Wie fit ist die Generation Handy?

Kinder von heute sind ungelenke Bewegungsmuffel – stimmt das wirklich? 600 Zürcher Kinder wurden getestet.

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Man hört die Klage immer wieder: Die Generation Handy sei unsportlich und koordinativ schwach. Lehrpersonen berichten, dass Buben und Mädchen nicht einmal mehr einen anständigen Purzelbaum hinbekämen. Im «Blick» warnte ein Pädagogikdozent: «Wenn den Kindern die Basiskompetenzen fehlen, hat das ernsthafte Konsequenzen.»

Doch steht es wirklich so schlimm um unsere Jugend? Eine, die genau das untersucht, ist Tanja Kakebeeke vom Kinderspital Zürich. Die Neurophysiologin hat mit ihrem Team im Rahmen einer Nationalfondsstudie mehr als 600 ganz normale Zürcher Kinder im Alter von 3 bis 18 Jahren auf ihre motorischen Fähigkeiten getestet. Aus den Resultaten haben die Forscher einen Normdatensatz erstellt, der Auskunft darüber gibt, was ein Kind in einem bestimmten Alter können sollte. Das dient als Grundlage, um Kinder abklären zu können, denen manche Bewegungen Mühe bereiten. Im Vergleich mit den Normdaten zeigt sich, ob und in welchem Bereich das betroffene Kind in seiner Entwicklung verzögert ist.

Besser, als man glaubt

Entwickelt wurde der Test vor 25 Jahren von Remo Largo, einem der bekanntesten Kinderärzte der Schweiz. Auch Largo erstellte damals einen solchen Normdatensatz. Vergleicht man nun diesen alten mit dem neuen Datensatz, zeigt sich, ob sich die motorischen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen verändert haben. Noch liegt keine detaillierte Auswertung vor. Was Tanja Kakebeeke aber bereits heute sagen kann: «So schlimm, wie man sagt, steht es nicht um unsere Kinder. Bei der Grobmotorik sind sie nicht schlechter geworden, und die Feinmotorik ist tendenziell sogar eher besser entwickelt.»

Manche Kinder können keinen Purzelbaum, weil ihnen nie jemand gezeigt hat, wie das geht. Fähig dazu wären sie.

Haben also all die Pädagoginnen und Pädagogen unrecht mit ihren Purzelbaum-Beobachtungen? Das glaubt Kakebeeke nicht. Sie sagt: «Es kann gut sein, dass viele Kinder keinen Purzelbaum mehr können. Wenn ihn dem Kind niemand zeigt, dann kann es ihn auch nicht lernen.» Es sei unbestritten, dass Kinder heute weniger draussen herumtollen, so die Forscherin, und dass sie deshalb möglicherweise auch weniger sportlich erscheinen.

Genau das aber haben die Forscher nicht getestet, erklärt die Neurophysiologin: «Wir wollten nicht erlernte Fertigkeiten testen, sondern wissen, wie gut die Nervenbahnen der Kinder entwickelt sind und wie gut sie ihre Gliedmassen kontrollieren können. Wir haben also nicht geprüft, was die Kinder können, sondern wozu sie fähig sind.»

«Wir haben sie gestresst»

Das zu ermitteln, ist gar nicht so einfach. Gefragt sind Bewegungsmuster, die man nicht lernen muss, die man aber im Alltag kaum anwendet. Als Beispiel nennt Kakebeeke das Fingerschnippen: «Dafür braucht es eine ganz spezifische Nervenbahn. Die hat man – oder man hat sie nicht. Trainieren kann man das nicht.» Je schneller ein Kind mit den Fingern schnippen kann, desto besser ausgereift ist die fragliche Nervenbahn.

Um möglichst aussagekräftige Daten zu erhalten, haben die Forscher ganze Schulklassen und Kita-Gruppen aus allen Stadtkreisen und allen sozialen Milieus getestet. «Wir haben die Kinder richtig gestresst», sagt Kakebeeke, «aber es hat den meisten Spass gemacht.» Vierzehn Aufgaben absolvierten die Mädchen und Buben. Sie mussten etwa zehn Dübel in ein Lochbrett stecken, fünf Perlen auffädeln, zehnmal von einem Stuhl aufstehen und absitzen, auf einem Bein balancieren oder abwechselnd mit Handrücken und Handfläche auf den Oberschenkel klopfen. Und das alles möglichst schnell beziehungsweise möglichst lang. Dabei filmten die Forscher ihre jungen Probanden. Denn nicht nur die Geschwindigkeit gibt Auskunft über die neurologische Fitness, sondern auch das, was ein Kind neben der eigentlichen Aufgabe tut.

