Die Farben leuchten nie mehr so wie vorher

Nach dem Tod ihres Sohnes hat Kerstin Birkeland einen Verein gegründet, der Familien von schwer kranken Kindern und Eltern das vielleicht letzte Familienfoto ermöglicht.

Ein Schicksalsschlag hat sie auf die Idee gebracht: Kerstin Birkeland hat den Verein Herzensbilder.ch ins Leben gerufen.

Ein Schicksalsschlag hat sie auf die Idee gebracht: Kerstin Birkeland hat den Verein Herzensbilder.ch ins Leben gerufen. Bild: Raisa Durandi

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Besonders an Weihnachten denkt Kerstin Birkeland an die Zeit vor elf Jahren zurück, als alles anders wurde, obwohl es so vielversprechend begonnen hatte. «Es war die erste Weihnachtsfeier mit der Hoffnung auf ein neues Leben», sagt die 43-jährige dreifache Mutter. Ihre damals fünfjährige Tochter Malin hatte sich nach jahrelanger Krankheit zurück ins Leben gekämpft, war endlich gesund geworden. Zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Till hatten Kerstin und Simon Ackermann Birkeland erst im Frühling ein schönes Haus in Dielsdorf bezogen. Es waren die ersten Weihnachten im neuen Heim und alles schien perfekt.

Till hatte im Dezember vor elf Jahren morgens ein paarmal erbrochen. Auch am Morgen des Fünfundzwanzigsten. Seine Mutter machte sich Sorgen und tat, wovor sie vorher jedem abgeraten hätte: Sie googelte in ihrem Computer. «Erbrechen morgens». Die virtuelle Diagnose kam sofort: «Hirntumor». «Das darf nicht sein, nicht schon wieder wir», dachte sie und empfing all ihre Weihnachtsgäste wie immer. «Till liebte Weihnachten und hat sich so sehr gefreut, als es endlich losging. Er tanzte um den Baum, hat ganz laut gesungen und war fröhlich», erinnert sich seine Mutter.

Als Till am nächsten Tag wieder erbrach, brachten sie den Buben zum Kinderarzt, der sie ins Kinderspital schickte. Da hätten sie geahnt, dass es wohl kein Virus sein könne. «Dort kamen wir vom Himmel in die Hölle.» Am selben Abend landete die ganze Familie in einem Zimmer der Onkologie-Station. Derjenigen Station, an der Kerstin Birkeland während Malins Krankheit oft vorbei musste, und jedes Mal dachte: «Nur nie auf diese Station kommen.» Und jetzt war sie plötzlich da.

Einige zogen sich zurück

«Wir fielen immer tiefer. Metastasen. Vierzig Prozent Chance», sagt Tills Mutter. Es blieb nur eines: funktionieren, auch im Schrecklichen. Wie im Film «La vita è bella» von Roberto Benigni, sagt sie, wo der Vater seinem Sohn im Konzentrationslager alles so angenehm wie möglich macht, um ihn den ganzen Horror dieses Ortes nicht spüren zu lassen. Birkeland spielte diese Rolle für ihre Kinder, für ihren Mann, für sich selbst.

Aber sie wusste auch, dass sie alle ohne Hilfe «kaputt» gehen würden. Deshalb schrieb sie schon in der ersten Nacht aus dem Spital an alle Verwandten und Freunde: Till ist an Krebs erkrankt, wir brauchen Hilfe. «Wir hatten viele mitfühlende Menschen um uns. Sie kochten, fuhren Malin nach dem Kindergarten ins Spital, wuschen unsere Wäsche, brachten Geburtstagskuchen und organisierten Kinderpartys.» Kein Tag war mehr voraussehbar, keine Stunde. «‹La vita è bella› schafft man nur mithilfe von aussen», sagt Kerstin Birkeland.

