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Die Albtraumgegnerin der Rechten

«Traumgegnerin der Rechten» nannte man Jacqueline Fehr. In ihrer ersten Amtszeit wurde sie zum Gegenteil.

Jacqueline Fehr scheut sich nicht, Farbe zu bekennen. Foto: Fabienne Andreoli
Jacqueline Fehr scheut sich nicht, Farbe zu bekennen. Foto: Fabienne Andreoli

Ortstermin: tiefes Weinland, wo Zürich fast schon in den Thurgau kippt, blasse Stickblumen auf weissen Vorhängen. Am Dienstag haben die örtliche SP und SVP zwei ­Alphatiere in den Landgasthof zum Schwert nach Oberstammheim geladen. Wer eine Schlammschlacht erwartet, wird enttäuscht. Jacqueline Fehr und ­Natalie Rickli diskutieren sehr ­respektvoll miteinander. Noch vor den Wahlen ist praktisch klar, dass die Winterthurerinnen bald zusammenarbeiten werden.

Die Stirn eines SVP-Lokalpolitikers entspannt sich während des ganzen Podiums mit der Linken nie. Doch Jacqueline Fehr kann mit kritischen Fragen ­umgehen wie ein frisch imprägnierter Wanderschuh mit einem Regenschauer. Die 55-Jährige spricht klar, kennt sich aus in Dossiers, hat die Argumente ­sortiert, lässt sich so schnell nicht provozieren. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, viele Jahre Frauenriegen-Leiterin, ­Naturliebhaberin, Hobbys: ­Wandern und Roger Federer – Jacqueline Fehr lässt sich nicht so einfach als abgehobenen Gutmenschen darstellen. Sie wirkt bodenständig und macht trotzdem dezidiert linke Politik. Die SVPler beissen sich an der Justizdirektorin die Zähne aus.

Sie stösst Neues an

Nicht, dass es Christoph Mörgeli – an diesem Abend auch im Publikum – nicht probiert hätte. Und was war mit Tobias Kuster, der auf Hafturlaub einen Mann niederstach?, schrieb er letzten Sommer in der «Weltwoche» erbost, als die NZZ Fehr als «kompetent und bis jetzt fehlerfrei» beschrieb. Und der Häftling, der mit einer Aufseherin ausbüxte? Die Mutter, die ihre Kinder tötete? Die Twitter-Ausbrüche der Regierungsrätin?

Man kann Jacqueline Fehr keinen Strick daraus drehen. Konfrontiert mit schwierigen Fällen, gibt die Justizdirektorin schnell Pressekonferenzen, redet mit Betroffenen, steht hin, gesteht auch mal Fehler ein, ordnet wie im Fall Carlos aus eigenen Stücken Administrativuntersuchungen an. Abseits des Rampenlichts stösst sie Neues an, stellt einen Imam im Justizvollzug ein, bildet muslimische Seelsorger aus, wagt sich an Fragen wie «Staat und Religion», entwickelt Octagon, ein Prognoseinstrument zur Beurteilung von angedrohter Gewalt, lässt Vollzugsmodelle entwickeln, die andere Kantone übernehmen, und reformiert die Untersuchungshaft.

Mit Kalkül

Und bevor etwa Stimmen laut werden könnten, Fehr sei langweilig, macht sie mit einer Provokation auf Twitter von sich reden. Sie kritisierte im Winter die schlechte Schneeräumung auf Trottoirs, schimpft die Teilnehmer eines Podiums «antidemokratisch», wenn sie Bundesrätin Simonetta Sommaruga «niederschreien», und fordert Fussballer mit Migrationshintergrund auf, wegen des Doppeladler-Konflikts zu streiken. Mitten im Wahlkampf provozierte sie in einem Interview im Zusammenhang mit dem Finanzausgleich die reichen Seegemeinden als wenig innovative Regionen, mit wenig Verständnis für die städtischen Herausforderungen. Dann hagelts Kritik.

