsuchen, zweimal, und unter den konsternierten Blicken der Gäste wertvolle Gemälde abhängen; sie werden seine Villen, seine Büros, Galerien von Freunden auf den Kopf stellen. Stapelweise Dokumente beschlagnahmen, Festplatten kopieren. Er wird eingeschriebene Briefe von der Oberzolldirektion und der Eidgenössischen Steuerverwaltung erhalten mit happigen Forderungen: 220 Millionen Franken Vermögen durch den Fiskus blockiert, Bilder im Wert von 150 Millionen Franken vom Zoll beschlagnahmt, gegen 22 Millionen an Einfuhrsteuern geschuldet, 11 Millionen Franken an Bussen verhängt. Das macht über eine Drittelmilliarde Franken Vermögen, über die er nicht mehr verfügen wird.

Video: Razzia im Dolder

Deshalb wurden am 7. März 2017 im Zürcher Luxushotel Dolder rund 30 Kunstwerke konfisziert. Video: Stefan Hohler und Lea Blum, Kunstwerk: Robert Indiana

An diesem Septembermorgen am Privatflugplatz in Zürich ist nichts wie sonst. Bisher hat Schwarzenbach dort praktisch nie Zöllner angetroffen, Kontrollen sind selten. Doch am 20. September sind sie da. Er schiebt gerade «An Ancient Custom» von Edwin Long – 75 Zentimeter auf 95 Zentimeter, Wert: 302'400 Franken – durch das Flughafengebäude – unverzollt. Da tauchen sie plötzlich auf.

Noch hätte alles gut gehen können. Das Übliche halt: Formulare ausfüllen, Strafbescheid akzeptieren, Steuer nachzahlen. Fall erledigt. Bei der Oberzoll­direktion in Bern stapeln sich solche Entscheide ordnerweise – gegen Antiquitätenhändler, die teure Möbelstücke zu tieferen Preisen angeben, oder auch Pferdebesitzer, die Edelstuten als alte Gäule deklarieren.

Seine Sammlung von Weltrang ist das Ticket in die edle Gesellschaft.

Doch diesmal läuft es anders. Vielleicht ist es seine Nonchalance an diesem Tag, welche die Zollfahnder anstachelt. Er gibt zu Protokoll, er habe den grünen Durchgang benutzt, weil das Zollprozedere zu mühsam sei, «das dauert zwei Stunden». Bürokratenkram ist nichts für ihn. Für den Edwin Long hätte er 8 Prozent Einfuhrsteuer bezahlen müssen – 24'000 Franken. Schwarzenbach ist für die Leute vom Zoll kein unbeschriebenes Blatt. Er war schon zuvor in Zollverfahren verwickelt.

Die Fahnder schöpfen Verdacht. In einem offenen Zolllager in Schlieren, wo Schwarzenbach seine Kunst einstellt, nehmen sie sich Wochen nach dem ­Vorfall im September Lagerlisten vor und kontrollieren sogenannte Geleitscheine. Solche werden ausgestellt, wenn man Ware ins Ausland bringt. Sie stellen fest: Nur wenig passt zusammen. Schon fast systematisch sind die Bilder nicht dort, wo sie laut den Papieren sein sollten.

16 Razzien

Die Zürcher Ermittlergruppe der Oberzolldirektion startet darauf eine Gross­aktion gegen den Milliardär. Über die nächsten Jahre verteilt, kommt es zu 16 Razzien. Dabei werden Gigabytes an Daten und 1,8 Millionen Dokumente beschlagnahmt. Zwar kämpfen Schwarzenbachs Anwälte vor Gericht für eine Versiegelung des beschlagnahmten Materials, doch sie verlieren. Den Datenberg teilen die Zollfahnder mit der Steuerbehörde – was zu der Vermögensblockade und Forderungen des Fiskus führt.

Die Fahnder zerlegen das Material in Einzelteile und fügen es wieder zusammen. Sie stossen auf ein, wie sie glauben, ausgeklügeltes System, mit dem der Financier von 2007 bis 2013 Millionen von Franken an Einfuhrsteuern für seine Kunstwerke umgangen haben soll.Es begann 2007. Damals standen viele Kunstschätze, um die es geht, im von Schwarzenbach gemieteten offenen Zolllager. Das ist exterritoriales Gebiet, die Ware darin ist nicht verzollt. Bis 2007 waren solche Lagerungen zeitlich praktisch unbegrenzt möglich, doch dann änderte der Bundesrat die Regeln. Denn es bot für Gutbetuchte eine zu einfache Möglichkeit, ihre Schätze steuerfrei zu bunkern. Seither muss die Ware nach sechs Monaten raus.

Das, so glaubt die Zollbehörde, brachte Schwarzenbach in Zugzwang. Er hatte damals zwei legale Möglichkeiten: Entweder er bringt die Bilder ins Ausland (und zahlt dort Einfuhrsteuer), oder er führt sie aus dem Zolllager offiziell in die Schweiz ein – und bezahlt 8 Prozent Mehrwertsteuer in die Schweizer Staatskasse. Für alle Kunstwerke wären das insgesamt rund 22 Millionen Franken gewesen.

