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Der unsichtbare Supervogel

Andere suchen an Ostern Eier, wir suchen ein Huhn: jenes, das unser regionales Bio-Ei gelegt hat. Lebt es wirklich im ewigen Sonnenlicht auf saftig grüner Wiese wie in der Werbung?

Irene Maurer mit einer der 2000 Legehennen auf dem Hof bei Wald im Zürcher Oberlande. Foto: Raisa Durandi
Irene Maurer mit einer der 2000 Legehennen auf dem Hof bei Wald im Zürcher Oberlande. Foto: Raisa Durandi

Wie soll man in diesem Moment Glück oder Stolz empfinden? Für unsere Urahnen im Dschungel Südostasiens war das etwas anderes: Die müssen übers ganze Gesicht gegrinst haben, wenn sie in einer Bodenmulde, gut versteckt unter Palmwedeln, ein Hühnerei entdeckten. Meine jämmerlichen Beutezüge hingegen führen eine Rolltreppe hinab in eine unterkühlte Zürcher Coop-Filiale, die noch nie einen Sonnenstrahl gesehen hat. Dort warten die Eier in Legion auf meinen achtlosen Griff ins Regal.

Nun, nicht dieses Mal. Das perfekt geformte Objekt in meiner Hand ist zwar bloss eines von einer halben Million Schaleneiern, die im Kanton Zürich Tag für Tag verspeist werden. Aber es ist mein Osterei, und ich will wissen, woher es kam. Bio, steht auf der Packung, aus der Region, und eine Adresse im Tösstal. Sofort stellt man sich eine Wiese vor, wo ein Dutzend Hühner im goldenen Abendlicht auf einem windschiefen Verschlag umherklettert. Die kitschigen Bilder stammen aus der TV-Werbung – und man ahnt: Unser Mordsappetit könnte auf diese Weise nie gestillt werden.

Marshühner und Ei-Roboter

Es ist ein Rätsel. Allein im Kanton Zürich essen wir heute jährlich so viele Eier, dass man mit ihrer Energie das Kernkraftwerk Gösgen einen Tag lang befeuern könnte (wenn es über einen Eier­reaktor verfügte). Jedes dritte davon stammt aus der Region, gelegt von fast 200'000 Zürcher Legehennen. Bloss: Wo sind die alle? Alte Hochkulturen haben diesen Vogel vergöttert, Papst Nikolaus verlangte einen Hahn auf jedem Kirchturm, und die Nasa wollte das Huhn auf den Mars mitnehmen, aber bei uns lebt es im Abseits. Auf jeder Wiese steht stolz eine Kuh, und die kantonalen Statistiker kennen jedes Schwein mit Wohnort und Name, aber Hühner? Fehlanzeige. Auf meiner Spurensuche werde ich entlang der Zürcher Landstrassen sogar mehr Lamas zu sehen bekommen.

Mein regionales Bio-Ei ist natürlich nicht vom Huhn persönlich in die Stadt gebracht worden (man darf nicht alles glauben, was man am TV sieht). Es kam per LKW aus Schafisheim im Aargau, wo die neue Verteilzentrale von Coop steht, ein Monumentalbau des Konsums von epischen Ausmassen. Dorthin war das Ei auf einem Umweg über Sursee im Kanton Luzern gelangt, wo hinter einem Zaun die Anlage der Ei AG steht, die ­aussieht wie eine Hightech-Forschungsstätte. Dort musste mein Ei diverse Prüfungen bestehen: Es wurde von Robotern durchleuchtet und auf Schäden abgeklopft, ehe es in der Packung landete.

Die grosse Mehrheit der Vögel bleibt lieber im Stall oder im anschliessenden Wintergarten, als nach draussen zu gehen. Foto: Raisa Durandi
Die grosse Mehrheit der Vögel bleibt lieber im Stall oder im anschliessenden Wintergarten, als nach draussen zu gehen. Foto: Raisa Durandi

Zuvor hatten es die Spediteure der Ei AG auf jenem Hof abgeholt, der am Ziel meiner Spurensuche steht. Vom Ufer der Töss geht der Blick über eine grüne Weide, auf der kleine Zelte stehen – wie im Feldlager einer Zwergenkompanie. Aber es bewegt sich wenig. Die meisten Hühner ziehen es vor, sich in einem Gebäude am anderen Ende der Wiese auf den Füssen herumzustehen. Ein Stall, der aussieht wie ein Gewächshaus-Tunnel, ein mit Plastik überspannter Hangar, der in der Sonne glänzt.

Jede Presse ist schlechte Presse

Es ist eine Offenbarung: Einer jener weissen Flaumbälle, die man durchs offene Tor über den Boden ruckeln sieht, muss vor ein paar Tagen mein Ei gelegt haben. Aber wie es diesem Huhn geht, lässt sich aus der Ferne schwer beurteilen, und näher komme ich nicht ran.

