Die «First World Problems» an der Zürcher Goldküste

Der Streit um zwei Ahornbäume bis vor Bundesgericht in Küsnacht zeigt: Die Goldküstler sind streitlustig. Und wie!

Lärm der Junioren löste Streit aus: Der Fussballplatz des FC Herrliberg.

Lärm der Junioren löste Streit aus: Der Fussballplatz des FC Herrliberg. Bild: Urs Jaudas

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Was ist eigentlich los an der Zürcher Goldküste? Scheinwerfer sind zu hell, Fussballjunioren zu laut, Schiffshörner zu penetrant, die S-Bahn zu lärmig, Südanflüge zu früh, das Geläut der Kirchen schlafraubend und die Kuhglocken nervtötend. Und nun wird öffentlich: Da streiten sich Nachbarn sogar um zwei Ahornbäume bis vor Bundesgericht.

«Wäre hier nicht so viel Geld vorhanden, würde nicht so oft Einsprache eingereicht», stellte vor zehn Jahren ein bekannter Bauunternehmer an der Goldküste fest – und kündete an, am rechten Seeufer nicht mehr bauen zu wollen, weil er keine Lust mehr auf Verzögerungen und hohe Gerichtskosten habe. Pikanterweise war genau dieser Unternehmer dann Kläger im Streit gegen Lärm und Flutlicht vom Herrliberger Fussballplatz. Hätte das Bundesgericht im letzten Herbst die Klage nicht abgewiesen, wäre das vielleicht das Ende des FC Herrliberg und vieler Schweizer Sportvereine gewesen.

Der Streit um die beiden Ahornbäume hoch über Küsnacht ist im aktuellen Hochsommer besonders skurril – und ein typisches «First World Problem». Alle jammern über Hitze, schattenlose Plätze, Klimawandel und CO2-Bilanz. Doch an der Goldküste wird jahrelang und für Zehntausende von Franken darüber gestritten, ob die 60-jährigen Bäume in Nachbars Garten gefällt oder kräftig gestutzt werden müssen, damit die Käufer luxuriöser Neubauten einen besseren Blick auf See und Berge haben. Bäume sind gut fürs Klima – und für die Seele.

Der Ahorn soll weg: In Küsnacht streiten sich Nachbarn wegen zweier Ahorne. Bild: Andrea Zahler

Und woher kommt wohl der lärmempfindliche Seeanwohner, der vor zwei Jahren ein Hornverbot für die Kursschiffe beim Anlegen an den Stegen des Zürichsees erzwungen hatte? Aus dem schönen Stäfa. Der Kläger wurde von einem überwiegenden Teil der Bevölkerung als «Killer einer 50-jährigen Tradition» gebrandmarkt – und doch müssen sich die Zürichseekapitäne nun der Weisung aus dem Bundesamt für Verkehr beugen.

Dürfen nicht mehr hornen: Schiffe vor dem Hafen Stäfa. Bild: Michael Trost

Die Klagewut gegen Lärm hat auch die Pfnüselküste erreicht. Ein Anwohner der reformierten Kirche Wädenswil war vor Bundesgericht mit seiner Klage gegen das viertelstündliche Geläut abgeblitzt, das er als «Lärmterror» bezeichnet hatte.

Zurück an die Goldküste. Da stören sich im Moment die Einwohner von Küsnacht und Zollikon am Autolärm in den Quartieren, weil die Seestrasse von März bis November saniert werden muss. Der Morgenverkehr Richtung Zürich staut sich regelmässig auf der Umleitung hoch über dem See.

Man möchte den Autofahrern in ihren Luxuskarossen raten: Nehmt doch die S-Bahn nach Zürich, da gibts auch 1. Klasse. Denn diese verkehrt jetzt im Viertelstundentakt. Das wiederum ist ganz und gar nicht selbstverständlich. Die neue S20 von Stäfa nach Zürich-Hardbrücke wurde im Juni erst mit vierjähriger Verspätung eingeführt. Wegen einer Klage. Anwohner wehrten sich bei der Station Herrliberg-Feldmeilen gegen ein Wendegleis – wegen Lärmemissionen. Sie blitzten vor Bundesgericht ab.

Erstellt: 29.07.2019, 16:45 Uhr

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