Der ZVV als Wahlhelfer

In Bonstetten sind die Grünliberalen so stark wie nirgendwo sonst im Kanton. Auch dank der vielen Pendler.

«Die Kirche bleibt das höchste Gebäude im Dorf»: Hans Wiesner führt durch Bonstetten. Video: Helene Arnet, Jan Derrer

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Im Löwen im alten Dorfkern von Bon­stetten wurde 1958 «Es geschah am hellichten Tag» mit Heinrich Gretler als Polizeikommandant gedreht. Und der «Polizist Wäckerli» war auch einmal in Bonstetten. Doch diese beschaulichen Bilder aus alten Zeiten sind nicht jene, die Hans Wiesner beschwört. Der GLP-Bezirkspräsident führt uns als Erstes in die moderne Schalterhalle des Bahnhofs Bonstetten-Wettswil, wo in einer Ecke ein Schwarzweissfoto des 1864 erstellten Bahnhofgebäudes steht. Der Bau dieses Gebäudes markiert den Anfang der Entwicklung, der Bonstetten eine so zahlreiche GLP-Wählerschaft bescherte, sagt Wiesner, der diese Partei auch im Kantonsrat vertritt.

Auch auf die Frage, welches denn für ihn ein Wahrzeichen seiner Gemeinde sei, verweist er nicht auf die 1510 gebaute reformierte Kirche, die das Dorfbild prägt, sondern auf den Bahnhof. «Viertelstundentakt, in 20 Minuten in Zürich», das seien in den letzten zehn Jahren schlagende Argumente für viele ökologisch denkende Leute gewesen, um nach Bonstetten zu ziehen. Tatsächlich weist die Gemeinde 70 Prozent Wegpendler auf. Aber weshalb kamen denn die Sympathisanten der Grünliberalen und nicht die Grünen? «Weil in der Gemeinde verhältnismässig viele komfortable Eigentumswohnungen erstellt wurden – und weniger Mietwohnungen.»

Gut verdienende, umweltbewusste Pendler sind offenbar typische GLP-Wähler. So ist Bonstetten mit einem Wähleranteil von 16,07 Prozent zwar die GLP-Hochburg des Kantons, aber im Gemeinderat sitzen zwei FDP- und zwei SVP-Vertreter – der Gemeindepräsident ist parteilos. Wo sind denn in der Gemeindepolitik die Grünliberalen? Wiesner seufzt: «Unsere Liste von Sympathisanten ist dreimal so lang wie die der Mitglieder.» Und wenn es darum gehe, Ämter zu besetzen, sei die Auswahl nochmals kleiner.

Das Gebiet Schachen beim Bahnhof bestand, bevor die Bahnlinie ausgebaut wurde, nur gerade aus einem Bauernhof. Der steht nun an der alten Landstrasse unscheinbar zwischen Neubauten, von denen viele mit Solarzellen bestückt sind. «Mit 200 Erdsonden sind wir eine wirklich grüne Gemeinde», sagt Wiesner, der in seinem eigenen Haus selbst die WC-Spülung mit Regenwasser betreibt. Wiesner ist Geschäftsführer ­eines Reisebüros, das spezialisiert auf Wanderreisen ist. Und er ist in der Region durch verschiedene Engagements bekannt – darunter auch für seine Führungen an kaum bekannte keltische Kultstätten. Dies ist wohl mit ein Grund, weshalb seine Partei so gut abschneidet. Im Säuliamt sind auch Parlamentswahlen noch bis zu einem gewissen Grad Persönlichkeitswahlen.

Beim Golfplatz Partner der SVP

Im strömenden Regen machen wir uns auf den zehnminütigen Fussweg vom Bahnhof zum alten Dorfteil. Er führt uns an einem Gebetshaus der Mormonen vorbei, hinter dem ein Minarett-ähnlicher Turm steht. «Ich war total gegen die Minarettinitiative», sagt Wiesner. «Wir sind eben grün und liberal», sagt er. Und: «Solche Vorschriften gehören nicht in die Verfassung – das ist Sache der Bauordnung.» So habe die örtliche Bauordnung auch vorgeschrieben, dass im alten Dorf kein Gebäude die Kirche überragen dürfe und keine Flachdächer zugelassen seien. «Schön, oder?», sagt er. «Dort hätte ich auch kein Minarett gewollt – aber nicht aus ideologischen, sondern aus ästhetischen Gründen.» Einmal aber habe er Seite an Seite und unverrückbar mit der SVP gekämpft: als man in Bonstetten einen Golfplatz bauen wollte. Die Nachbargemeinde Wettswil hat ihm zugestimmt, Bonstetten hat ihn versenkt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2015, 20:17 Uhr

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