Der verlassene Liftturm hinter der Grenze

Der ehemalige Testturm für Aufzüge in Schlatt TG, direkt an der Zürcher Kantonsgrenze, gilt als Unikum. Die Denkmalpflege möchte ihn unter Schutz stellen – und trifft auf Widerstand.

Blickfang: Der Turm, in dem früher Aufzüge getestet wurden. Foto: Andrea Zahler

Blickfang: Der Turm, in dem früher Aufzüge getestet wurden. Foto: Andrea Zahler

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Das ungewöhnliche Bauwerk steht wenige Hundert Meter hinter der Kantonsgrenze bei Feuer­tha­len ZH: Dort, beim Bahnhof Schlatt, ragt ein markanter viereckiger Betonturm 40 Meter in die Höhe. Bei dem schlanken Gebäude im Gewerbegebiet ­Neuparadies handelt es sich um den ehemaligen Aufzugsturm der Firma Aufzüge AG Schaffhausen. Darin testete die Firma ab Mitte 50er-Jahre mehrere Jahrzehnte lang die im Hause entwickelten Lifte und brachte sie zur Einsatzreife.

«Majestätisch und stolz»

Erbaut wurde der Testturm um 1955. In der Thurgauer Denkmaldatenbank wird als Architekt «vermutlich Hans Wanner, Schaffhausen» genannt. Der Turm war der grosse Stolz der Liftfirma, wie aus einem ganzseitigen Inserat in der NZZ 1956 hervorgeht: «Dicht an der Hauptstrasse Schaffhausen-Stein am Rhein überragt majestätisch und stolz das Wahrzeichen unseres Unternehmens, der 40 Meter hohe Aufzugsturm, die Landschaft. Er ist gleichsam zum Symbol unserer Leistungsfähigkeit geworden.» Drei Jahre später hiess es in einem weiteren Inserat, im Turm zeuge «einer der modernsten und schnellsten Aufzüge der Schweiz (Geschwindigkeit 2,5 m/sek) von der Leistungs­fähigkeit des Unternehmens».

In den 70er-Jahren verlor die Firma Aufzüge AG Schaffhausen ihre Eigenständigkeit und wurde eine Tochtergesellschaft des Weltunternehmens Schindler. Doch dieses stellte die Liftproduktion in Schlatt 2001 ein – 46 Arbeitsplätze gingen verloren, der Liftturm wurde stillgelegt. In den ehemaligen Produktionshallen der Liftfirma haben sich seither verschiedene kleinere Betriebe eingemietet. Doch der Liftturm steht leer. Er wird heute nicht mehr genutzt, bestätigt Isabel Ulrich, die zusammen mit ihrem Mann Stefan Ulrich das Gewerbegebiet in Neuparadies besitzt. Der Versuchslift sei bereits seit mehreren Jahren stillgelegt, aus Sicherheitsgründen.

Beengte Platzverhältnisse

Einzig im Portierhaus im Erd­geschoss befindet sich seit einem Umbau vor vier Jahren ein Restaurant. 2011 machten Pläne die Runde, den Lift wieder in Betrieb zu nehmen und auf der Turmspitze ein kleines Café einzurichten. Doch daraus wurde nichts. «Die Platzverhältnisse sind zu knapp», sagt Isabel ­Ulrich. Oben im Turm befinde sich ein sehr enger Raum, der sich für ein Restaurant nicht eigne. Die Plattform aussen habe zudem kein Geländer, sei also nicht begehbar. Laut Ulrich gibt es derzeit keine anderen Pro­jekte für eine Umnutzung des Turms.

Die Denkmalpfleger im Kanton Thurgau stufen den Liftturm als «wertvoll» ein und haben eine Unterschutzstellung beantragt, wie der kantonale Denkmalpfleger Ruedi Elser sagt. Es handle sich um eine landschaftlich prägende «Landmark» und ein industrie- und baugeschichtlich bedeutendes Bauwerk von grosser Originalität und Einmaligkeit.

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Bereits 2011 würdigte die Denkmalpflege den Liftturm als «beinahe kurioses Beispiel eines Industrieturms». Der Bau bestehe lediglich aus Liftschacht und Treppenhaus, es handle sich somit um den «nackten» Aufgang eines Hochhauses, dem nur sein Wohnungsmantel fehle.

Doch für eine Unterschutzstellung braucht es auch das Einverständnis der Standortgemeinde. «Und dieser Entscheid steht derzeit noch aus», bedauert Denkmalpfleger Elser. Deshalb bleibe der Schutzentscheid zum Turm weiterhin pendent. Die Denkmalpflege hat ihn beantragt, aber Schlatt hat ihn noch nicht vollzogen. Und es sieht nicht danach aus, als ob die Gemeinde dies in Bälde tun wird.

Keine Neunutzung in Sicht

Wie Gemeindepräsidentin Marianna Frei erklärt, wird sich der Gemeinderat im Rahmen der laufenden Ortsplanungsrevision mit einer möglichen Unterschutzstellung des Turms befassen. «Allerdings unterstützt der Gemeinderat eine Unterschutzstellung des Liftturms nicht, da aus unserer Sicht keine sinnvolle Nutzung ersichtlich ist», sagt Frei. Der definitive Entscheid ­stehe zwar noch aus, doch ist zu erwarten, dass hier eine Differenz mit der Denkmalpflege bestehen bleibe.

Laut Frei hat sich Schlatt vor einigen Jahren schon einmal gegen eine Unterschutzstellung des Liftturms ausgesprochen. Dieser sei zwar ein Wahrzeichen, aber: «Wir sind nicht so erpicht darauf, dass er unter Schutz gestellt wird.» Dabei spielten auch Kostenüberlegungen eine Rolle. Bei einem Schutzobjekt müsste sich die Gemeinde an den Unterhaltskosten beteiligen. Und Schlatt stehe hier bereits bei dem unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Kloster Paradies in der Pflicht. Frei verweist darauf, dass der Turm ja weiterhin stehen bleiben könne.

Abrisspläne gibt es derzeit keine, wie Eigentümerin Isabel Ulrich sagt. Sie schätzt den Turm: «Er ist einzigartig und steht markant in der Landschaft.»

Erstellt: 08.06.2019, 11:30 Uhr

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