Die Flüchtlingswelle fordert die Zürcher Schulen

Jeden Monat kommen 80 Flüchtlingskinder im Kanton Zürich an. Derzeit gibt es für sie 21 Aufnahmeklassen.

Fokus auf Sprachkompetenz: Kinder in einer Flüchtlingsklasse. Foto: Dominique Meienberg

Fokus auf Sprachkompetenz: Kinder in einer Flüchtlingsklasse. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Oft liegen Tragödien hinter den Kindern, die in den Durchgangszentren auf einen Asylentscheid warten. Erst der Krieg zu Hause, dann die Flucht durch Regen, Wind und jetzt auch noch Eis. Gerade gestern ist vor der Ferieninsel Samos wieder ein Boot gekentert, und zehn Flüchtlingskinder sind ertrunken.

Für die Kinder in den Durchgangszentren müssen Etagenbetten und Matratzenlager der Himmel sein. Gefordert sind dafür die Behörden, die den gegenwärtig 220 Kindern in den sieben Zürcher Zentren einen Ausbildungsplatz besorgen müssen. Wie Urs Meier, stellvertretender Chef des Volksschulamtes, mitteilt, werden die Kinder in der ersten Phase des Asylverfahrens in «Aufnahmeklassen Asyl» geschickt. Pro Klasse sind gemäss kantonalem Schulrecht 8 bis 14 Kinder vorgesehen. Und zwar sitzen in der gleichen Klasse Kinder jeden Alters. Teilweise sind es Kindergärtler, Primarschüler, Sekundarschüler und laut Meier sogar Minderjährige über 16 Jahren. Oberste Priorität hat im Unterricht das Deutschlernen. Die Kinder sollen aber auch lernen, was man in der Schweiz von ihnen erwartet.

Total gibt es derzeit im Kanton Zürich 18 «Aufnahmeklassen Asyl», je eine oder eine halbe Klasse in Zollikon, Winterthur-Töss, Egg und Volketswil, zwei­einhalb Klassen in Oberembrach, sechs Klassen in Embrach und sechs im Zentrum Lilienberg in Affoltern am Albis, wo ausschliesslich unbegleitete Jugendliche unterrichtet werden. Weiter gibt es im Bundes-Test-Zentrum in Altstetten drei Aufnahmeklassen Asyl, die vom Bund betrieben werden. Geplant sind zwei Klassen in Wiesendangen, wo der Kanton im Februar ein neues Zentrum für unbegleitete minderjährige Asyl­suchende mit 30 Plätzen eröffnen will.

Es braucht ein «grosses Herz»

Ivan Nikolic ist Schulleiter für die Aufnahmeklassen Asyl im Zentrum Lilienberg in Affoltern. Er spricht von einer reizvollen, aber anspruchsvollen Aufgabe. Erstens ist der Wissensstand der Jugendlichen äusserst unterschiedlich: «Es gibt Kinder, die können nicht lesen, während andere mehrere Sprachen sprechen und sehr schulerfahren sind.»

Die Lehrpersonen müssen auch viel flexibler sein als in einer normalen Klasse. Jeden Morgen könne sich die Schülerzahl einer Klasse ändern. Nach den Sommerferien 2014 hat Nikolic erlebt, dass für eine einzige Klasse 32 Kinder angemeldet waren: «Da braucht es Improvisationsvermögen.» Seit jenem Sommer hat sich die Zahl der Klassen im Lilienberg von drei auf sechs verdoppelt. Am Dienstag gingen hier 79 Kinder zur Schule, am Mittwoch sind laut Nikolic zwei neue Kinder dazugekommen.