Als neu gewählte Nationalrätin bekommt Jacqueline Fehr 1998 im Bundeshaus Blumen überreicht. Bild: Keystone/Jürg Mueller
Als neu gewählte Nationalrätin bekommt Jacqueline Fehr 1998 im Bundeshaus Blumen überreicht. Bild: Keystone/Jürg Mueller

Was wie kopfloses Vorpreschen wirken könnte, ist bei Fehr Kalkül. Ihren Mitarbeitenden erklärte sie schon vor dem Wahlkampf, dass sie jetzt bald Dinge in der Zeitung lesen könnten, die sie vielleicht irritierten. Aber sie sei nicht nur ihre Chefin und Mitglied der Regierung, sondern auch Politikerin – und die mache jetzt Wahlkampf. In politischer Strategie macht Fehr keiner so schnell was vor. Klar, dass sie mit den Provokationen auch aneckt.

«Man muss ein bisschen vorsichtig sein, wenn man in die Hand beisst, die einen nährt», sagt etwa BDP-Kantonsrat Rico Brazerol aus Horgen, eine der angesprochenen Gemeinden. Er schätze zwar Leute, die sich auch mal pointiert äussern. «Mit dieser Breitseite gegen die Seegemeinden ist sie jedoch zu weit gegangen», sagt Brazerol.

Einschätzungen variieren

Er begreife ihr Gebaren ja ­sowieso nicht ganz, meint SVP-Kantonsrat René Isler, der in der Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit (KJS) mit Fehr zusammenarbeitet. «Als so langjährige Politfüchsin, mit allen Wassern gewaschen, müsste Frau Fehr ihre Rolle schon besser gefunden haben», sagt Isler. «Doch sie ist immer noch die angriffige und bisweilen undurchschaubare Parlamentarierin.» Ideologisch sei sie, im Hintergrund laufe immer das Parteiprogramm ab. Und eine Freundin als Generalsekretärin einzustellen? Ungeschickt!

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Was ihre Gegner angriffig finden, taxieren andere als mutig: «Sie weiss genau, auf welchem Stuhl sie sitzt», sagt etwa AL-Kantonsrätin Laura Huonker, ebenfalls in der KJS. «Es ist ein Risiko, sich in den Wind zu stellen und auf Twitter spannende Debatten anzustossen», sagt sie. Doch sie habe autoritäre Züge, sagt AL-Kantonsrat Markus Bischoff. Wie sie etwa die Ein­haltung des Gemeindegesetzes unter Drohung durchgesetzt habe. Man hätte sich diesbezüglich früher mehr Klarheit gewünscht, sagt auch FDP-Gemeindepräsident Jörg Kündig aus ­Gossau. Dennoch: «Sie hat ihren Laden im Griff», meint Bischoff.

Viel beachteter Auftritt: Als Justizdirektion informiert Fehr im Januar 2016 über die Lehren aus dem Fall Flaach, wo eine Mutter ihre Kinder tötete. Bild: Keystone/Walter Bieri
Viel beachteter Auftritt: Als Justizdirektion informiert Fehr im Januar 2016 über die Lehren aus dem Fall Flaach, wo eine Mutter ihre Kinder tötete. Bild: Keystone/Walter Bieri

Im «Laden» spricht man bei­nahe schon begeistert von der Chefin. In der Justizdirektion werden Fehr geradezu mediatorische Fähigkeiten nachgesagt. «Sie kann unglaublich gut zuhören, andere Positionen para­phrasieren und dennoch auf einbindende Art und Weise eine Richtung vorgeben», sagt ein ­Mitarbeiter. Per ­Videobotschaft spricht sie mit ihren Mitarbeitern. Flache Hierarchien sind ihr ­wichtig, Frei­räume, Fehlerkultur, Vertrauen, Potenziale. Fehrs Bürotür steht buchstäblich immer offen, sie führte Mitarbeitersprechstunden ein. Fehler würden tatsächlich schneller entdeckt, wenn frei darüber geredet werden könne. «Sie schenkt einem grosses Vertrauen», sagt auch Jungpolitikerin ­Sarah Akanji, die für Fehr Diskriminierungsmechanismen in den drei kantonalen Ämtern beobachtete. Sie duzt sie entspannt.

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