Wegen Schikaniererei: Betroffene verzichten auf Sozialhilfe

Eine Mutter und ein Familienvater erzählen, wie sie vom Sozialamt Dübendorf gegängelt werden. Politiker kritisieren die Situation.

Die junge Mutter hat nur einen Wunsch: «Ich bete, dass mich das Sozialamt Dübendorf endlich in Ruhe lässt.» Foto: Fabienne Andreoli

Die junge Mutter hat nur einen Wunsch: «Ich bete, dass mich das Sozialamt Dübendorf endlich in Ruhe lässt.» Foto: Fabienne Andreoli

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In Dübendorf weht ein eisiger Wind. An diesem Tag im Januar ist in der Peripherie zwischen Dorfzentrum und Stettbach kein Mensch zu sehen. Leere Strassenzüge, gesäumt von einfachen Wohnblocks, gebaut für Menschen der unteren Einkommensschicht. Auffällig erscheint hier einzig die Zionshalle des Missionswerks Mitternachtsruf – eine Freikirche, die von ihrem Hauptsitz in Dübendorf gerne die Endzeit in die Welt hinaus verkündet.

Etwa 200 Meter weiter sitzt Sandra Walker (Name geändert) in ihrem Wohnzimmer und betet. Nicht aus religiöser Überzeugung, sondern aus Angst um ihre Existenz. «Ich bete, dass mich das Sozialamt Dübendorf endlich in Ruhe lässt.»

Die 33-Jährige fühlt sich von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Sozialamts schikaniert und um Geld betrogen. Unter anderem wirft sie dem Amt vor, ihre Anmeldung absichtlich hinausgezögert zu haben. Mehrere Gesuche habe sie seit dem November 2015 gestellt, Sozialhilfe erhielt sie jedoch erst ab Oktober 2016. Es verstrichen Monate, ohne dass Walker Geld gesehen hätte. Dies, obwohl ihre Notlage schon länger anhält.

Als «ungepflegt» hingestellt

Sie rekurrierte beim Bezirksrat Uster. Dieser hiess den Rekurs im März 2018 teilweise gut und ­verpflichtete Dübendorf zur Nachzahlung. «Sie schulden mir noch immer Geld», sagt Walker. Lediglich die Krankenkassenprämien und einzelne Kostenbeteiligungen übernahm das Sozialamt nachträglich. Nicht aber die verpasste monatliche Sozialhilfe, obwohl der Beschluss dies verlangt.

Stattdessen verfasste das Sozialamt tendenziöse Berichte über Walker. Nach einem Hausbesuch im November 2016 wird die zweifache Mutter als «ungepflegt» und «unglaubwürdig» beschrieben. Einiges im Bericht erwies sich als Fehlinterpretation, was die Beistandsschaft Dübendorf dazu veranlasste, das Sozialamt zu korrigieren. Der Bericht sei «abschätzig und beleidigend», schreibt die damalige Beiständin und zeichnete ein anderes, deutlich positiveres Bild ihrer Klientin. Die Gemeinde­verwaltung äussert sich «aus Datenschutzgründen» nicht zu einzelnen Vorwürfen.

Nähe zu Rechtsextremen

Die Leiterin der Sozialhilfe Dübendorf sorgte schon 2015 für Negativschlagzeilen, weil sie auf Facebook Inhalte der rechtsextremen Partei NPD geteilt hatte. Mehrere Sozialhilfebezüger berichteten anschliessend öffentlich, dass sie von der Leiterin Soziales und ihren Untergebenen schikaniert worden seien.

Die Gemeinde reagierte: Die Sozialhilfechefin wurde für ein paar Wochen in die Ferien geschickt, es soll eine Aussprache gegeben haben. Danach durfte sie ihre Arbeit in unveränderter Position fortsetzen. Die Gemeinde schuf für die Bevölkerung eine Ombudsstelle: 61 Fälle wurden im ersten Jahr behandelt, 44 betrafen das Sozialamt – das ist fast jede Woche ein Fall. Dennoch bilanzierte der damalige Sozialvorsteher Kurt Spillmann (SVP) nach einem Jahr lapidar: «Es war viel Lärm um nichts.»

Inzwischen ist es ruhiger geworden um das Sozialamt Dübendorf. Doch lokale Politikerinnen und Betroffene wie Walker kritisieren, dass sich die Situation nicht verbessert habe. «Die Linie auf dem Sozialamt ist die gleiche geblieben», sagt André Csilla­ghy, Fraktionspräsident der SP Dübendorf. Ein Problem sei die ungesunde Konzentration der Macht in Dübendorf. Stadt- und Gemeindepräsidien sowie Sozialvorstand sind alle durch SVP-Politiker besetzt. Csillaghy: «Im Sozialbereich sind die Vorgänge für Aussenstehende nicht einsehbar.»

Das Sozialamt weigerte sich jahrelang, die internen Richtlinien im Umgang mit Sozialhilfebezügern offenzulegen, nicht einmal der Stadtrat hatte Einsicht. Kurz vor Publikation dieses Artikels entschied die Gemeinde, das Kompetenzhandbuch der Sozialbehörde offenzulegen – jedoch nur Mitgliedern des Stadt- und Gemeinderats.

