«Es gibt keine gute Gewalt»

Die Relativierung von Gewalt sei typisch für verwöhnte Länder wie die Schweiz, sagt Sicherheitsberater Thomas Kessler.

Aufstand gegen die Polizei – Ausschreitungen am 1. Mai in der Langstrasse. Foto: Pascal Mora (Keystone)

Aufstand gegen die Polizei – Ausschreitungen am 1. Mai in der Langstrasse. Foto: Pascal Mora (Keystone)

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Herr Kessler, Frauen werden zusammengeschlagen, Polizisten angegriffen, Fussballfans verfolgen und verprügeln sich. Ist das die neue Jugendrebellion?
Nein. Die heutige Jugend ist in allen Punkten pragmatischer und vernünftiger als noch vor 30 Jahren. Das Jugendbarometer zeigt, dass die Hauptsorge unserer Jugendlichen die Alters­vorsorge ist. Die Polizei hat von allen Institutionen die höchste Akzeptanz, danach kommen ­Justiz und Bundesrat. Auch die Jugendgewalt ist abnehmend. Die jüngsten Angriffe auf Polizei und mit Brachialgewalt auf gegnerische Fussballfans sind da wie ein Gegenpol zum Gesamttrend. Es pervertiert das, was im Grossen gut läuft.

Das heisst?
Die Quantität der Gewalt nimmt zwar ab, aber die Brutalität im Einzelfall nimmt zu. Die Delikte sind gravierend. Es geht um eine Selbsterhöhung auf Kosten von Dritten und Schwächeren, ein höchst asoziales Verhalten, und dies in einer maximalen Wohlstandssituation. Soziologen sprechen von einer Sinnentleerung. Die gewaltsuchenden Jugendlichen sind unterfordert.

Unterforderung? In der Schule ist wohl das Gegenteil der Fall.
Die Jugend ist mehr als nur Schule. Genf hat jüngst entschieden, die Schulpflicht bis auf 18 Jahre zu erhöhen. Das verlängert aber nur den Schonraum, besser wäre, früher Erfahrungen zu sammeln mit Schul- und Lehrpraxis in der Fremde und Mitverantwortung in Politik und Gesellschaft ab 16. Bubentum muss früh ausgelebt werden, das Nichtzulassen von Balgereien, die breite Verschreibung von Ritalin unterlaufen die natürliche Entwicklung. Bei Einzelnen führt das zu unkontrollierten Überkompensationen in Form von Infantilitäten und asozialem Verhalten.


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Hätten Sie ein Mandat von der Stadt Zürich: Wie würden Sie vorgehen?
Bei komplexen Herausforderungen geht es stets um die Kohärenz, dass alle Akteure und alle Massnahmen in sich stimmig sind und rasch wirken. Die jüngsten Angriffe auf die Polizei kamen überraschend, die Angriffe auf Frauen waren von johlenden Gaffern begleitetet. Die Zürcher Blaulichtorganisationen werden ihr Informationssystem und die Einsatzdoktrin rasch anpassen. Aber ihre Massnahmen können nur wirken, wenn der Rechtsstaat von der gesamten Politik verteidigt wird.

Machen Sie es sich nicht zu einfach? Es braucht doch genauso Kooperation und Feingefühl.
Gespräche und Reflexion setzen voraus, dass der Staat ernst genommen und das Gesamtsystem respektiert wird. Denn wieso sollte ein Extrem-Fan sonst mit einem Sozialarbeiter reden? Da säuft er lieber noch ein Bierchen. Ab dem Moment, in dem es akzeptabel wird, sich über den Rechtsstaat zu stellen, haben wir Faustrecht.

Viele Politiker wollen mehr Repression.
Es braucht keine neuen Gesetze, entscheidend ist die Schnelligkeit der Sanktion und dass sie konsequent durchgesetzt wird. Für Gewalt gegen Beamte kann es bis zu drei Jahre Gefängnis ­geben. Das sollte reichen.

Der Genfer Regierungsrat Maudet hat gar dafür plädiert, V-Männer in Fanszenen einzuschleusen. Wird da nicht der Rechtsstaat ausgehöhlt?
Die Einschleusung von Agenten ist hochkompliziert und hier auch nicht das zielführende Mittel. Wichtig wäre vielmehr, dass die Verhöhnung der Opfer und die stille Sympathie für die Täter sofort aufhören.

«Man muss diesen sogenannten Fans konsequent die Sympathien entziehen.»

Wie korrigiert man das?
Die politischen Parteien, die Medien, die Gesellschaft müssen Position beziehen: Wie stehen wir einerseits zum Rechtsstaat und andererseits zur Gewalt von jungen Männergruppen gegen körperlich Schwächere? Das Faustrecht geht stets gegen Schwächere und schliesslich gegen Minderheiten. Und es ist egal, ob man die Gewalt braun oder rot lackiert – sie ist im Kern faschistisch.

