Der Zug soll durch den Garten von Familie Wyss brausen

Für ein Bahnprojekt droht in einem Sihltaler Gartendorf die Landenteignung. Der Kanton wehrt sich gegen eine mögliche Lösung. Dennoch können die Anwohner hoffen.

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Peter Wyss steht mit seiner Frau Theres im Garten. Links ist ihr Haus, rechts braust eine S-Bahn vorbei. Zwischen Zug und Gebäude liegen vielleicht 9 Meter. Dieser Abstand soll auf die Hälfte schrumpfen. Das zumindest ist der Plan. Die Sihltal Zürich Uetliberg Bahn (SZU) will auf dem einspurigen Abschnitt bei der Haltestelle Wildpark-Höfli in der Sihltalgemeinde Langnau am Albis eine weitere Gleisspur bauen, damit die Züge der S4 kreuzen können – mitten im Garten der Familie Wyss.

Der Ausbau ist ein Puzzleteil eines 600-Millionen-Projekts, das vom Bund finanziert wird. Die Passagierzahlen im Sihltal explodieren, und bald kommen tausende Fahrgäste aus der Zürcher Greencity dazu. Nötig sind bei der SZU Infrastruktur-Ausbauten, neues Rollmaterial und vieles mehr.

«Wir verlieren Wohnqualität»

Peter Wyss stellt den Ausbau nicht infrage. Und als Bähnler, der 32 Jahre lang am Steuer einer SZU-Lok sass, ist er gewiss nicht Anti-ÖV. Aber jetzt gehts ans Lebendige. Er ist zum Widerstand entschlossen. Ob der Zug 9 oder 4,5 Meter am Haus vorbeifährt, mache einen grossen Unterschied.

Theres Wyss bemalt Porzellan. Aufgrund der Erschütterungen muss sie schon heute immer wieder ihre Tassen im Regal zurechtrücken, damit sie nicht herunterfallen. «Es hat auch schon Risse im Haus», sagt sie. Peter Wyss macht sich mehr Sorgen wegen des zusätzlichen Lärms und des Elektrosmogs, da es neben neuen Gleisen auch neue Stromleitungen braucht. Er sagt: «Wir verlieren Wohnqualität, und das Grundstück wird entwertet.»

Gemeinderat hängt knallige Plakate auf

Das Ehepaar Wyss hat das Haus im soganannten Gartendörfli an der Grenze zu Adliswil vor 24 Jahren gekauft. Am Haus prangt ein Wappen der Gemeinde. «Es stammt von einer ausrangierten Lokomotive», erzählt Peter Wyss. Eingeklemmt zwischen der Sihl und den Gleisen sowie der Sihltalstrasse gleich neben der Bahn ist das Gartendörfli eine eigene Welt. Als es zu Beginn der 1950er Jahre gebaut wurde, sprach man noch vom Elektrodörfli, weil es anfangs technisch besser ausgestattet war als Langnau selbst.

Obwohl das Gartendörfli etwas abseits des Hauptdorfs liegt, spürt Wyss grosse Unterstützung von der Gemeinde. Infrastruktur-Chef Rolf Schatz (GLP) und Sicherheitsvorstand Virgil Keller (FDP) weibeln denn auch für die Gartendörfler. Kürzlich hat Schatz an der Sihltalstrasse sogar zwei Plakate aufhängen lassen, um auf die Not der Anwohner aufmerksam zu machen. Fast schon im SVP-Stil steht neben einer (SZU-)roten Faust, die dem Gemeindewappen den Hals umdreht: «Doppelspurausbau Ja. Landenteignung Nein.» Daneben ist erwähnt, dass sich der Gemeinderat für eine Verschmälerung der Sihltalstrasse einsetzt, die auf der anderen Seite der Gleise verläuft.

Tempo 60 statt 80

Eine Gemeinde, die mittels eines knalligen Plakats der SZU und dem Kanton an den Karren fährt, ist bemerkenswert. Schatz bestätigt, dass die Aktion, die 1500 Franken kostet, vom Gesamtgemeinderat abgesegnet ist. Man sei enttäuscht vom Kanton, sagt er. Im letzten Herbst sei er und sein Adliswiler Amtskollege Patrick Stutz (SVP) mit Baudirektor Markus Kägi (SVP) die Sihltalstrasse rauf- und runtergefahren. Und dieser habe positiv auf Vorschläge reagiert, um den Spurbau strassenseitig durchzuführen. Das wäre mit dem Verzicht auf ein Trottoir, Tempo 60 statt 80 und damit einer Verschmälerung der Kantonsstrasse sowie dem Streichen eines Velowegs möglich. Alles zusammen spart etwa 4,5 Meter.

