Die Erdbeeren verfaulen auf den Feldern

Der Regen vermiest die einheimische Erdbeerernte. Und ob es bei den Kirschen besser kommt, ist fraglich.

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Wenigstens haben die Pflückerinnen auf ihren Wägelchen ein Dach über dem Kopf. Regenhosen und Gummistiefel sind trotzdem unerlässlich, denn der ­Zugang zum Erdbeerfeld versinkt im Schlamm, das Stroh, auf dem die Beeren liegen, ist nass und glitschig. Vor sich ­haben die Frauen Kartonbehälter für die reifen Beeren und ein Gebinde für die faulen. «Bei uns lacht im Moment nur der Erdbeerimann», sagt Willi Mathys, Co-Geschäftsinhaber von Agroservice.

Der riesige rote Erdbeerimann wirbt in Urdorf für ein zwei Hektar grosses Erdbeerfeld zum Selberpflücken. Er lacht tatsächlich, obwohl es in Strömen regnet und das Feld im Moment nicht offen ist. «Wenn wir im Moment die Leute aufs Feld lassen würden, wäre es innert Kürze total verschlammt – und nicht mehr ansehnlich, sollte der Sommer doch noch kommen», sagt Mathys. Deshalb hat er Pflückerinnen angestellt, welche die faulen Beeren aussortieren, die reifen werden am Stand verkauft.

In diesem Erdbeerjahr ist gleich mehrfach der Wurm drin. Die Frostnächte im April hatten vielerorts einen beträchtlichen Teil der Blüten geschädigt und zu seltsam geformten Beeren geführt. Und nun der anhaltende Regen. «Vielleicht», so hofft Mathys, «kommt der Sommer noch rechtzeitig für unsere letzten beiden Sorten.» Dann sagt er: «Es hätte noch schlimmer kommen können: lieber Regen als Hagel.»

Absatz schlecht, Aroma gut

Stübis in Mettmenstetten haben nicht einmal diesen Trost: «Ende Mai hatten wir Hagel», sagt Daniela Stübi. «Und jetzt diese Nässe.» Der Name von Stübis Hof ist das Einzige, was derzeit an Sommer erinnert: Sunnehof. Stübis kommen nicht nach damit, die faulen Beeren rauszulesen. «Die Leute, die zu uns Beeren pflücken kommen, haben zum Glück viel Verständnis für unsere Situation.» Auf dem Tannenhof in Kloten heisst es: «Es ist ein mühsames Erdbeerjahr. Die Beeren faulen unentwegt.»

Auch dort ist die Nässe schon die zweite Plage in diesem Jahr: «Die ersten Setzlinge wurden uns von den Mäusen gefressen, die sich wegen des milden Winters stark vermehrt hatten.» In vielen Betrieben fehlt das Geld für zusätzliches Personal, das, wie in Urdorf, die faulen Beeren auspflückt. Auch bei Martin Agro in Hettlingen. «Wir haben einen Teil des Feldes abgesperrt. Das säubern wir selber», sagt Betriebsleiter Tobias Martin. «Dort können wir den Schaden in Grenzen halten, doch der Aufwand ist gewaltig.» Das Problem ist: Bleiben die vom Fäulnispilz befallenen Beeren hängen, stecken sie die umliegenden an – selbst die noch unreifen Beeren beginnen dann zu faulen.

Hagen Thoss von der Fachstelle Obst am Strickhof in Winterthur-Wülflingen hat den Überblick über die einheimische Erdbeerernte. Er stellt fest: «Eigentlich wären wir jetzt in Vollernte, doch melden uns die Produzenten bereits rückgängige Erträge.» Dass die Beeren wegen der Nässe auf dem Felde faulen, ist aber nur das eine Problem. «Die Konsumenten haben bei diesem Wetter auch weniger Lust auf Erdbeeren.» Die Erdbeere sei eben eine typische Sommerfrucht. Dabei wäre ihr Aroma erstaunlich gut. Gerade weil die Beeren mehr Zeit zum Reifen haben, können sie mehr Geschmack entwickeln.

Kirschessigfliege im Anflug

«Wir setzen unsere Hoffnungen auf die eine späte Sorte, die wir noch haben», sagt Tobias Martin. Doch ein Blick auf die Wetterprognosen für die nächsten Tage stimmt ihn nicht zuversichtlich. «In unserer Branche ist kein Jahr wie das ­andere, mit dem müssen wir umgehen können», sagt er. Das letzte Jahr war zu trocken, nun ist es zu feucht. «Nur: Wasser zufügen kann man, Wasser wegnehmen nicht.» Noch etwas macht ihm Sorgen: die Kirschessigfliege. Der milde Winter und die grosse Feuchtigkeit lassen befürchten, dass dieser Schädling sich dieses Jahr stark vermehrt – und ­damit zur Gefahr für die nächstfolgenden Früchte wird. Bald sollten die Kirschen so weit sein. Dann kommen die Himbeeren und die Brombeeren – alles Früchte, die wie auch die Trauben von dieser Taufliege befallen und ungeniessbar gemacht werden. «Unser Himbeerfeld liegt direkt neben dem Erdbeerfeld», sagt Tobias Martin. «Und wir stellen fest, dass wir im Moment sehr viele Taufliegen in den Erdbeeren haben.» Ob es sich dabei wirklich um die gefürchtete Kirschessigfliege handelt, weiss er nicht mit Bestimmtheit. Mit einem Anflug von Galgenhumor sagt er: «Ich freue mich auf das nächste Jahr.»

(Erstellt: 13.06.2016, 21:15 Uhr)

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