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Die grosse Apfelschwemme

Trotz Hitze und Trockenheit sind die Apfelbäume voller Früchte. Die Obstbaufläche im Kanton Zürich ist zwar klein, dafür gibt es eine grosse Sortenvielfalt.

Auf Eugen Ofner wartet viel Arbeit: «Normalerweise ernte ich eine Tonne Äpfel, dieses Jahr dürfte es das Doppelte, wenn nicht das Dreifache sein.» Foto: Fabienne Andreoli
Auf Eugen Ofner wartet viel Arbeit: «Normalerweise ernte ich eine Tonne Äpfel, dieses Jahr dürfte es das Doppelte, wenn nicht das Dreifache sein.» Foto: Fabienne Andreoli

Die Apfelbauern dürfen sich nach der katastrophalen letzten Obstsaison auf ein sehr gutes Jahr 2018 freuen. Die Bäume tragen Äpfel wie schon lange nicht mehr. Der Schweizer Obstverband rechnet mit einer ausserordentlichen Ernte: Er erwartet, dass die Obstbauern landesweit 168'000 Tonnen Tafeläpfel ernten werden, 30 Prozent mehr als im langjährigen Schnitt. Bei den Mostäpfeln schätzen die Experten die Ernte auf 117'000 Tonnen, das sind fast 85 Prozent mehr als im Schnitt der letzten Jahre. Und dabei wird das Jahr 2017 für den Schnitt nicht einmal einberechnet. Damit sind die Schweizer Bauern nicht alleine. Deutschland rechnet mit einer Apfel­ernte, die 66 Prozent grösser ist, Italien sagt einen Zuwachs von 29 Prozent voraus.

Die überdurchschnittliche Ernte ist für die Obstbauern wichtig, denn im letzten Jahr fiel ihre Apfelernte verheerend aus. Die frostigen Nächte im April hatten beim Kernobst eine durchschnittliche Ernteeinbusse von 35 bis 40 Prozent zur Folge. Teilweise konnten Bauern kaum mehr etwas von ihren Bäumen lesen.

Die allerersten Äpfel haben die Bauern bereits vor über einem Monat auf den Markt gebracht, den Klara-Apfel zum Beispiel gab es allerdings nur für kurze Zeit. Er ist, wie alle Frühsorten, nicht lagerbar. Unterdessen sind bekanntere Sorten wie der Gravensteiner im Angebot. In den nächsten Tagen sind die ersten Gala-Äpfel reif. Sie sind die beliebteste Sorte in der Schweiz. Auf fast einem Viertel der ­lan­desweiten Apfelanbaufläche von 3850 Hektaren werden Gala gezogen.

Mit dem Pflücken nicht mehr nachgekommen

Auch Zürcher Obstbauern können sich auf eine reiche Ernte freuen. Teils bringt die Apfelschwemme aber auch Probleme mit sich. Der Stadtzürcher Eugen Ofner zum Beispiel hat seine kleine, nur zwei Aren grosse Obstanlage am vergangenen Wochenende für seine Kunden geöffnet. Dutzende von Personen streiften durch den Obstgarten gleich unterhalb des Elefantenwegs in Zürich und pflückten ­Äpfel von den Bäumen oder hoben sie vom Boden auf. Eugen Ofner setzt vor allem auf seltene Pro-Specie-Rara-Sorten wie beispielsweise den Spartan, der mit seiner fast violetten Farbe besonders auffällt.

Ofner selber war in den Tagen zuvor mit dem Pflücken nicht mehr nachgekommen, so gut war sein Kernobst gewachsen. Darum hat er die ungewöhnliche ­Aktion durchgeführt. Trotz der Hitze und der Trockenheit sind seine Äpfel gut gewachsen. «In einer normalen Saison ernte ich vielleicht eine Tonne Äpfel, dieses Jahr dürfte es das Doppelte, wenn nicht das Dreifache sein.»

Es ist die beste Ernte in den 16 Jahren, in denen er das Stück Land bewirtschaftet. Und das ganz ohne Dünger oder künstliche Bewässerung. Die gute Ernte ist quasi die Entschädigung für das Vorjahr: Der Frost im Frühjahr 2017 hatte seinen Obstbäumen arg zugesetzt – Ofner konnte etwa 20 Prozent eines durchschnittlichen Jahr ernten.

