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Der Wutbürger aus dem Säuliamt

In Affoltern am Albis spielt sich ab, was weltweit ein Thema ist: Bürger erheben sich gegen die sogenannte Elite. Mittendrin steht der Zeitungsmacher Hans Roggwiler.

Ein Mann und sein Kampfblatt: Hans Roggwiler hat den «Durchblick». Foto: Raisa Durandi
Ein Mann und sein Kampfblatt: Hans Roggwiler hat den «Durchblick». Foto: Raisa Durandi

«Fake-News», «Lügenpresse»: Diese Begriffe muss man niemandem mehr erklären. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Kommentarschreiber suggeriert, dass wir nun in einem «postfaktischen Zeitalter» leben würden. Die Debatte wird bisweilen gehässig geführt und findet meist im Internet statt. Wie sich der Diskurs in der Realität anfühlt, wissen die Bewohner von Affoltern am Albis.

Mit 11'000 Einwohnern wäre der Bezirkshauptort des Säuliamts eine Stadt. Doch das ist nur ein Fakt. Was zählt, sind die grünen Hügel, die den Charakter der Ortschaft ausmachen. Die Reihenhäuser, der Dorfplatz, auf dem sich die meisten mit Vornamen grüssen. An diesem frühlingshaften Nachmittag ist die Idylle beinahe unwirklich. Es ist T-Shirt-Wetter. Auf den Trottoirs, wo sonst um diese Jahreszeit gelegentlich noch Schnee gepflügt wird, sitzen Strassenarbeiter und trinken ihr Feierabendbier.

«Nichts ist mehr normal hier», sagt Hans Roggwiler. Der Rentner bezieht sich nicht aufs Wetter, sondern auf die politische Situation im Säuliamt. Als Einziger sitzt er im dunklen Stübli der Dorfbeiz Löwen. Auf dem Tisch liegen fünf Ausgaben der Zeitung «Durchblick». Seiner Zeitung. Seit einem halben Jahr produziert der 69-Jährige Monat für Monat die Zweibundschrift.

Er will die Revolution

Die Sprache, die in der Zeitung verwendet wird, ist kompromisslos. Im Kopf der Zeitung heisst es: «Der ‹Durchblick› will unverblümt das veröffentlichen, was das behördenfinanzierte Monopolblatt ‹Anzeiger› verschweigt.» Persönlichkeitsschutz und Amtsgeheimnis seien «keine Argumente». Entsprechend werden Lokalpolitiker und Wirtschaftsvertreter mit Handynummer und Wohnadresse an den Pranger gestellt, die angeblichen Verfehlungen der Elite detailliert beschrieben. Von «Bank-Schnöseln» oder «schmalbrüstigen Gesinnungsterroristen» ist die Rede, von «neoliberalen Typen ohne Moral», von «Korruption» und «Behördensumpf».

Es gehe ihm um die Sache, sagt er. Er sei ein Mutbürger.

Der scharfe Ton erstaunt. Im Gespräch zeigt sich Roggwiler von einer anderen Seite. Ein kleiner Mann mit freundlichen Augen und hellem Ostschweizer Dialekt. Man könnte sich ihn gut als Märchenerzähler vorstellen. Doch die Geschichten, die Roggwiler erzählt, spielen in der Realität und zielen direkt auf den Mann. Es gehe ihm um die Sache, sagt er. Er sei kein Wut-, sondern ein Mutbürger.

Roggwiler tippt auf die Unterzeile des «Durchblicks»: gegründet 1789, Renaissance 2016 – eine Anspielung auf die Französische Revolution, als das Volk die feudale Monarchie zum Teufel jagte. Roggwilers Theorie: Die heutigen Behörden seien wie die damalige Monarchie – verfilzt und machtbesessen. Das Volk seien Leute wie er, selbstständig denkende Individuen, die sich nicht von Behörden und Massenmedien dirigieren lassen wollen.

Im Duden wird der Begriff «Wutbürger» als einen «aus Enttäuschung über bestimmte politische Entscheidungen sehr heftig öffentlich demonstrierenden Bürger» beschrieben. In der Regel eine ältere Person, die sich durch einen «ausdauernden Protestwillen» auszeichnet. Das sind auch die Menschen, in denen Roggwilers Hoffnung liegt: vornehmlich ältere Leute, die noch Zeitung lesen.

«Durchblick» flattert in jeden Haushalt des Bezirks

Sein Blatt kostet den ehemaligen Spielzeughändler Zeit und Geld: Monat für Monat investiere er mehr als 10'000 Franken, das meiste stamme aus seinem eigenen Sack. Ein paar 1000 Franken nahm er in einem halben Jahr an Spenden ein. Im Gegenzug erhält er die Garantie, dass der «Durchblick» jeweils in jeden Haushalt des Bezirks flattert. Das sind über 23'000 Exemplare. Wer an seinem Briefkasten die Werbung boykottiert, ist chancenlos: Es handelt sich um eine politische Zeitung.