Es gab aber auch Leute, die sich zurückzogen. «Entweder sie verschwinden oder sie sind für dich da – zwischendurch gibt es nichts», hat Tills Mutter erfahren. Dabei zähle jede Art von Anteilnahme in solchen Momenten, und sei es nur, ein Zeichen zu geben, eine Kerze anzuzünden oder einfach nur zu sagen, wie leid es einem tue. Alles sei besser, als nichts zu tun und zu schweigen. «Bei einem solchen Schicksalsschlag kann man nur hoffen, dass das Freundesboot nie leer ist», sagt Tills Mutter. Die folgenden vier Jahre «im Ausnahmezustand» hätte die kleine Familie ohne hilfsbereite Mitmenschen nicht überstanden.

Nach jeder Untersuchung wollte der Sohn wissen, wie seine Chancen stünden. Nur nach der letzten fragte er nichts.

Es wurden lange, schwierige Jahre. Tapfer kämpfte der Bub gegen den Krebs. Nach jeder Untersuchung wollte er genau wissen, wie seine Chancen stünden. Nur nach der letzten, die ihm keine Chance mehr gab, fragte er nichts. Als ob er zu ahnen schien, dass er bald gehen muss. Am 4. September 2010, einem Samstagabend, starb Till zu Hause bei seiner Familie, wenige Monate vor seinem elften Geburtstag. Bis zum Schluss wollte er den Alltag leben, nicht über diese letzte Diagnose reden. «Die letzten drei Monate hat Till meine Hand kaum mehr losgelassen», erinnert sich seine Mutter. Und zwei Tage vor seinem Tod sass er in seinem Fussballleibchen noch einmal vor dem Fernseher und sah sich mit der ganzen Familie einen Bayern-Match an. Till sagte, es sei warm und ruhig in seinem Herzen. Am Tag bevor er starb, liess er die Hand seiner Mutter los. «Es schien, als vertraue er auf das, was jetzt auf ihn zukommen würde.»

Ein wichtiges Zeichen

Am Geburtstag seiner Schwester, eine Woche später, war kein Till mehr da. Malin wollte ihren Geburtstag unbedingt feiern und so beschloss die Familie, trotz der Trauer, die alle umgab, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Und Kerstin Birkeland machte das schier Unmögliche möglich. «Für meine Tochter war dieses Fest ein wichtiges Zeichen: Mein Leben geht weiter.»

Die Anteilnahme im Dorf war gross. «Dielsdorf hat uns unterstützt und berührt», sagt sie, «wir werden es diesen Menschen nie vergessen. Sie haben unser Leid ein bisschen kleiner gemacht.» Und das, obwohl die junge Familie erst ein paar Monate im Dorf wohnte. Sie habe keine Kerze vergessen, die jemand für Till vor ihre Haustüre stellte, keinen einzigen, der sie auf Tills letztem Gang unterstützte.

Nach seinem Tod suchte die Mutter nach einem Foto der ganzen Familie. «Ich hätte alles gegeben für ein inniges Familienfoto», sagt sie. Doch es gab keines. «Während einer so schweren Zeit denkt niemand an Fotos.» Und genau das, beschloss sie, müsste sich ändern.

Am Anfang hatte sie jedes Mal Herzklopfen

Kurz vor der Geburt ihrer heute fünfjährigen Tochter Neele, mitten in der Nacht, schrieb sie achtzig Mails an Fotografinnen und Fotografen aus der ganzen Schweiz. Sie wollte anderen Familien ihr Schicksal, kein letztes Familienbild zu haben, ersparen. «Ich brauche euch, wenn Welten zusammenkrachen, wenn es stockfinster wird», schrieb sie. «Gibt es jemanden, der sich vorstellen kann, Familien mit schwer kranken Kindern vielleicht noch ein letztes Mal zu fotografieren?» Kerstin Birkeland war nicht sicher, ob sich das überhaupt einer vorstellen könnte. Doch über siebzig Fotografinnen und Fotografen meldeten sich zurück. «Sie wussten nicht, was sie erwarten würde, sagten aber: ‹Ich probiere es.›»

