Die Erfolgsgeschichte eines Berufes

Kein Lehrberuf hat in den letzten Jahren mehr zugelegt als Fachangestellte Gesundheit. Das bewahrt die Schweiz vor dem Pflegenotstand.

Zwei Fage, die ihren Beruf lieben: Dijana Bogdanovic (links) und Janine Voser bei der Arbeit im Waidspital. Foto: Reto Oeschger

Zwei Fage, die ihren Beruf lieben: Dijana Bogdanovic (links) und Janine Voser bei der Arbeit im Waidspital. Foto: Reto Oeschger

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Die Lehre zur Fachangestellten Gesundheit ist jung, es gibt sie erst seit 2003. Damals wurden die Gesundheitsberufe in die eidgenössische Bildungssystematik überführt. Heute liegt die Fage-Lehre bereits an dritter Stelle in der Rangliste der beliebtesten Schweizer Lehrberufe, hinter KV und Detailhandelsfachfrau. Während bei den Coiffeusen oder den Elektroinstallateuren viele Lehrstellen unbesetzt bleiben, sind die Fage-Ausbildungsplätze begehrt, vor allem jene in den Spitälern. Im Kantonsspital Winterthur, einem der grössten Ausbildungs­betriebe im Kanton, sind bereits alle 30 Fage-Lehrstellen für Sommer 2018 besetzt. Auch das Zürcher Stadtspital Waid kann sich seine jährlich 20 Lehrlinge aussuchen: «Wir haben dreimal mehr Interessentinnen als Stellen», sagt Direktor Lukas Furler.

Louis Peters ist einer der Glücklichen, die es geschafft haben. Nach einer Schnupperlehre im Spital Zollikerberg wusste er, dass Fage das Richtige für ihn ist: «Mir hat der Kontakt zu den Menschen gefallen, aber auch die Vielfalt der Tätigkeiten.» Nun ist der 19-Jährige im dritten Lehrjahr und arbeitet im Waidspital auf der Inneren Medizin. Er könne dort viel lernen und werde gut unterstützt, sagt der junge Mann. Nach der Lehre will er einige Jahre Erfahrungen sammeln und sich später weiterbilden. Als Mann gehört Peters zu einer 8-Prozent-Minderheit – die Pflege ist nach wie vor eine Frauendomäne. Wie haben die Kollegen auf seine Berufswahl reagiert? «Viele denken, man müsse vor allem Füdli putzen. Einige haben aber auch Respekt und bewundern mich.»

Anfängliche Skepsis ist weg

Die Fage haben heute ihren festen Platz im Spital und in den Pflegeheimen, sie arbeiten Hand in Hand mit den Pflegefachleuten. Das war am Anfang nicht so. Die «Diplomierten», wie die Pflegefachfrauen auch genannt werden, beurteilten die Einführung der neuen dreijährigen Lehre kritisch. Sie befürchteten einen Qualitätsverlust und warnten, es werde auf dem Buckel der Fage gespart, indem diese schlecht entlöhnt und anstelle der teureren Diplomierten eingesetzt würden.

Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, wie sich heute zeigt. «Die Personalkosten in der Pflege sind nicht gesunken», sagt Waid-Direktor Lukas Furler, der sich als früherer Pflegedienstleiter im Stadtspital für die neue Lehre starkgemacht hatte. Diese sollte nicht nur zusätzliche Arbeitskräfte in die Pflege bringen, indem sie die Jugendlichen direkt von der Volksschule abholt, sondern auch Nachwuchs für die Diplomausbildung rekrutieren. Laut Furler ist das gelungen: «Rund die Hälfte der Fage studiert nach dem Lehrabschluss weiter an einer höheren Fachschule oder Fachhochschule.» Frisch ab Ausbildung verdient eine Fage im Kanton Zürich je nach Betrieb zwischen 4300 und 4800 Franken, eine Pflegefachfrau circa 1000 Franken mehr. Die Heime bezahlen in der Regel besser als die Spitäler – als Anreiz, weil sie als Arbeitsort weniger gefragt sind.

