Zürcher Flugplan macht Nachtruhe fast unmöglich

Von 23 bis 6 Uhr dürften am Flughafen Kloten nur als Ausnahme Starts oder Landungen stattfinden. Dürften.

Eine späte Landung ist Alltag: Nur an 17 Tagen in 5 Jahren wurde die Nachtruhe eingehalten. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Eine späte Landung ist Alltag: Nur an 17 Tagen in 5 Jahren wurde die Nachtruhe eingehalten. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Es war ein Grund zur Hoffnung für die lärmgeplagten Anwohner des Flughafens Zürich, als Mitte 2010 ein neues Betriebsreglement in Kraft trat. Fortan sollte eine Nachtruhe von 23 bis 6 Uhr gelten. Die Zeit zwischen 23 und 23.30 Uhr sollte noch, so der Plan, für den Abbau von Verspätungen genutzt werden. Zuvor hatten die letzten Flugzeuge Zürich zwischen Mitternacht und halb eins verlassen.

Doch die Freude über die längere Ruhezeit sollte nur kurz währen. Schon bald zeigte sich: Der Flughafen hält den geplanten Betriebsschluss so gut wie nie ein. In fünf Jahren gab es nach Angaben des Flughafens nur gerade 17 Tage, an denen zur vorgesehenen Zeit Ruhe herrschte. Und es sind nicht nur ein oder zwei Flüge, die in der halben Stunde nach 23 Uhr stattfinden.

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Schon im Jahr 2011 starteten 1732 Maschinen zwischen 23 und 23.30 Uhr, im Jahr 2015 waren es bereits 2201. Im Schnitt sind das sechs Starts pro Abend. Das zeigt der am letzten Freitag veröffentlichte Flughafenbericht des Kantons Zürich.

Acht Flüge kurz vor Schluss

Zufall ist das nicht. Tatsächlich ist der Zürcher Flugplan gelinde gesagt äusserst ambitioniert, was das Einhalten der Nachtruhe angeht. Die letzten sieben bis acht Maschinen – bis auf eine Ausnahme sind es Flüge der Swiss – verlassen die Docks zwischen 22.35 und 22.45 Uhr. Bis sie an der Pistenschwelle ankommen, dauert es im Schnitt rund zwölf Minuten. Kalkuliert man noch den Sicherheitsabstand von zwei bis drei Minuten zwischen den Starts ein, zeigt sich: Der Flugplan lässt es gar nicht zu, alle Starts bis Betriebsschluss abzuwickeln. Das geht nur, wenn einzelne Flieger einige Minuten früher als geplant vom Dock wegrollen können.

Zum Vergleich: In Frankfurt, wo ab 23 Uhr ein Nachtflugverbot gilt, sind die letzten sieben Abflüge zwischen 22.05 und 22.25 Uhr geplant.

Dennoch sieht Flughafensprecherin Sonja Zöchling den Flugplan nicht als uneinhaltbar an: «Das Problem ist, dass 2010 zwar die Nachtruhe verlängert wurde, aber ein flexibleres Betriebssystem tagsüber hat man uns nicht gewährt.» Das führe dazu, dass es in Zürich oft zu Verspätungen komme, die kaum mehr aufgeholt werden könnten. Was sich auf die letzten Flüge auswirke. Denn fünf davon sind Langstreckenflüge, die relativ häufig auf verspätete Zubringerflüge warten müssten, so Zöchling. Sie hält fest, dass die heutige Situation rechtlich korrekt sei: «Wir dürfen bis um 22.45 Uhr Slots vergeben. Und wir dürfen nach 23 Uhr noch starten, die Nachtflugsperre gilt erst ab 23.30 Uhr.» Das habe auch das Bundesverwaltungsgericht so bestätigt.

Anders bewerten die Bürgerorganisationen rund um den Flughafen die Sachlage. Für sie ist der Fall klar: Die Verspätungen seien fix eingeplant, die Nachtruhe habe keinerlei Priorität. «Das ist nichts anderes als böswillig», sagt Walter Rohr, Präsident des Vereins Fluglärmsolidarität. Die Verspätungen bei den Zubringerflügen sind für ihn eine Ausrede: «Wir haben die Zahlen analysiert. Die Zubringerflüge sind viel pünktlicher, als der Flughafen behauptet.» Seit Jahren warteten die Anwohner auf Verbesserungen, aber es passiere einfach nichts.

«Erwarte deutliche Reduktion»

Der Druck auf den Flughafen wächst allerdings. Im Zürcher Kantonsrat waren die ständigen Verspätungen schon mehr als einmal Thema. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bezeichnet die Situation als «unbefriedigend» und fordert Verbesserungen. Die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) sagt klar: «Auch wenn das Bundesverwaltungsgericht Flüge zwischen 23 und 23.30 Uhr als rechtlich zulässig eingestuft hat, so ist es aus flughafenpolitischer Sicht zentral, dass während der siebenstündigen Nachtflugsperre möglichst wenig Flüge abgewickelt werden. Ich erwarte von den Flughafenpartnern eine deutliche Reduktion der Anzahl Flüge nach 23 Uhr.»

Eine ganz andere Frage ist, wie eine Verbesserung erreicht werden kann. Für Thomas Hardegger, den Präsidenten des Schutzverbands der Bevölkerung um den Flughafen Zürich, führt kein Weg an einer Einschränkung bei der Slotvergabe in der letzten Betriebsstunde vorbei. Walter Rohr fordert ein Nachtflugverbot ab 23 Uhr: «Ist ein Flug zu spät, dann müssen die Leute halt in Zürich bleiben. Punkt.»

«Ist ein Flug zu spät, dann müssen die Leute halt in Zürich bleiben. Punkt.» Thomas Hardegger, Schutzverband Bevölkerung um den Flughafen

Der Flughafen und das Bazl lehnen solche Pläne ab. «Wir schrauben nicht an der Slotvergabe und der Nachtflugsperre herum», sagt Bazl-Sprecher Urs Holderegger, «sonst ist Zürich nicht mehr konkurrenzfähig.» Die Lösung liege vielmehr in zahlreichen kleineren und grösseren Massnahmen, um der Verspätungen tagsüber Herr zu werden. Dazu gehören bekanntere wie die – derzeit in Deutschland blockierte – Entflechtung der Flugrouten im Osten, der Bau neuer Schnellabrollwege oder der Südstart geradeaus, aber auch eine elektronisch optimierte Koordination der Anflüge.

Den grössten Effekt hätten aber wohl höhere Lärmgebühren. Nach dem geltenden Reglement zahlen die letzten Langstreckenflüge 400 Franken, wenn sie pünktlich wegkommen, verzögert sich der Start nach 23 Uhr, werden zusätzliche 400 Franken fällig. Mit anderen Worten: Ein verspäteter Abflug kommt die Swiss billiger, als einer Handvoll verspäteten Anschlusspassagieren eine Nacht im Hotel zu berappen.

Höhere Lärmgebühren sind seit Jahren in der Planung. Einen ersten Vorschlag stoppten die Gerichte 2013, weil die Lenkungswirkung in der Nacht zu gering war. Seither warten die Anwohner auf einen neuen Vorschlag.

Erstellt: 20.12.2016, 20:09 Uhr

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