Die Höhlenbewohner vom Rhein

In der Nähe von Flaach gab es bis ins 20. Jahrhundert Wohnungen im Hang, in denen Arme lebten. Die Bauten sind inzwischen weg, aber die Höhlen gibt es noch.

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Der Pfad ist steil und kaum zu sehen. Es geht über umgestürzte Baumstämme, immer wieder schlägt dem Wanderer Gestrüpp ins Gesicht. Doch Willi Müller führt zielstrebig und behände durch den Wald bei Rüdlingen, einem Dorf zwischen Flaach und Eglisau. «Früher gab es da mal einen Wanderweg», sagt der 72-Jährige, «aber der wurde vor einigen Jahren aufgehoben, die Landbesitzer wollten ihn nicht mehr.» Also gibt es jetzt nur noch den fast zugewachsenen Trampelpfad, auf dem man mit einiger Mühe zu dem Steilhang hoch über dem Rhein gelangt.

Und dort sind sie: zwei Höhlen in einer Sandsteinwand. «Meine Grossmutter ist hier in einer Höhlenwohnung bei ihrer Grossmutter aufgewachsen», berichtet Willi Müller. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Seine Grossmutter habe erst im hohen Alter von dem ungewöhnlichen Wohnort gesprochen, «und auch dann nur ungern», wie Müller sagt. Später allerdings, kurz vor ihrem Tod, habe sie des Öfteren erklärt, sie wolle nochmals «zurück in die Höhle». Leider sei sie damals gesundheitlich bereits nicht mehr dazu in der Lage gewesen.

Taglöhner und Korbflechter

«Der Hauptgrund, warum Menschen ­damals Wohnungen in die steilen Hänge bauten, war die Armut», sagt Müller. Der gelernte Maschinentechniker und Hobby-Familienforscher hat viel über Rüdlingen geforscht. Er verweist auf einen Bericht des Volkskundlers Alfred Keller (1882–1961), wonach die Rüdlinger Höhlenwohnungen bis ins 20. Jahrhundert hinein von Korbflechtern und Taglöhnern bewohnt waren. Diese hatten die Bauplätze gratis zur Verfügung. Die geologischen und topografischen Verhältnisse waren günstig, weil die Räume ohne grossen Aufwand in die Steilwand gegraben und mit einem Schrägdach abgeschirmt werden konnten. Laut Keller existierten an dem ­steilen Hang bei Rüdlingen mehrere Höhlenwohnungen, von denen einige im Verlauf der Zeit zu kleineren Häusern ausgebaut wurden. Andere wurden hingegen abgebrochen.

Auch die Rüdlinger Journalistin Karin Lüthi hat zu den Höhlenwohnungen geforscht. Sie bringt deren Entstehung Mitte des 19. Jahrhunderts mit der damals herrschenden Not in Verbindung. Diese war die Folge mehrerer Jahre mit Missernten und der verheerenden Kartoffelkrankheit. Hinzu kam, dass der medizinische Fortschritt die Säuglingssterblichkeit senkte, was die Bevölkerungszahl in die Höhe schnellen liess.

«Wie Schwalbennester am Hang»

«Sie klebten wie Schwalbennester am Hang; das Innere war einfach, strahlte aber mit den aus Ziegeln gebauten Öfen eine gemütliche Wärme aus», heisst es im Buch «Bauernhäuser des Kantons Schaffhausen». Gemeindebehörden und Kantonsregierung hätten die Höhlenwohnungen allerdings vorab als Ärgernis und Schandfleck empfunden.

«Hinter einer schmalen, wenig tiefen Hausfront, teilweise im Berg drin, im Sandstein, wo auch die Küche war, gackerten ein paar Hühner und meckerte eine Geiss», schreibt der frühere Schaffhauser Forstmeister Arthur Uehlinger (1896–1983) über die Verhältnisse in einer Rüdlinger Höhlenwohnung. Er war als Bub von seinem Grossvater und damaligem Waiseninspektor auf einen Besuch zum sogenannten Chuttelichuerets mitgenommen worden – «damit ich sah, wie einfach und ärmlich bei uns, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Leute noch leben und hausen konnten». Aber sein Grossvater hatte sich verrechnet: «Ich meinte, hier würde es mir auch gefallen», schreibt Uehlinger.