Mit der Schere

Erste Resultate der riesigen Apfelernte sieht der Kunde in diesen Tagen auch bei den Grossverteilern. Coop hat Frühsorten wie Summerred oder Galmac ins Angebot aufgenommen. Der beliebte Gala allerdings stammt immer noch aus Chile. Und Anfang der Woche hatte der Grossverteiler im schmalen Apfelangebot noch den Braeburn oder die Pink Lady aus Chile und Neuseeland geführt. Das waren Nachwirkungen des grossen Frostes vom Frühling 2017: Die Lagerhallen in der Schweiz waren nach der miserablen Ernte rasch leer. Bereits im ersten Quartal 2018 musste die Schweiz rund 7000 Tonnen Äpfel importieren – zuerst vor allem aus Italien und Deutschland.

Wie Kleinbauer Eugen Ofner musste auch Kurt Bräm auf seinem Hof in Dietikon im aktuellen Apfeljahr dafür sorgen, dass die Bäume nicht zu viele Äpfel produzierten. Er hat die Bäume ausgedünnt, also einen Teil der unreifen Früchte von den Ästen entfernt. «Wir mussten fast 50 Prozent mit der Schere rausschneiden», sagt der Landwirt, der nach dem Standard der integrierten Produktion (IP) anbaut. «Wenn wir alle Äpfel an den Bäumen gelassen hätten, hätten wir nicht die Qualität, die Grösse und die Farbe der Äpfel erreicht, die wir wollen und benötigen.» Die Bäume haben auf das Vorjahr reagiert, als sie kaum Früchte getragen haben, quasi als Kompensation. Hatte Bräm vor einem Jahr 10 bis 15 Prozent einer durchschnittlichen Apfelernte, rechnet er dieses Jahr auch nach der Ausdünnaktion mit rund 20 Prozent mehr als im Schnitt der letzten Jahre.

Die trockenen Wochen haben Bräm zudem mehr Arbeit verursacht. Seit einem Monat musste er regelmässig die Bäume bewässern. Mit Ausnahme des Hitzesommers 2003 war das sonst nie nötig gewesen. Und damals auch nur ein- oder zweimal. «Wir haben das Glück, dass unsere Plantage auf sehr lehmigem Boden steht, der viel Wasser speichert. Doch diesen Sommer hat es nicht mehr gereicht.»

Äpfel fallen schneller

Bio-Bauer Martin Brändli in Meilen ist mit einem weiteren Phänomen konfrontiert. «Die Äpfel fallen diesen Sommer viel schneller vom Baum», sagt er. Den Grund dafür sieht er in der Trockenheit. «Die Sollbruchstelle am Stiel ist viel dünner und lässt damit schneller nach.» Ähnliches hat er im Hitzesommer 2003 festgestellt.

So unterschiedlich die drei Obstbauern sind, eines ist ihnen gemeinsam: Sie ziehen auf ihren Höfen viele verschiedene Sorten Apfelbäume. Bei Bräm sind es 28 Sorten, Ofner und Brändli zählen je über 60 Sorten.

Das sei eine spezielle Eigenheit der Obstbauern im Kanton Zürich, sagt David Szalatnay von der Fachstelle Obst im Strickhof in Winterthur-Wülflingen, dem Kompetenzzentrum für Bildung und Dienstleistung in Land- und Ernährungswissenschaft des Kantons Zürich.

Nur auf 164 Hektaren werden Äpfel angebaut

Im Vergleich zum Kanton Thurgau, der im Volksmund auch Mostindien genannt wird, ist die Obstbaufläche in Kanton Zürich klar kleiner. Im Thurgau werden auf 1170 Hektaren Äpfel angebaut, im Kanton Zürich nur auf 164. Die Landwirte im Thurgauischen produzieren aber vornehmlich für den Grosshandel. Und der wiederum ist nur an wenigen, aber bei Kunden beliebten Sorten interessiert.

Im urbanen Kanton Zürich dagegen können die Obstbauern auf den Direktverkauf setzen. Die Wege zu den städtischen Märkten sind kurz, in der Agglomeration kaufen die Leute gerne direkt beim Bauern ein. Und die Konsumenten freuen sich, verschiedenste Sorten auszuprobieren. Bräm bietet seine Äpfel, aber auch Gemüse, Fleisch und Milchprodukte in seinem Hofladen, anderen Hofläden in der Nähe und lokalen Volg-Filialen an. Brändli fährt zweimal pro Woche auf den Markt auf dem Bürkliplatz mitten in der Stadt Zürich. Ofner verkauft seine Früchte derweil über kleine Läden und am Obstsortenmarkt im Botanischen Garten Ende Oktober.

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