Kann man denn die verschiedenen Formen von Gewalt in eine Schublade stecken? Gewalt gegen die Polizei. Gewalt gegen Frauen. Gewalt gegen andere Fussballfans.
Was allen diesen Gewaltphänomenen gemein ist, ist ihre künstliche Legitimierung über den Ehrbegriff. Bei den gewalttätigen Fussballfans geht es um die Clubehre, bei den Prüglern in Genf geht es um die männliche Ehre. Ehre kann auch etwas ­Positives sein, wenn sie der Selbst­regulierung solcher Kollektive dient. Dient sie hingegen der heuchlerischen Selbstüberhöhung, wenn es heisst «Ich verteidige die Ehre, darum darf ich Gewalt ausüben gegen freizügig gekleidete Frauen», dann ist das eine pervertierte Form, wie man sie aus den Machokulturen kennt und die man auch so benennen muss.

Besteht der Reiz nicht auch darin, Teil einer Subkultur zu sein und sich als Outlaw geben zu können, etwa bei den Ausschreitungen vor der Reitschule?
Das ist so und hier im Land mit dem weltweit höchsten Wohlstandsniveau auch praktisch ohne Risiko. Man sieht das ja auch an den Reaktionen. Je nach Medium gibt es auch relativierende Kommentare zur Gewalt. Das ist typisch für verwöhnte Länder, die nicht wissen, wozu das führt, wenn man den Rechtsstaat unterhöhlt.

Sie meinen, dass Politiker ihren extremen Lagern zu viel Verständnis entgegenbringen?
Gucken Sie sich mal an, was passiert ist, nachdem der Winterthurer Sozialvorsteher Nicolas Gallade (SP) aus Winterthur militante Antifa-Fangruppen kritisiert hat: Riesenempörung, weil er es gewagt hat, die Bemäntelung mit links oder rechts auf­zuheben. Aber er hat recht. Das Spiel mit der Relativierung, je nach Ideologie, die man unterlegt, sei das links, rechts, religiös, moralisch oder ökologisch, ist fatal. Es gibt keine gute Gewalt.

Die Clubs distanzieren sich nach jedem Vorfall von Gewalt – reicht das?
Nein. Man muss diesen sogenannten Fans konsequent die Sympathien entziehen. Schauen wir uns doch mal an, was sich da alles schon eingeschlichen hat: Notbremsen ziehen in den Zügen, da zeigte man sich aus ökonomischen Gründen sehr lange tolerant, nach dem Motto: Hauptsache, die gehen wieder. Oder es herrscht eine stille Kumpanei, weil man zufälligerweise weiss, dass der Sohn vom Kollegen Politiker auch dabei ist.

Sagen Sie das einfach, oder wissen Sie das?
(lacht) Das ist zum Teil ja sogar öffentlich!

Wir haben Gesetze, die Polizei ist ausgerüstet, es herrscht gesellschaftlicher und politischer Konsens: Was gibt denn letztlich den Ausschlag, dass sich wirklich etwas verändert? Sind es Personen, muss es Tote geben?
Der Vorteil der Schweiz ist ihre Überschaubarkeit und dass sich die Exekutivpersonen aus Bern, Zürich, Genf kennen. In einem freiwilligen Verbund können lokale Sicherheitsbehörden schnell reagieren und eine gemeinsame Taskforce stellen. Und zwar nicht nur, was Gewaltphänomene betrifft. Auf kantonaler und Bundesebene gibt es solche Gefässe ja bereits für Jihadismus, Hooliganismus, Radikalismus. Es ist bloss eine Frage, wie viel Energie man investieren will.

Erstellt: 04.09.2018, 10:21 Uhr

Thomas Kessler

Der ehemalige Basler Integrationsbeauftragte berät in- und ausländische Behörden in Sicherheitsfragen.

Gewalt von jungen Männern

In den vergangenen Wochen ist es in Zürich und anderen Schweizer Städten mehrfach zu Gewalteskalationen gekommen. So griffen an der Zürcher Seepromenade Männer, die teilweise FCZ-Shirts trugen, Polizisten an, in Genf wurden mehrere Frauen verprügelt, und am vergangenen Wochenende gab es bei der Berner Reitschule Scharmützel. Obschon die Jugendkriminalität zurückgeht, werden die Exzesse gravierender. Und obschon Politik und Behörden schnell dabei sind, die Gewalt zu verurteilen, scheinen sie einfach kein Rezept dagegen zu finden. Dabei hätten sie die nötigen Mittel. (mcb/czu)

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