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Das Jobprofil der Fage ist nach anfänglicher Unsicherheit geklärt. «Ihre Kernkompetenz ist die Betreuung, und sie arbeiten auf Delegation der diplomierten Pflegefachpersonen», sagt Sabina Decurtins, Pflegeexpertin im Spital Zollikerberg. Die Fage waschen zum Beispiel die Patienten und helfen ihnen beim Essen oder Aufstehen. Sie dürfen aber auch Blut entnehmen, den Blutdruck messen oder einfache Verbände wechseln. «Fage ist eine praktische Ausbildung», sagt Decurtins. «Die Lehrlinge lernen, Patienten in voraussehbaren Situationen zu pflegen.» Eine Diplomierte dagegen kenne sich mit komplexen Krankheitsbildern aus und sei in der Lage, auch Risiko- und Notfallpatienten zu betreuen. Im Zollikerberg arbeiten Fage und Diplomierte im Tandem, gemeinsam betreuen sie in der Regel sechs bis acht Patientinnen. Das Verhältnis Fage zu Diplomierten beträgt auf den nicht spezialisierten Abteilungen ungefähr 40 zu 60.

Einen höheren Stellenanteil haben die Fage in den Heimen. Die Pflegezentren der Stadt Zürich beschäftigen etwa gleich viele Fage wie Diplomierte, wie Direktorin Renate Monego sagt. «Wir bilden schon seit langem viele Fage aus, pro Jahr nehmen wir rund 50 neue Lernende auf.» Die Ausbildungstätigkeit sei elementar für die Pflegezentren, da sie den Nachwuchs sichere: «Ein Grossteil unserer Pflege-Studierenden sind ehemalige Fage von uns.» Monego weiss, dass viele Pflegende das Spital dem Heim vorziehen, es gebe aber auch den umgekehrten Fall. Denn: «Bei uns ist die menschliche Beziehung elementar, und wir bieten Möglichkeiten, sich fachlich und führungsmässig zu entwickeln.»

Den Menschen helfen

Janine Voser kennt beide Arbeitsorte. Die 30-jährige Fage hat nach dem Lehrabschluss drei Jahre in einem Heim gearbeitet und ist nun seit sieben Jahren im Waid in der universitären Klinik für Akutgeriatrie. Dort möchte sie bleiben. «Jeder Tag ist interessant und herausfordernd. Viele Patientinnen und Patienten kommen sehr geschwächt zu uns. Durch die Therapien gewinnen sie wieder viel Selbstständigkeit zurück. Das zu sehen, motiviert mich.» Auch Vosers Kollegin Dijana Bogdanovic ist begeistert von der Arbeit in der Akutgeriatrie: «Hier kann ich mich voll einbringen und den alten Menschen helfen.» Die 29-Jährige ist eben aus dem Mutterschaftsurlaub zurück; sie habe den Job vermisst, sagt sie. Bogdanovic arbeitet seit 2008 im Waidspital. Sie fing als Praktikantin an, machte die Ausbildung zur Pflegeassistentin und danach die Fage-Lehre. Später will sie auch noch die Diplomausbildung absolvieren.

Das dürfte Lukas Furler freuen. «Auf der Diplomstufe haben wir noch Bedarf», stellt er 14 Jahre nach der Neustrukturierung der Ausbildungen im Gesundheitswesen fest. Bei den Fage hingegen sei das Ziel von 800 bis 1000 Lehrstellen, das man sich im Kanton Zürich gesetzt habe, beinahe erreicht. Die Herausforderung besteht jetzt darin, die Pflegenden im Beruf zu halten. Gelingt dies, kann der für 2030 prognostizierte Pflegenotstand in der Schweiz vielleicht abgewendet werden. Furler jedenfalls ist zuversichtlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2018, 23:26 Uhr

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