Die grosse Hitze zum Schluss

Am Mittwoch endet der meteorologische Sommer 2016. Er war durchschnittlich, sagen die Meteorologen. Für die Bauern war es jedoch eine Saison zum Abwinken.

Kein Balkon zu klein, eine Sommeroase zu sein. Foto: Thomas Egli

Kein Balkon zu klein, eine Sommeroase zu sein. Foto: Thomas Egli

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Das Dörflifest im Wagerenhof in Uster, das Klangkino auf einem Bauernhof in Dürnten, die Fledermausexkursion zum Husemersee in Ossingen, das Räbhüsli-Fäscht in Kleinandelfingen, das Ragnarök-Spektakel in Bülach, das Charity-Grümpelturnier in Neerach, das Kamelfest in Oberglatt, das Zürcher Unterländer Wyberschiessen in Dällikon, das Zürcher Oberländer Frisbee-Turnier in Rüti: Sie alle, und noch viele mehr, hatten sich für ihre Veranstaltung das vergangene Wochenende ausgesucht – eines der sonnigsten und heissesten dieses Sommers. Gut, das 26. Frisbee-Turnier musste zwar mangels Anmeldungen abgesagt werden; für die Angefressenen gabs aber wenigstens am Sonntagnachmittag ein Ersatzprogramm. Das Motto passte zum Wochenende: «Run for fun in the sun.»

Das letzte Wochenende dieses (meteorologischen) Sommers, der am 1. September endet, gab noch einmal richtig Gas. Meteo Schweiz registrierte bemerkenswerte Temperaturen. So wurde beispielsweise bei der Messstation Zürich-Fluntern am Freitag ein Spitzenwert von 31,4 Grad gemessen. Verglichen mit früheren Jahren war es der sechsthöchste Wert für einen 26. August seit Beginn der Messaufzeichnungen im Jahr 1881. Seit 1959 wird am Flughafen gemessen: Der Freitagsspitzenwert von 32,4 Grad wurde erst dreimal übertroffen. Das gilt auch für die Station Affoltern, seit 1978 in Betrieb, mit 32,6 Grad.

Die letzten Tage, wie auch die extreme Hitzewoche Anfang Juli, sind allerdings nicht der Gradmesser für den Sommer 2016. Zu gut erinnert man sich an dessen trüben und regnerischen Beginn mit kühlen Temperaturen. Ein schlechter Sommer also? Die Erinnerung täuscht. In Zürich gab es diesen Sommer 38 Regentage, und das war durchaus normal: Der Durchschnitt in den Jahren 1981 bis 2010 liegt bei 36. Aussergewöhnlich waren hingegen die Regenmengen: In den drei Sommermonaten fielen 488 Millimeter, was 132 Prozent der durchschnittlichen Regenmenge entspricht, wie Stephan Bader von Meteo Schweiz ausgerechnet hat.

Rückgang bei Sommerbädern

Bader spricht von einem durchschnittlichen Sommer, der vielleicht als schlecht empfunden werde, weil er mit dem Hitzesommer 2015 verglichen werde, dem zweitwärmsten Sommer seit 1864. So gab es im letzten Jahr 26 Tage mit Temperaturen von 30 Grad und mehr (Hitzetage) und 779 Stunden Sonnenschein. In diesem Sommer werden es acht Hitzetage mit etwa 640 Stunden Sonnenschein sein.

Kein Wunder, registrierten die 16 Stadtzürcher Sommerbäder 2015 mit 1'681'604 Gästen einen Besucherrekord. Dieses Jahr lag man am Stichtag 21. August rund 500'000 Eintritte hinter dem Rekordergebnis zurück. «Wir sind halt vom Wetter abhängig», sagt Manuela Schläpfer, Sprecherin des Sportamtes. In der Tat: Nach der Hitzewoche Anfang Juli waren am folgenden Wochenende 110'236 Gäste registriert worden. In der überwiegend trüben und regnerischen ersten Juni-Hälfte fanden demgegenüber an den drei Wochenenden vom 4. bis 19. Juni total nur 6596 Personen den Weg in die öffentlichen Bäder.

Die Wetterabhängigkeit zeigte sich exemplarisch auch an den vergangenen zwei Wochenenden. Am 20./21. August registrierte das Strandbad Tiefenbrunnen 353 Besucherinnen und Besucher, an diesem Wochenende werden es 11 000 bis 12 000 Personen sein. Auch im Freibad Letzigraben rechnet Leiterin Kristina von Holt mit einem «Spitzenwochenende». Es könnte das bisherige Rekordwochenende vom 9./10. Juli mit 11'539 Personen erreichen oder sogar übertreffen.