Nicht nur besondere Flexibilität ist im Lilienberg von den Lehrpersonen ­gefragt, sondern auch Bereitschaft, sich auf die Kinder einzulassen, da sie im ­Lilienberg alle ohne Eltern sind. «Unsere Lehrer brauchen auch ein grosses Herz», sagt Nikolic. Bisher hat er genügend solche Lehrpersonen gefunden. Auf eine offene Stelle erhält er bis zu 20 Bewerbungen, die wenigsten haben wie gefordert eine Seklehrerausbildung mit DaZ-Diplom (Deutsch als Zweitsprache). Auch wenn nun nicht alle der elf an­gestellten Lehrpersonen diese Bedingungen erfüllen, ist Nikolic zufrieden mit seinem Team, das sich stark mit dem Lilienberg identifiziere. Seit zwei Jahren hat Nikolic noch keinen einzigen Abgang gehabt.

Gemischte Klassen

Eine Herausforderung ist auch die Zusammensetzung der sechs Klassen. Eine von ihnen ist für die Neuankömmlinge gedacht – praktisch die Aufnahmeklasse unter den Aufnahmeklassen. In dieser Klasse sind die Jugendlichen am Anfang für circa zwei Wochen, dann sollen sie in eine der anderen Klassen umgeteilt werden. Besonders wird dabei auf die Sprachkompetenz geachtet, auf die Klassengrösse und auf die Belastung der Lehrpersonen. Kein Zuteilungskriterium ist die Herkunft. So werden etwa die Afghanen, die derzeit besonders zahlreich ankommen, mit anderen Kindern gemischt, zum Beispiel mit den ­Eritreern. «Die Jugendlichen sollen lernen, mit Fremden umzugehen.»

Und was sind die grössten Erfolgserlebnisse, welche die Lilienberg-Lehrer haben? Viele Jugendliche seien besonders lernwillig und motiviert, sagt Nikolic, und auch: «Wenn ein Schüler in Affoltern in einer Regelklasse Fuss fassen kann, ist das besonders schön.» Derzeit besuchen vier Lilienberg-Jugendliche die Sekundarschule in Affoltern.

Keine Entspannung absehbar

Derzeit stellen sich die Verantwortlichen die Frage, wie es weitergeht. Laut Meier ist die Zahl der Kinder in den «Aufnahmeklassen Asyl» leicht zurückge­gangen. Das Volksschulamt rechnet aber wieder mit einer Zunahme in den nächsten Wochen. Die meisten der 220 Kinder, die sich in den Durchgangszentren aufhalten, werden in den nächsten drei Monaten den Gemeinden zugewiesen und durch Neuankömmlinge ersetzt. Ein kleiner Teil wird weggewiesen. 2015 mussten zwischen 500 und 1000 Flüchtlingskinder in den Gemeinden in Regelklassen integriert werden. Eine Zahl, die laut Meier verkraftbar ist – bei rund 7000 Schulklassen im Kanton. Wenn sich die prognostizierten Asylzahlen des Bundes bewahrheiten, werden die Zürcher Schulen 2016 ähnlich viele Flüchtlingskinder zu integrieren haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2016, 08:25 Uhr

Artikel zum Thema

Vertrieben, allein, minderjährig

Immer mehr Flüchtlingskinder kommen ohne Erwachsene in die Schweiz. Der Druck, diese Minderjährigen kindergerecht unterzubringen, steigt. Jetzt reagieren die Kantone. Mehr...

Flüchtlingskinder ohne Begleitung fordern die Schulen

Der oberste Lehrer der Schweiz verlangt von Kantonen und Bund mehr Unterstützung. Mehr...

Vom Flüchtlingslager auf die Schulbank

Kanton Bern Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse, Teenager ohne Begleitung: Wie bereiten sich die Schulen auf minderjährige Asylsuchende vor? Die Beispiele Bern und Zürich. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Frauen suchen Männer für Sex!

Immer mehr junge Frauen registrieren sich auf der Webseite für flüchtige Begegnungen, um ungehemmt ihre wildesten Fantasien zu erfüllen.

Kommentare

Blogs

Geldblog Swatch Group haben derzeit kein Potenzial

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Trägt ein aufwändiges Kostüm: Ein maskierter Mann posiert bei einer Kundgebung des senegalesischen Präsidenten in Dakar für Fotografen. (21. Februar 2019)
(Bild: MICHELE CATTANI) Mehr...