1919 verliessen die letzten Bewohner die Behausungen, darunter auch Müllers Grossmutter. Die Vorbauten verfielen. Später sollen sich hin und wieder dubiose Gestalten in den Höhlen aufgehalten haben, wie Müller berichtet. Einmal hiess es, ein berüchtigter Ein- und Ausbrecher, der aus einem Zürcher Gefängnis entflohen war, habe dort Unterschlupf gesucht. Bäuerinnen sollen sich darauf nicht mehr in die Reben unterhalb der Höhlen getraut haben. Als der Landjäger in der angeblichen Räuberhütte nachsah, fand er allerdings nichts.

Heute deutet kaum mehr etwas auf die früheren Wohnungen hin. Von den Schrägdächern ist nichts mehr zu sehen, womöglich sind sie von einer der häufigen Hangrutschungen zugeschüttet worden. Zwar glaubt man, an der Höhlen­decke noch Russspuren zu erkennen, doch gesichert ist das genauso wenig wie die Herkunft der in die Wände geritzten Zeichen und Buchstaben. Sie könnten von Bewohnern stammen oder erst viel später angebracht worden sein, etwa von verliebten Jugendlichen. Einen auffälligen Kontrast bildet ein roter Apparat in der Höhle: Die ETH Zürich hat ihn vor einigen Jahren installiert, um seismische Messungen durchzuführen.

Das Problem mit dem Wegrecht

Willi Müller würde es begrüssen, wenn die kulturgeschichtlich interessanten Höhlen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht würden. «Man könnte etwa den Platz davor ausebnen, einen Apéroplatz einrichten und eine Infotafel aufstellen.» Dazu wird es allerdings kaum kommen. «Uns sind die Hände ­gebunden», sagt Mäggie Schefer, langjährige Gemeindeschreiberin von Rüdlingen. Die Gemeinde könne die Höhlen nicht erschliessen, weil bestehende Wegrechte dies verunmöglichten.

Zwar gehört das Grundstück mit den Höhlen der Gemeinde, aber es ist ein gefangenes Stück Land inmitten von Privatgrundstücken und ohne direkten Zugang zu einem Weg. «Das Begehungsrecht gilt nur für den Eigentümer, nicht für die Öffentlichkeit», sagt Schefer. Zwar habe die Gemeinde vor wenigen Jahren den ­alten Wanderweg mit seinem Zugang zu den Höhlen wieder instand setzen wollen. Doch ein betroffener Grundeigentümer habe gegen den Ausbau erfolgreich rekurriert. Zur Publikumsattraktion dürften die Höhlen demnach nicht werden. Immerhin: Zwei ebenfalls eng an den Hang gebaute Wohnhäuser ganz in der Nähe erinnern zumindest entfernt an die schwierigen Lebensverhältnisse der Höhlenbewohner vom Rhein. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2017, 00:01 Uhr)

Wohnen in der Höhle

Vom Schandfleck zur Attraktion

Höhlenwohnungen gibt es in verschiedenen Gegenden der Welt. So etwa in Kappadokien in der Türkei, im spanischen Guadix oder im deutschen Langenstein. Als besondere Zeugen früherer Wohnkultur gelten die Felsenwohnungen («Cliff dwellings») der Anasazi-Indianer im Mesa-Verde-Nationalpark im US-Bundesstaat Colorado. Bemerkenswert ist auch die Geschichte der Höhlenwohnungen («Sassi») im süditalienischen Matera, die seit 1993 zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Bis Ende der 1940er-Jahre lebten rund 15 000 Menschen in den Höhlensiedlungen. Wegen der prekären hygienischen Zustände galten sie vielerorts als Schandfleck. 1952 erliess die italienische Regierung ein Gesetz, das dem Leben in den Sassi ein Ende setzte. Sie wurden geräumt, die Bewohner in neue Wohnblocks umgesiedelt. In der Schweiz gibt es in Krauchthal BE Höhlen­wohnungen, die im Verlauf der Jahre aus­gebaut wurden und bis heute bewohnt sind. Sie wurden gar mit einem Schräglift für Transporte vom Tal erschlossen. Im Kanton Zürich hat die Täuferhöhle bei Bäretswil einige Bekanntheit erlangt. Sie wurde im
16. Jahrhundert von Anhängern der Täuferbewegung bewohnt, die nach der Reformation darin Schutz suchten. (mth)

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