Am Telefon mit Eierproduzenten von Coop und Migros bekommt man eine Menge Gründe zu hören, weshalb ein Besuch gerade nicht passt. Die Herde, die ausgewechselt (sprich: getötet) wird. Die Halle, die in die Jahre gekommen ist. Die Vögel, deren Gefieder nach einigen Monaten nicht mehr so herzeigbar sei wie am Anfang. Und überhaupt: Presse sei für einen Eierproduzenten letztlich immer schlechte Presse. Weil die Leute einfach kein Verständnis hätten für die Realität dieser Branche. Da hilft auch Freiland und Bio nichts und dass die schlimmen Bilder der Käfighaltung in der Schweiz längst Vergangenheit sind.

Die PR-Abteilung von Coop kann dann ein paar Kilometer weiter doch noch einen Betrieb ausfindig machen, der seine Türen öffnet. Er liegt in einem Talkessel, der gesprenkelt ist mit gelbem Löwenzahn und blühenden Obstbäumen. Im Schatten der Bäume sind kleine Gruppen weisser Hühner versammelt. Sie machen einen gepflegten Eindruck. Ein paar mutige durchstreifen die Wiese, als wollten sie sich für einen Werbespot qualifizieren. Den meisten scheinen aber lieber auf der weniger telegenen Kiesfläche um den Stall zu scharren. Und die grosse Mehrheit der 2000 Tiere (die Obergrenze für Biobetriebe) ist gleich ganz in der 40 Meter langen Halle geblieben. Von draussen hört man sie leise gackern. Die Tiere mögen die Sonne nicht, erklärt Irene Maurer.

Das wäre ein Teil der Erklärung, weshalb man die vielen Tausend Zürcher ­Legehennen so selten sieht: Wenn wir draussen spazieren, sind sie drinnen. Die andere Erklärung: Viele leben auf Freilandbetrieben mit 18'000 Tieren in grossen Hallen, die zum Teil recht abgeschieden liegen. Anders als Maurers Hühner und der Besucher aus der Stadt wirkt sie selbst wetterfest. Sie ist von jenem unkomplizierten Schlag, der direkt dem Boden entsprungen scheint. Das ­alles ist für sie selbstverständlich, und eine vorösterliche Investigation bringt sie nicht aus der Ruhe. Warum auch? Sie ist überzeugt, dass es die Hühner hier gut haben. Maurer deutet über die Weide, die zum Tal hin keinen Zaun hat: Im Prinzip könnten die Hühner bis ans Ende der Welt gehen. Tun sie aber nicht. So viel Fluchtinstinkt steckt in ihnen nicht mehr drin. Es wäre auch riskant, denn ab und zu schaut der Fuchs vorbei. Den Habicht halten die Raben fern.

Die Mär der regionalen Vielfalt

Im Innern des Stalls ist der Geruch des Kots nicht so ätzend wie erwartet. Die Einrichtung erinnert entfernt an eine ­Zivilschutzanlage, einfach für Vögel. Schlafstangen auf mehreren Ebenen. Darunter ein langer Kanal, in den sich ab und zu ein sandfarbenes Granulat ergiesst. Es ist das Futter. Laut Hersteller besteht es unter anderem aus zermahlenen Sonnenblumenresten, Weizen, Mais und Muschelkalk. Die Wände entlang ­befinden sich die Nistkästen. Mit Sichtschutz zwar, aber ohne Privatsphäre: Man legt sein Ei Schulter an Schulter.

Ein Huhn sieht aus wie das andere – und genau gleich wie in jedem anderen Betrieb. Die Werbebotschaft von der regionalen Vielfalt entpuppt sich hier als Mär. Es stimmt zwar: Aus einem einzigen, fast unzähmbaren Urtypus haben sich über die Jahrtausende in jedem Winkel der Welt andere Haushuhn-Rassen entwickelt. Aber jetzt zurrt sich alles wieder zusammen auf einen Typ. Auf einen indes, der mit seinem wilden Vorfahr fast nichts mehr gemein hat: die internationale Hochleistungs-Legehenne, das sogenannten Hybridhuhn.

Bei den Maurers ist es ein Huhn der deutschen Zuchtfirma Lohmann – eine von vier Firmen, die sich den Weltmarkt aufteilen. Diese Tiere kann ein Bauer nicht selbst vermehren, dafür legen sie mit erstaunlich wenig Futter fast jeden Tag ein Ei. (Das ist, als würde eine Frau jeden Tag ein Zwei-Kilo-Ei gebären und dann vier Kilogramm Pasta essen.) Nach einem Jahr lässt die Leistung der Hennen nach, dann muss die Herde ersetzt werden, für etwa 25 Franken pro Tier.

Es dauert etwa zwei Monate, bis sich die Investition rechnet. Denn pro Ei, das via Förderband aus dem Stall in den Karton von Irene Maurer rollt, bekommt sie 44 Rappen. Gefragt, wie viel man zahlen müsste, um unseren ganzen Hunger mit bunten Kleinbetrieben wie in der Werbung zu stillen, zuckt sie mit den Schultern. Nicht auszudenken. Es ist etwas, worüber man am Sonntag beim Schälen des Ostereis grübeln kann.

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