Besonders spannend sind einhändige Aufgaben, sagt Kakebeeke: «Fast alle jüngeren Kinder bewegen die andere Hand mit. Die Intensität dieser Bewegungen ist ein Mass für die Reifung des Gehirns.» Die meisten Kinder sind mit der Zeit fähig, die zweite Hand ruhig zu halten – die schwächsten zehn Prozent aber machen noch mit 18 unwillkürliche Nebenbewegungen.

Bewegungserfahrung fehlt

So ausgeklügelt die Tests sind: Verzerrende Effekte können die Forscher nicht ganz ausschliessen. Beim Standweitsprung etwa schneiden sportliche, normalgewichtige Kinder naturgemäss besser ab. Trotzdem ist der Standweitsprung der beste Weg, die Schnellkraft zu ermitteln, erklärt Kakebeeke: «Für den Standweitsprung braucht der Mensch dieselbe Muskelkraft, wie um auf ein Stolpern zu reagieren. Wenn also ein Kind oft stolpert und stürzt, dann zeigt uns der Standweitsprung, ob dahinter eine Muskelschwäche steckt.»

Doch zurück zur Purzelbaum-Frage: Könnte man sagen, dass die Kinder ihre neurologischen Fähigkeiten nicht mehr im selben Mass nutzen? Kakebeeke kann darauf keine Antwort geben: «Das haben wir nicht untersucht.» Es gibt aber andere Untersuchungen, die Aufschluss geben. Zum einen die Resultate der sportmotorischen Tests aus Zürich und Winterthur. Zum anderen die Daten, welche die Armee jedes Jahr bei der Aushebung für die RS erhebt.

Der sportmotorische Test existiert seit dem Jahr 2005. Jedes Jahr müssen ihn alle Erstklässler in Zürich und Winterthur absolvieren. Der Test besteht aus Standweitsprung, Sprint über 20 Meter, einem Pendellauf, seitlichen Hüpfern über eine Latte sowie einer Übung, bei der die Kinder mit der dominanten Hand abwechselnd auf zwei Kreise klopfen müssen.

Die Resultate der letzten dreizehn Jahre zeigen kaum grosse Veränderungen, sagt Franziska Joss vom Stadtzürcher Sportamt: «Es gibt zwar von Jahr zu Jahr Schwankungen, aber in den meisten Bereichen sind die Leistungen stabil.» Allerdings: Koordinativ seien die Kleinen leicht schlechter geworden – die Purzelbaum-Beobachtung sei also nicht von der Hand zu weisen, so Joss. «Da fehlt manchen Kindern wohl die Bewegungserfahrung.»

Etwas anders sieht das Bild aus, wenn man längere Datenreihen zurate zieht. Solche existieren zwar nicht für Schulkinder, wohl aber für 17- bis 19-jährige Männer: Die Armee testet seit Jahrzehnten deren Fitness an der Aushebung. Und diese Daten zeigen durchaus eine negative Veränderung. Zwischen 1980 und 2000 nahm die Ausdauer der Stellungspflichtigen um rund vier Prozent ab, während Sprungkraft und Schnelligkeit auf demselben Niveau blieben. Ein Befund, den wissenschaftliche Untersuchungen für ganz Nordeuropa bestätigen: In jenen zwei Jahrzehnten sank die Ausdauer der jungen Männer. Inzwischen ist eine leichte Verbesserung festzustellen. Die Ausdauerleistung habe sich stabilisiert, das Bewegungsverhalten verbessert, sagt Kurt Henauer vom Bundesamt für Sport.

Die Sache mit dem Gewicht

Gut möglich, dass dies den zahlreichen Präventionsbemühungen zu verdanken ist. Das jedenfalls vermuten die Fachleute, welche die Testresultate analysieren. Eines aber macht ihnen nach wie vor Sorgen: das Übergewicht vieler Kinder und Jugendlicher. Zwar hat sich die Zahl der zu dicken Kinder und Jugendlichen auf hohem Niveau stabilisiert, aber eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Einer von sechs Erstklässlern ist klar zu schwer, bei den Stellungspflichtigen ist es sogar jeder Vierte. Auf beiden Alters- stufen ist etwa ein Viertel der Übergewichtigen fettleibig.

Das hat Auswirkungen. Übergewichtige Kinder schneiden nicht nur beim Springen und Laufen schlechter ab, sondern tendenziell auch bei der Geschicklichkeit. Und die Schere geht im Verlauf der Kindheit immer weiter auf. Denn ausgerechnet übergewichtige Kinder legen bis ins Erwachsenenalter am meisten Gewicht zu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 23:24 Uhr

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