«Der Vergleich mit einem Gefängnis ist völlig haltlos»

Vier Familien sollen seit Wochen unter Haftbedingungen am Flughafen auf ihren Asylentscheid warten. Das Staatssekretariat für Migration sagt, wie es in der Unterkunft tatsächlich aussieht.

Leben in der Wartezone: Eine der Flüchtlingsfamilien im Flughafentransit.

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Derzeit befinden sich vier kurdische Familien in der Unterkunft für Asylsuchende im Transitbereich des Zürcher Flughafens. Sie üben in den Medien Kritik an den Zuständen vor Ort. Wie sieht es dort denn aus?
Die Unterkunft verfügt insgesamt über 58 Betten, sie war aber noch nie voll ausgelastet. Normalerweise halten sich zwischen 5 und 15 Asylsuchende dort auf. Es hat drei Schlafräume für Frauen, für Männer und für Familien sowie sanitäre Einrichtungen, die natürlich nach Geschlechtern getrennt sind. Weiter gibt es einen Aufenthaltsraum mit TV und Pingpong-Tisch, in dem die Asylsuchenden auch essen. Den Kindern steht ein Spielzimmer mit vielen Spielsachen und Büchern zur Verfügung. Zudem gibt es eine Küche und ein kleines Atelier, in dem die Leute nähen oder basteln können.

Die Familien beklagen sich, dass sie kaum an die frische Luft gehen können.
Das stimmt so nicht. Sie können jederzeit mit der unterirdischen Bahn zum Dock E fahren und dort auf die Zuschauerterrasse gehen. Die Türen der Unterkunft sind immer offen. Der Vergleich mit einem Gefängnis ist daher völlig haltlos. Es hat auch keine Polizisten oder Sicherheitsleute, die sie überwachen. Anwesend sind hingegen vom Morgen früh bis am späten Abend ein bis zwei Betreuerinnen oder Betreuer, die sich um die Asylsuchenden kümmern.

Was tun die Betreuer in dieser Zeit?
Sie bereiten zum Beispiel das vom Caterer angelieferte Essen zu und berücksichtigen wenn immer möglich die Wünsche der Asylsuchenden. Sie helfen bei Fragen und Anliegen aller Art und können im Notfall Hilfe organisieren. Sie sorgen aber auch dafür, dass die Asylsuchenden die Unterkunft sauber halten.

Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung aus und der religiösen Betreuung?
Dreimal pro Woche ist während sieben Stunden eine Pflegeperson anwesend, um die Asylsuchenden medizinisch zu betreuen oder im Bedarfsfall einen Arzt zu kontaktieren. Ein interkonfessioneller Gebetsraum befindet sich nur wenige Meter von der Unterkunft entfernt, und auf Wunsch kann auch ein Seelsorger hinzugezogen werden.

Wie viel kostet die Betreuung der Asylsuchenden im Flughafen?
Sie ist Teil des Mandats, das die Asyl-Organisation Zürich (AOZ) von uns erhalten hat. Die AOZ bekommt von uns eine Pauschale für alle Betreuungsaufgaben von Asylsuchenden in den verschiedenen Bundesasylzentren, für die sie zuständig ist. Wie viel davon für die Betreuung am Flughafen aufgewendet wird, kann ich nicht sagen.

Und wie viel Geld bekommen die Asylsuchenden selbst?
Drei Franken pro Tag. Sie brauchen an sich kein Geld, da sie drei Mahlzeiten pro Tag und Toilettenartikel gratis erhalten und Kleider erhalten – ein Teil davon kommt aus Kleidersammlungen, einige Dinge, wie beispielsweise Kinderschuhe, müssen wir manchmal dazukaufen, weil es nie genug davon hat.

Trotzdem gibt es für die Asylsuchenden offenbar Grund zur Klage.
Es ist natürlich nicht angenehm, in der Unsicherheit zu leben und nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Das kann die Asylsuchenden sicher belasten. Bei den Kindern kommt hinzu, dass sie sich schneller langweilen als die Erwachsenen. Sie brauchen deshalb mehr Aufmerksamkeit. Zumal sie ja nicht in die Schule können. Eine Lehrkraft anzustellen, macht aber keinen Sinn, weil sie ja maximal 60 Tage im Flughafen sind.