Kaum hatte Birkeland ihre Idee Herzensbilder.ch auf Facebook vorgestellt, meldete sich die erste Mutter. Bis heute sind ihre «Engel auf Erden» schon weit über tausendmal ausgerückt. Manchmal könne man die Anfragen planen, aber immer wieder brauche es jemanden, der sich sofort auf den Weg mache, weil es vielleicht die letzte Gelegenheit sei. «Anfangs hatte ich jedes Mal Herzklopfen, wenn ich einen Hochzeitsfotografen auf eine Intensivstation schickte.» Niemals werde ihre Arbeit für sie selbstverständlich sein, sagt Birkeland. «Es braucht viel Mut und Feingefühl, Familien mitten im Ausnahmezustand zu fotografieren.»

Etwa die Hälfte der Anfragen für Herzensbilder kommt von den Spitälern selbst. In den Kinderspitälern stehen sogar Requisitenboxen bereit, damit die Spitalatmosphäre möglichst weit weg gezaubert werden kann. Immer wieder gibt es an einem einzigen Tag mehrere Einsätze. Mittlerweile sind fünf Frauen mit einem Piketthandy ausgerüstet. «So haben wir immer wieder Pause von den traurigen Geschichten.» Für die Administration mussten Stellen geschaffen werden. Vorher hat Birkeland alles selber gemacht, «bis ich nicht mehr schlafen konnte.» Und weil die Einsätze ihres Vereins für die Familien kostenlos sind, braucht es Spendengelder. «Die lieben Menschen, die für uns unterwegs sind, arbeiten zwar noch immer ehrenamtlich, aber vieles rundherum kostet.»

«Flicken kann man es nicht mehr»

Und weil man sich in solch schweren Zeiten nicht um sein Aussehen kümmert, suchte die ehemalige Primarlehrerin auch freiwillige Visagistinnen und Coiffeure. «Sie alle wagen es immer wieder», sagt sie bewundernd, «im Wissen, dass das Erlebte auf der Heimfahrt nachhallen und sie ‹durchschütteln› wird.» Bei einer Anfrage gehe deshalb nicht derjenige, der am nächsten sei, sondern derjenige, der sich den schwierigen Einsatz an diesem Tag zutraue. «Das ist mir wichtig, denn es braucht viel Kraft.» Es berühre sie jedes Mal aufs Neue, wenn jemand für eine ihm fremde Familie losziehe, nicht wissend, was ihn genau erwarten würde. «Aber solche Bilder können Angehörigen die Welt bedeuten.»

Für das Projekt Herzensbilder.ch bekam Kerstin Birkeland den Publikumspreis von Radio SRF als «Heldin des Alltags 2013». Ihre Familie, sagt sie, habe überlebt, weil sie Glück gehabt hätte und jeder den anderen so trauern liess, wie er es wollte und konnte. Wer zu werten beginnt, ob eine Stunde Velo fahren schlechter sei als ein Gespräch, sei auf verlorenem Posten. «Wir haben als Paar überlebt, weil wir einen gemeinsamen Weg hatten – zuerst die Hoffnung, und am Ende begleiteten wir unser Kind bis zur Startbahn Richtung Sterne.»

An diesem 19. Dezember wäre Till volljährig geworden. Kerstin Birkeland hat ihr Lachen wiedergefunden, auch wenn ihr Herz «nie mehr ganz gesund wird». Es schlage jetzt in einem anderen Rhythmus, viel unregelmässiger als vor Tills Tod. «Flicken kann man es nicht mehr, aber lernen, damit zu leben», sagt die dreifache Mutter. Und sagt mit den Worten des Sängers Herbert Grönemeyer: «Die Farben werden wiederkommen, aber es werden nicht mehr dieselben sein», und fügt hinzu, «aber sie werden nie mehr so leuchten wie vorher, als alles einfach nur gut war.»

Erstellt: 29.12.2017, 10:23 Uhr

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