Deutsch für fremdsprachige Kleinkinder

Der Kantonsrat will Kinder, die ungenügend Deutsch sprechen, vor dem Kindergarten in die Frühförderung schicken. Uneinig ist sich das Parlament, wer das bezahlen soll.

Frühförderung lohnt sich: Deutschkurs in einer Kinderkrippe für fremdsprachige Kinder in Kloten. Foto: Reto Oeschger

Frühförderung lohnt sich: Deutschkurs in einer Kinderkrippe für fremdsprachige Kinder in Kloten. Foto: Reto Oeschger

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Es ist unbestritten: Die Startchancen von fremdsprachigen Kindern in der Schule sind schlecht. Weil sie schon am Anfang nur ungenügend verstehen, was die Kindergärtnerin oder der Lehrer verlangt, können sie ihr Leistungspotenzial nicht ausschöpfen. Einig war sich gestern das Zürcher Kantonsparlament auch darüber, dass das unerfreulich ist und behoben werden sollte.

Aus diesem Grund hat der Kantonsrat mit 105 Stimmen eine parlamentarische Initiative von Moritz Spillmann (SP, Ottenbach), Markus Späth (SP, Feuerthalen) und Daniel Frei (SP, Niederhasli) vorläufig unterstützt. Mit dieser würde eine Pflicht zur Frühförderung ins Gesetz geschrieben – eine Pflicht, die für Kinder gilt, die nicht oder zu wenig gut Deutsch sprechen. Als Vorbild dient ein Modell aus dem Kanton Basel-Stadt, wo Kleinkinder aus fremdsprachigen Familien vor dem Eintritt in den Kindergarten Deutschkurse besuchen müssen. Die Basler haben mit ihrer Frühförderung gute Erfahrungen gemacht.

Folgekosten sparen

Spillmann betonte gestern, die Zürcher Schule schaffe es nur ungenügend, allen Kindern die gleichen Bildungschancen zu geben. Gemäss der Pisa-Studie haben 40 Prozent der Zürcher Jugendlichen sechs Jahre nach der obligatorischen Schule ungenügende Lesekompetenzen. Mit den obligatorischen Deutschkursen, die er für einen Teil der Kinder fordert, könne dieses Manko vermindert werden. Dies sei im Interesse der Kinder und auch der Öffentlichkeit. Das betonte auch Karin Fehr (Grüne, Uster): «Frühförderung zahlt sich aus.» Etwa, weil später in der Schule weniger sonderpädagogische Massnahmen nötig sind und mehr gut ausgebildete Jugendliche auf dem Markt sind.

Grundsätzlich Unterstützung erhält die SP von der FDP. Deren Sprecherin Cäcilia Hänni (Zürich) betonte allerdings, das Modell Basel könne in Zürich nicht eins zu eins übernommen werden. Die Freisinnigen wollen ein möglichst kostenneutrales Förderprogramm. Deshalb haben sie parallel zur SP-Initiative eine Motion eingereicht. Sie verlangt vom Regierungsrat einen Vorschlag für ein eigenständiges Modell. Insbesondere sollen finanzielle Mittel aus den Budgets für die Lektionen «Deutsch als Zweitsprache» (DaZ) der Schulen in die Frühförderung umgelagert werden. Besonders abgeschreckt von diesem Vorschlag wurde die AL. Obwohl sie grundsätzlich für Frühförderung ist, lehnte sie sowohl SP-Initiative als auch FDP-Motion ab – aus Angst vor Abstrichen im DaZ-Unterricht. «Beim gegenwärtigen Spardruck kann nur eine vermurkste Frühförderung entstehen», sagte Judith Stofer (AL, Zürich). Ebenfalls gegen die FDP-Motion waren Grüne, GLP, CVP, EVP und EDU. Allerdings begründeten diese Parteien ihr Nein teilweise mit formalen Gründen, es habe keinen Sinn, zwei Vorstösse zum gleichen Thema einzureichen. Die EVP befürchtet zudem wie die AL, dass der Schule Mittel entzogen würden. Der EDU-Sprecher Hans Egli (Steinmaur) betonte zudem, in der Frühförderung müssten die Kinder auch mit den Sitten in der Schweiz vertraut gemacht werden. «Deutsch allein reicht nicht», sagte Egli.

SVP sieht Eltern in der Pflicht

Grundsätzlich gegen staatlich verordnete Frühförderung sprach sich die SVP aus. Das sei Sache der Eltern. «Für so etwas öffnen wir sicher keinen neuen Geldtopf», sagte Rochus Burtscher (Dietikon). Er sieht als grösste Profiteure der Vorschulkurse nicht die Kinder, sondern die Förder- und Sozialindustrie der Linken. Matthias Hauser (SVP, Hüntwangen) doppelte nach, der Staat dürfe sich nicht noch mehr in die Familien einmischen, für fremdsprachige Kinder gebe es genügend Angebote. Hauser nannte die Aufnahmeklassen und die Möglichkeit, eine Klasse zu repetieren.

Schliesslich lehnte der Rat die FDP-Motion mit 99:69 Stimmen ab. Eine Kommission wird nun die in der SP-Initiative verlangte Gesetzesänderung vorbereiten. Ob der Rat dem Begehren am Ende zustimmt, ist ungewiss. Die GLP hat zum Beispiel Vorbehalte angemeldet – speziell für den Fall, dass Mehrkosten entstehen. Sollte der Kantonsrat in etwa einem Jahr zustimmen, würde die SVP wohl eine Volksabstimmung erzwingen.

Kommentar Seite 2

Erstellt: 11.04.2016, 21:16 Uhr

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Seit 2013 müssen im Kanton Basel-Stadt 3-jährige Kinder, die nicht genügend Deutsch können, Spielgruppen oder eine Tagesschule besuchen. Dort werden sie altersgemäss an mindestens zwei halben Tagen in Standardsprache oder Dialekt unterrichtet. Ob ein Kind eine solche Frühförderung braucht, wird aufgrund eines Fragebogens ermittelt, den alle Eltern eineinhalb Jahre vor dem Kindergarteneintritt ausfüllen müssen. In den letzten Jahren wurde jeweils gut ein Drittel aller Kleinkinder in ein solches Deutsch­förderungs­programm eingeteilt. Es hat sich gezeigt, dass vier von fünf Kindern mit Deutsch als Zweitsprache achtzehn Monate vor Kindergarteneintritt nicht oder nur rudimentär Deutsch können. Der Besuch einer ausserfamiliären Einrichtung mit Deutschförderprogramm ist so obligatorisch wie die Schulpflicht und wird daher vom Kanton bezahlt. Die Kosten betragen pro Kind rund 3750 Franken.
Eine Fachgruppe um Alexander Grob von der psychologischen Fakultät der Universität Basel hat den Erfolg dieses Projektes evaluiert. Das Resultat: Die Sprachleistung der Kinder, die an zwei Halbtagen eine solche Einrichtung besuchten, hat sich nach einem Jahr klar verbessert. Allerdings können sie den Abstand gegenüber Kindern mit Deutsch als Muttersprache bei weitem nicht aufholen – er vergrössert sich sogar, einfach weniger stark als bei fremdsprachigen Kindern, die nicht spezifisch gefördert werden. Laut Fachleuten wäre es sinnvoll, wenn die Kinder sich während zwanzig Stunden pro Woche in einer solchen deutschsprachigen Fördereinrichtung aufhalten – und noch früher eintreten würden. (net)

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