Einige Säuliämtler würden Roggwilers Engagement gerne als Spinnerei abtun. Etwa Clemens Grötsch. Der Affoltemer Gemeindepräsident wird im «Durchblick» regelmässig als Lügner bezeichnet, weil er den Stimmbürgern bewusst Informationen vorenthalte: «Wir empfehlen Grötsch, von Affoltern wegzuziehen», steht in der Ausgabe vom 8. Februar. «Mir kommen die Aussagen wirr vor», sagt Grötsch. Er müsse sich auf seine Arbeit konzentrieren und wolle sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. «Am besten wir ignorieren ihn einfach», sagt er.

«Endlich mal einer, der sich getraut, den Finger auf die wunden Punkte zu legen», sagt ein älterer Mann.

Dafür ist es allerdings zu spät. Der «Durchblick» ist inzwischen jedem Säuliämtler bekannt, der noch Zeitung liest. Alleine der Name Roggwiler ist ein Stich ins Wespennest: Das wird klar, wenn man sich in Dorf umhört. Auf der Strasse und am Stammtisch hat jeder eine Meinung über ihn. «Endlich mal einer, der sich getraut, den Finger auf die wunden Punkte zu legen», sagt ein älterer Mann. Seine Kollegen sind nur bedingt gleicher Meinung. Einige stören sich am scharfen Ton, den Roggwiler anschlägt. «Das macht ihn unglaubwürdig», sagt einer. Allerdings sei wohl schon etwas dran, an seinen Anschuldigungen. «Verklagt wird der Roggwiler ja nie.»

Das stimmt nur bedingt. Roggwiler ist, gemessen an seinem Ton, bisher tatsächlich glimpflich davongekommen. Doch einmal, im letzten Jahr, bekam er es mit der Justiz zu tun. Zwei Anwälte des Spitals Affoltern, das immer wieder in seiner Kritik steht, nahmen ihn wegen übler Nachrede ins Visier. Roggwiler willigte vor Bezirksgericht ein, gewisse Wortkombinationen rückwirkend von seiner Website zu löschen und künftig nicht mehr zu verwenden. Es sind 51 Behauptungen, Forderungen und Drohungen, die sich nahtlos in den Jargon seiner Zeitung einfügen: «Dieses Pack wegwischen», «Missetäter und Versager» oder «Strippenzieher und Intriganten». Bei Wiederholung droht Roggwiler eine Busse von bis zu 10'000 Franken.

Solche Drohungen prallen an Roggwiler ab. Er kenne genug Synonyme, um die Begriffe zu ersetzen. «Für mich ist das Zensur wie in der DDR.» Um die Kritisierten zu einer Reaktion zu zwingen, übertreibe er bisweilen bewusst. Dieses Ziel habe er schon mehrfach erreicht. «Die Waffe der Behörden besteht darin, Anwürfe auszusitzen», sagt er. Sein Gegenmittel: kaum bewiesene Anschuldigungen und Fake-News.

Kopiertes Layout

Damit verärgerte er auch die Macher des «Anzeigers des Bezirks Affoltern». Jahrelang verfasste Roggwiler Leserbriefe in der Regionalzeitung. Letztes Jahr kam ein neuer Chefredaktor. Es wurde beschlossen, dass Roggwiler seinen Stil ändern müsse. «Die journalistische Wahrheitspflicht gilt auch für Leserbriefe», sagt Chefredaktor Thomas Stöckli. Darauf verlangte Roggwiler alle 14 Tage eine Seite zur freien Gestaltung, andernfalls müsse er anderweitig aktiv werden. Roggwiler spricht von einem Angebot, Stöckli empfand es als Drohung und lehnte ab. Es war die Geburtsstunde des «Durchblicks». Das Auffällige: Die Zeitung erscheint im fast gleichen Layout wie der «Anzeiger».

«Die journalistische Wahrheitspflicht gilt auch für Leserbriefe.»

Thomas Stöckli, Chefredaktor «Anzeiger».

Es mag überraschen, dass sich nicht alle Behördenmitglieder von Roggwiler abwenden. Frank Rutishauser (FDP) etwa, frisch gewählter Gemeindepräsident von Bonstetten, hat Verständnis für dessen Anliegen. «Die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung beschäftigt auch mich.» Viele kämen nur noch zum Wohnen ins Säuliamt. Da sei es gut, wenn jemand politische Themen aufgreife. Leider vergreife sich Roggwiler aber zu oft im Ton.

Der Zeitungsmacher hat nicht vor, daran etwas zu ändern: «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.» Für die nächsten Gemeinderatswahlen möchte er eigene Kandidaten aufstellen. Er selbst käme nicht infrage. Sein politisches Grab schaufelte er sich 2012: Damals wurde er aufgrund antisemitischer Äusserungen aus der kantonalen SP geschmissen. Die «freie Meinungsäusserung» lasse er sich aber von niemandem verbieten, sagt Roggwiler. «Ich werde noch lange weiterwüten.»

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