«Schwarzschwimmer»

Von einem Rekord würden wohl auch die Organisatoren des 52. Limmatschwimmens berichten, wenn sie denn dürften. Aber die Polizei erlaubt aus Sicherheitsgründen nicht mehr als 4500 Teilnehmende, was auch dieses Jahr problemlos erreicht wurde. Die Folgen sind für die Veranstalter nicht nur erfreulich: Die Tickets – es hätten wahrscheinlich doppelt so viele abgesetzt werden können – waren innerhalb von acht Minuten verkauft, was einige böse E-Mails nach sich zog. Im Internet wurden in der Folge Tickets teilweise für den sechsfachen Preis angeboten. Und es dürften einige, die weder das eine Ticket kaufen konnten noch das andere Ticket kaufen wollten, am Samstag trotzdem in die Limmat gesprungen sein. Die Rede ist von 500 bis 1000 «Schwarzschwimmern».

Bei perfekten Bedingungen – 30 Grad die Luft, 24 Grad das Wasser – legten Marcel Schwarz in 20:30 Minuten und Aedin Nic Chonchradha in 26:05 Minuten die 2000 Meter lange Strecke zwischen der Frauenbadi und dem Oberen Letten am schnellsten zurück. Die im Vergleich zum Vorjahr um vier Minuten schnellere Männerzeit ist vor allem auf die deutlich höhere Abflussmenge von 85 Kubikmetern Wasser pro Sekunde zurück­zuführen.

Für die Pflanzen viel zu nass

Wasser ist in diesem Sommer ein Stichwort, das nicht überall gerne gehört wird. Dass der Sommer in seiner zweiten Hälfte seinem Namen eher gerecht wurde, half den Zürcher Bauern ­nämlich nicht viel. Denn für die Getreide-, ­Gemüse-, Beeren- und Kartoffelproduzenten sind der Mai und der Juni die ­entscheidenden Monate, weil sie den grössten Einfluss haben auf Ertrag und Qualität ihrer Produkte. Während die Bauern im vergangenen Jahr buchstäblich auf dem Trockenen sassen, waren heuer die für den Pflanzenbau entscheidenden Monate «extrem regelmässig ausgesprochen nass», wie Andreas Rüsch feststellt.

Der Pflanzenbau-Experte und Fachstellen-Leiter im kantonalen Kompetenzzentrum Strickhof in Lindau machte in diesem Sommer Erfahrungen, die auch für ihn neu waren. So gab es beispielsweise Getreidefelder, die im Extremfall nur noch dreissig Prozent des Ertrages eines normalen Jahres lieferten. Letztmals sei Vergleichbares in den 80er-Jahren beobachtet worden. Auch die Qualität litt: Das sogenannte Hektolitergewicht, ein Qualitätsmass für den Energiewert des Korns, sei «extrem schlecht» – gerade auch beim Brotweizen, der wichtigsten Getreidekultur im Kanton Zürich.

Die Gemüse- und Beerenproduzenten hatten laut Rüsch «laufend mit Schwierigkeiten zu kämpfen». Entweder konnte man das Gemüse gar nicht setzen, oder es war verdreckt, von Schnecken oder Pilzen geschädigt. Dies führte zu Mehraufwand und Qualitätsausfällen. Den Früchten setzte insbesondere die Fäulnis zu. «Nasse Jahre sind in der Landwirtschaft halt tendenziell schlechte Jahre», sagt Rüsch.

Und die Kartoffel? Genaue Ergebnisse werden im Laufe dieser Woche bekannt, wenn die Auswertung der Proben von 1000 Parzellen schweizweit vorliegt. Es gab aber einen «extremen Befallsdruck an Kraut- und Knollenfäule», wie Andreas Rüsch einen ersten Eindruck zusammenfasst. Teilweise seien ganze Felder verfault. Verglichen mit dem Rest der Schweiz, komme der Kanton Zürich noch «mit einem tiefblauen Auge» davon. Bereits jetzt stehe aber fest, dass die diesjährige Kartoffelernte nicht ausreiche, um den Kartoffelbedarf der Schweiz zu decken. Die Differenz muss mit Importen ausgeglichen werden.

Gute Aussichten

Wer vom Wetter der letzten Tage noch mehr möchte, hat gute Perspektiven: Die Fachleute erwarten auch in der laufenden Woche Temperaturen nahe der 30-Grad-Grenze. Und überhaupt: Der Sommer 2016, der astronomische, endet erst am 23. September mit der zweiten Tagundnachtgleiche.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2016, 23:06 Uhr

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