Gemäss Schatz haben Fussgänger ohnehin bessere Alternativen, gibt es zwei weitere Velowege im engen Tal und sei es ohnehin sinnvoll, die Strasse abzuklassieren, da der Gotthardverkehr längst durch den Uetlibergtunnel fährt statt durchs Sihltal. Ein pikanter Nebenaspekt ist laut Schatz, dass Langnau nicht vom grossen Ausbauprojekt der SZU profitiert. Im Gegenteil: Während für Adliswil künftig ein 7,5-Minuten-Takt geplant ist, wird Langnau nur noch alle 15 Minuten von der S-Bahn bedient. Heute herrscht in Stosszeiten der 10-Minuten-Takt.

SVP stimmt SP-Vorstoss zu

Der Ärger der Langnauer gründet auf der Antwort des Regierungsrats auf einen Vorstoss im Kantonsrat. Darin forderten im letzten Dezember Judith Bellaiche (GLP) und Davide Loss (SP) eine «Planungsvariante ohne Landbeanspruchung des Gartendörfli». Doch die federführende Volkswirtschaftsdirektion von Carmen Walker Späh (FDP) empfiehlt ein Nein. Sie zeigt sich zwar bereit, die Gartendörfler «zu schonen». So könne man das 2-Meter-Trottoir aufheben, aber «eine weitere Verschmälerung (...) kann nicht in Aussicht gestellt werden.»

Hier ist aber noch nicht das letzte Wort gesprochen. Der Vorstoss kommt noch ins Parlament zur definitiven Beurteilung. Inzwischen haben alle Kantonsräte einen Brief von der Gemeindepräsidentenkonferenz des Bezirks Horgen erhalten mit der Bitte, den Vorstoss gegen den Willen der Regierung zu überweisen. Der laut dem Absender Philipp Kutter (CVP) ungewöhnliche Schritt zeigt Wirkung: Laut einer TA-Umfrage wollen SVP, SP, GLP, Grüne und CVP dem GLP/SP-Vorstoss zustimmen, also praktisch alle Parteien. Der Tenor: Enteignungen sollten vermieden werden, wenn eine gute Alternative vorliegt. In der FDP wird deshalb die beschlossene Ablehnungsparole nochmals überdacht. Allerdings ist es möglich, dass die Abstimmung erst in zwei Jahren stattfindet, da die Traktandenliste voll ist.

Die SZU will Verzögerungen vermeiden

Mitten in diesem Seilziehen steht die SZU, die «möglichst schnell bauen» will, wie Marco Lüthi, Leiter Infrastruktur, erklärt. Denn er weiss, dass die SZU ein Problem mit der Pünktlichkeit hat. «Der Doppelspurausbau in Langnau am Albis gehört zu den zentralen Vorhaben, um den Fahrplan stabiler zu machen.» Insofern bedauert Lüthi die Verzögerungen und arbeitet in Varianten, auch wenn die Doppelspur verbindlich im Richtplan festgehalten ist. «Alles hängt nun von der Strassenbreite ab», meint er. Und damit vom Kanton. «Wir können erst richtig weitermachen, wenn wir verbindliche Vorgaben haben.» Dem widerspricht die Volkswirtschaftsdirektion: Der Kanton habe keinen Einfluss, er könne die Strasse erst anpassen, wenn der Bund das Doppelspurprojekt bewilligt habe.

Gleichwohl hofft Lüthi, dass es zu keinen Enteignungsverfahren kommt, auch wenn die SZU Land von den Gartendörflern braucht. Er ist sich bewusst, dass es zu grösseren Verzögerungen kommt, wenn sich die SZU nicht mit den Grundeigentümern einigen kann, etwa mittels «normalem» Landkauf. Landeigentümer Wyss will nicht definitiv sagen, ob er prozessieren wird. Die Gleisanwohner vom Gartendörfli haben sich aber bereits zusammengetan, sagt er. «Und wir wollen etwas unternehmen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2018, 14:02 Uhr

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