Wer wird denn überhaupt in der Transitzone untergebracht?
Es sind Personen, die nicht legal in die Schweiz einreisen können, weil sie über kein gültiges Visum oder keine notwendigen Ausweispapiere verfügen. Wenn sie ein Asylgesuch stellen, bleiben sie in der Unterkunft im Transitbereich, bis wir geklärt haben, ob sie einreisen dürfen, und ein reguläres Asylverfahren eröffnet wird. Entscheidend dabei ist, ob sie in dem Land, aus dem sie in die Schweiz eingereist sind, schon ein Asylgesuch gestellt haben oder hätten stellen können. Falls dies der Fall ist und sie in diesem Land nicht bedroht sind, müssen sie dorthin zurückkehren. Diese Fragen klären wir in jedem einzelnen Fall ab.

Die kurdischen Familien harren laut eigenen Angaben schon sieben Wochen am Flughafen aus. Kommt es häufig vor, dass die Abklärungen so lange dauern?
Oft dauert es nur ein bis zwei Wochen, bis der Entscheid gefällt ist. Unser Ziel ist es, die Verfahren nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Verzögerungen gibt es vor allem dann, wenn Asylsuchende gegen unseren Entscheid rekurrieren und beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde einreichen.

Ist das bei den kurdischen Familien der Fall, die derzeit am Flughafen ausharren?
Dazu darf ich aus Datenschutzgründen nichts sagen. Was aber klar ist: Nach maximal 60 Tagen werden die Asylsuchenden einem Kanton zugewiesen, der dann entscheidet, wo sie untergebracht werden – normalerweise in einer Asylunterkunft.

Wie viele Asylsuchende werden schon am Flughafen wieder zurückgeschickt?
Von den 89 Asylsuchenden, die dieses Jahr am Flughafen ein Asylgesuch gestellt haben, sind 44 in die Schweiz eingereist und durchlaufen hier ein normales Asylverfahren. Bei den anderen gab es einen negativen Entscheid, oder das Verfahren läuft noch. Die Zahl der Asylgesuche am Flughafen sinkt allerdings konstant. 2015 waren es insgesamt noch 253 Asylsuchende, 2016 noch 184, 2017 waren es 170.

Erstellt: 26.10.2018, 16:57 Uhr

Daniel Bach, Chef Information und Kommunikation beim Staatssekretariat für Migration (SEM) (Bild: zvg)

Die kurdischen Familien am Flughafen

Mehrere kurdische Familien befinden sich gemäss verschiedenen Medienberichten derzeit in der Unterkunft für Asylsuchende am Flughafen Zürich – einige von ihnen seien bereits seit sieben Wochen dort. Sie seien aus Syrien, der Türkei oder dem Irak über Südafrika oder Brasilien nach Zürich gereist und hätten in der Schweiz Asyl beantragt. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) und das Bundesverwaltungsgericht haben laut «20 Minuten» einen Teil der Gesuche mit einem Nichteintretensentscheid beantwortet.

Ob die Asylsuchenden ein Wiedererwägungsgesuch eingereicht haben, wird aus juristischen Gründen nicht kommuniziert. Ein Teil der Familien wurde jedoch heute Freitag gemäss einem Bericht des News-Portals «Watson» vom Flughafen in eine Asylunterkunft im Kanton Zürich versetzt. Das könne als Hinweis gewertet werden, dass die materielle Prüfung eines allfälligen Gesuches noch nicht abgeschlossen sei.

Die Juso Zürich planen für Samstagnachmittag eine Protestaktion am Flughafen, um auf das Schicksal der Asylsuchenden und auf die «menschenunwürdigen Bedingungen und prekären Zustände» in der Unterkunft hinzuweisen. (tif)

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