Bildstrecke: Zollbehörde schreitet im Dolder ein

Die Oberzolldirektion wirft ihm vor, er habe sich für einen dritten, illegalen Weg entschieden: Er exportierte einen Teil der Bilder offiziell ins Ausland, um sie dann kurze Zeit später mit seinem Jet wieder heimlich (also unverzollt) zurück in die Schweiz zu holen – so wie er es auch an jenem Septembermorgen in Zürich versucht hatte. Dafür ist er vom Bezirksgericht Bülach im Frühling zu einer Busse von 4 Millionen Franken verurteilt worden. Er hat dagegen Beschwerde eingelegt.

Bei besonders grossen Gemälden wählte Schwarzenbach laut Zollbehörde einen andern Weg – und darum geht es im neusten Entscheid. Er liess die Kunstwerke zuerst exportieren und danach über die bekannte Galerie Gmurzynska am Paradeplatz in Zürich wieder ins Land bringen. Galerien geniessen Zollprivilegien, sie können Bilder zollfrei einführen, wenn sie für den Verkauf bestimmt sind. Doch in den beschlagnahmten Dokumenten konnten die Zollfahnder keinerlei Verkaufsbemühungen der Galerie feststellen. Die Oberzoll­direktion büsst den Kunstsammler deshalb jetzt mit 7 Millionen Franken, weil er für 88 Gemälde das Privileg der Galerie «systematisch» für seine privaten Zwecke missbraucht habe, steht im Entscheid vom letzten Montag. Schwarzenbachs Verschulden sei «sehr schwerwiegend». Der Entscheid ist nicht rechtskräftig.

Der Kunstsammler bestreitet die Vorwürfe. Er ist der Meinung, dass die Zollbehörde in diesem Fall gar nicht zuständig sei. «Urs Schwarzenbach hat die Strafverfügung der Oberzolldirektion zur Kenntnis genommen und wird sie weiterziehen», sagt sein Sprecher.

Nach den Export-Import-Manövern hängte er die Bilder an die Wände seiner Privathäuser, seines Family Office in der Villa Falkenstein in Zürich und des Hotels Dolder – oder ins Haus eines engen Freundes in England.

Der Brite bewegt sich in London in edelster Gesellschaft und war lange die rechte Hand von Haji Hassanal Bolkiah, dem Sultan von Brunei. Seine Majestät gehört zu den Reichsten der Welt. Er verdiente zeitweise im Erdgas- und Ölgeschäft 20 Millionen Dollar pro Tag, mehr als 7 Milliarden im Jahr. Davon sollen jährlich 4 Milliarden in die Familienkasse fliessen, wie «Der Spiegel» berichtete. Er residiert in einem 1788-Zimmer-Palast und besitzt 7000 Luxusautos, darunter 604 Rolls-Royce und 452 Ferrari.

Geheime Besitzer

Vielleicht steckt das Geld des Sultans auch in Kunstschätzen in der Schweizer Zollaffäre. Spekulationen über einen geheimen Geldgeber schüren Schwarzenbach und sein britischer Freund selbst. Sie bringen im Streit einen mysteriösen Unbekannten ins Spiel.

Die meisten Bilder wurden über sieben Offshore-Firmen gekauft – darunter die Galerie Minerva in Liberia. Zwar gibt Schwarzenbach im Namen der Galerie die Anweisungen, und ihr Briefkopf ist in den Computern seiner Kunstabteilung in Zürich gespeichert. Trotzdem sagt er, die Bilder gehörten nicht ihm, der Besitzer sei geheim.

Auch der britische Ex-Berater des Sultans hat unverzollte Bilder an seinen Wänden, die angeblich nicht ihm gehören. Das Bild «L’araignée de mer» von Pablo Picasso im Wert von 7,8 Millionen Franken finden die Zollfahnder bei einer Razzia in seiner Wohnung in der Chesa Futura in St. Moritz. Auch ein Marc Chagall hängt dort.

Frage an ihn in der Einvernahme: Was können Sie uns zu den Gemälden sagen?

Antwort: Nichts.

Frage: Sie sind in Ihrer Wohnung.

Antwort: Ja, sie sind in meiner Wohnung, aber sie gehören mir nicht.

Frage: Wem gehören die Gemälde?

Antwort: Ich weiss es nicht.

Die Besitzer hinter den Offshore-Firmen hat die Zollbehörde nicht eruieren können. Es bleibt deshalb unklar, wem der Millionenschatz wirklich gehört.

In St. Moritz taucht Schwarzenbach heute seltener auf. Sein Lack bröckle, manche gingen im Luxuskurort auf Distanz, hört man dort. Spätestens seit dem kühlen Tag im September 2012 ist der kometenhafte Aufstieg vorüber. Der Überflieger schlingert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2018, 07:38 Uhr

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