Einen Anhaltspunkt über die Arbeit des Sozialamtes könnte die Ombudsstelle liefern. Doch eine TA-Anfrage verläuft im Leeren. Der Ombudsmann verweist auf Gemeindeschreiber Martin Kunz, weil er selbst keine Auskunft geben dürfe. Dies, obwohl eine Ombudsstelle unabhängig funktionieren sollte. Gemäss Kunz lägen derzeit noch keine aktualisierten Fallzahlen vor, es seien aber «deutlich weniger» geworden.

Dass es noch immer zu Rechtsverletzungen des Dübendorfer Sozialamtes kommt, ergibt die Anfrage beim Bezirksrat Uster: Jedes Jahr gibt es mehrere Rekurse von Sozialhilfebezügern aus Dübendorf, die zumindest teilweise gutgeheissen wurden. Darunter jener von Sandra Walker.

Kürzung statt Hilfe

In ihrer Wohnung in Dübendorf ist die Stimmung angespannt. «Ich stehe kurz vor dem Kollaps», sagt die zweifache Mutter. «Finanziell, körperlich und psychisch.» Ihr dreijähriger Bub springt vergnügt durch die enge Wohnung – er wirkt relativ unbelastet. Ihr 17-jähriger Sohn ist krank und hat sich im Zimmer verschanzt, er absolviert gerade ein Integrationsprogramm. Es klingelt an der Tür, Walker zuckt zusammen: «Bestimmt der Pöstler mit dem nächsten Einschreiben.» Die Beunruhigung war umsonst. Es ist eine Kollegin, die sich um ihre Gesundheit sorgt.

Um diese ist es nicht gut bestellt. In den letzten Monaten hat die ehemalige Krebspatientin viel Gewicht verloren, derzeit wiegt sie knapp über 40 Kilogramm. Dazu kommen regelmässige Ohnmachtsanfälle. Sie traut sich deswegen nicht mehr allein aus dem Haus. Vor zwei Wochen unterzog sie sich einem Langzeit-EKG – mit Verdacht auf Herzschwäche. Die Resultate stehen noch aus.

Ihr Arzt bestätigt auf Anfrage die gesundheitlichen Probleme. Er hat Walker seit über einem Jahr krankgeschrieben. Termine kann Walker gemäss eigener Aussage nur beschränkt wahrnehmen, weswegen sie einige davon verpasste und geforderte Dokumente nicht immer pünktlich ablieferte. Das Sozialamt zeigte wenig Verständnis und erteilte ihr dafür die Quittung: eine vorläufige Kürzung des Grundbedarfs. Unterschrieben wurde das Dokument von der umstrittenen Sozialhilfechefin. Walkers Schulden betragen rund 100000 Franken.

Die Sozialamtchefin fordert Walker im Schreiben auf, sich um eine Arbeit zu bemühen – trotz belegter Arbeitsunfähigkeit.

«Gefangener» Dübendorfs

Andere verzichten aus Frust freiwillig auf die Hilfe des Sozialamtes in Dübendorf. Dem TA sind gleich mehrere Personen bekannt, die ihre Sozialhilfe in Dübendorf gekündigt hatten. Der arbeitslose Familienvater Alkim Bayrak (Name geändert) entschied sich im Oktober 2017 zu diesem Schritt, er verzichtet auf monatlich rund 1000 Franken Unterstützungsgeld. «Ich konnte diesen Behördenterror nicht mehr ertragen.» Als ihm Unterstützungsgeld für die Ausbildung seines Sohnes als Sozialschuld in Rechnung gestellt wurde, war für ihn das Mass voll. «Wir hätten den Lehrlingslohn meines Sohnes aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.»

Bayraks Sohn hatte zuvor dank dem Berufslehrverbund Zürich (BVZ) eine Lehrstelle erhalten. Der BVZ teilt auf Anfrage mit, dass die Unterstützungsgelder vom Lehrbetrieb und den Gemeinden bezahlt würden – Dübendorf hatte offenbar eine andere Auffassung und schweigt heute zum Vorfall.

Bayrak überlebt heute nur dank der Unterstützung von Verwandten und Bekannten. Er ist weiter arbeitslos, hoch verschuldet und wird von der Gemeinde Dübendorf betrieben. Am liebsten würde er in eine andere Gemeinde ziehen. Aufgrund seiner Einträge im Betreibungsregister sei er auf dem Wohnungsmarkt chancenlos, sagt Bayrak. «Ich bin ein Gefangener der Gemeinde Dübendorf.»

Nur noch raus aus der Sozialhilfe möchte auch Sandra Walker. Schon Ende 2017 hatte sie ein Gesuch bei der Invaliden­versicherung gestellt, es ist bis heute hängig. «Statt dass mir geholfen wird, werde ich nun seit mehr als zwei Jahren aufs Übelste schikaniert», sagt Walker. Den Begriff «Sozial» könne sich das Amt Dübendorf aus dem Namen streichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2019, 06:44 Uhr

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