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Die Hölle hinter der perfekten Fassade

Adriana Schmid wuchs als Tochter einer Borderline-Mutter auf, die sie schikanierte und verprügelte. Es dauerte Jahre, bis sie das Trauma überwand. Nun will sie andere Betroffene unterstützen.

Irgendwann kommt Adriana Schmid zur befreienden Erkenntnis: «Ich kann nichts für meine Mutter tun.» Foto: Doris Fanconi
Irgendwann kommt Adriana Schmid zur befreienden Erkenntnis: «Ich kann nichts für meine Mutter tun.» Foto: Doris Fanconi

Sie schüttelt einem herzlich und mit festem Druck die Hand, im Gespräch ist sie souverän und offen, mit wachem Blick sucht sie immer wieder die Augen ihres Gegenübers. Nichts lässt erahnen, welch düstere Kindheitserinnerungen die 31-jährige Adriana Schmid (Name geändert) in sich trägt. Sie ist die Tochter einer Borderlinerin, einer psychisch schwer kranken Mutter, die ihr eigenes Kind einem regelrechten Terrorregime unterzog.

Lange hat sie niemandem davon erzählt. Aus Scham und Schmerz, aber auch aus Furcht vor der Mutter. Jetzt bricht sie ihr Schweigen, um auf Schicksale wie das ihre aufmerksam zu machen. Schicksale, über die man nicht redet, über die so wenig bekannt ist, dass Betroffene selbst bei Fachleuten oft keine wirksame Hilfe finden. Und sie will ihre Erfahrungen mit anderen austauschen, über Facebook und in einer Selbsthilfegruppe, die sie ins Leben gerufen hat.

Sie schlägt und schlägt

Begonnen hat alles in der frühesten Kindheit. Eine von Adriana Schmids ersten Erinnerungen ist diese: Sie ist etwa vier Jahre alt, will ihrer Mutter ein Bild zeigen, das sie gemalt hat. Die Mutter ist damit beschäftigt, im Wohnzimmer frisch gewaschene Vorhänge aufzuhängen. «Mami», sagt Adriana, «Mami», doch die Mutter reagiert nicht. Da zupft Adriana mit Fingerchen voller Wasserfarbe am Vorhang. Das ist ein Fehler. Die Mutter steigt von ihrem Schemel und schlägt zu. Sie schlägt und schlägt, sie boxt und tritt ihre Tochter mit Füssen, sie schreit und schimpft. Längst hat sich die Vierjährige zu einem wimmernden Päckchen zusammengerollt, doch die Mutter prügelt weiter. Adriana Schmid kann sich bis heute daran erinnern, was sie in dem Moment denkt: «Nicht mehr lange, bald ist es vorbei.»

Es ist nicht vorbei. Es ist erst der Anfang. Ab diesem Moment muss Adriana lernen, mit einer Mutter zu leben, die immer wieder jede Beherrschung verliert, die völlig unberechenbar ist. Die ihre Tochter schlägt, an den Haaren zerrt, mit Gegenständen bewirft. Die Anlässe sind oft nichtig. Adriana duscht nach Ansicht der Mutter zu lange, weshalb diese ins Bad stürmt, den Vorhang aufreisst und Shampooflaschen, Seifenspender, Bürsten, was immer sie gerade fassen kann, auf das Kind schleudert. Adriana kommt zu spät nach Hause und findet ihr Zimmer demoliert vor, ihr Lieblingsbuch zerrissen, Möbel umgeworfen, Kleider und andere Habseligkeiten am Boden zerstreut.

Aber die physische Gewalt ist nicht einmal das Schlimmste. «Schmerzen spürt man irgendwann nicht mehr», sagt Adriana Schmid. Schlimmer sind die ­Beleidigungen, die Schuldzuweisungen und Drohungen. Adriana bekommt Dinge zu hören wie «egoistisches Schwein» oder «Miststück» oder «Du wirst es nie zu etwas bringen». Aber auch Sätze wie «Ich töte dich, du hast mich ruiniert» oder «Ich bringe mich um». Und manchmal entschuldigt sich die Mutter bei ihr mit den Worten: «Ich liebe dich, das weisst du, aber du darfst mich halt nicht provozieren.» Das hinterlässt Verletzungen und Narben in der Kinderseele, die nur schwer je wieder heilen. Und manchmal gar nicht mehr.

Ein Leben lang schweigen

Das Verhalten der Mutter ist typisch für Borderliner. Die Betroffenen leiden unter starken Gefühlsschwankungen. Oft sind sie kaum fähig, eine normale Beziehung zu führen. Sie haben starke Verlustängste; Menschen, die ihnen wichtig sind, idealisieren die Betroffenen entweder masslos, oder sie überschütten sie mit Beleidigungen. Nicht selten entwickeln Borderliner eine ausgeprägte Fähigkeit, andere zu manipulieren und gegeneinander auszuspielen. Selbst erwachsene Angehörige bringt dies an ihre Grenzen und darüber hinaus, viele geraten in einen Strudel von Schuldgefühlen.

Kinder sind Borderline-Eltern meist völlig augeliefert. Vier von fünf leiden als Erwachsene an posttraumatischen Belastungsstörungen wie Depressionen, selbstschädigenden Verhaltensweisen und Bindungsstörungen, die oft nicht diagnostiziert und erkannt werden. Viele schweigen ein Leben lang, selbst gegenüber Leidensgenossen.

Schock, dann Erleichterung

Das alles weiss Adriana Schmid erst seit drei oder vier Jahren. Damals stiess die heute 31-Jährige im Internet auf die Website borderline-muetter.de. Was sie dort las, war gleichzeitig Schock und Erleichterung. «Ich war so lange verloren, traurig und einsam. Immer dachte ich, dass ich ein Problem hätte», erzählt sie. «Und plötzlich las ich da Sätze, die ich als Kind auch gehört hatte. Auf einmal konnte ich all das einordnen, ich merkte, ich bin nicht allein. Das, was ich erlebt habe, hat einen Namen.»

Als Kind glaubt Adriana, so, wie es bei ihr daheim zugehe, so sei das in allen Familien: «Man hat ja keine Referenz, keine Vergleichsmöglichkeit.» Zwar sieht sie, dass bei ihren Freundinnen daheim die Eltern nicht herumschreien – aber ihre Mutter verhält sich meist auch normal, wenn andere da sind. «Gegen aussen konnte sie eine perfekte Fassade aufrechterhalten», erzählt Adriana Schmid. «Im Job zum Beispiel merkte keiner etwas. Sie arbeitete immer Vollzeit. Aber auch viele Freundinnen hat sie jahrelang getäuscht.» Und der Vater? Er lebt längst nicht mehr bei der Frau. Die Eltern haben sich scheiden lassen, als das Mädchen vier ist. Ihm erzählt Adriana nichts von den Ausbrüchen der Mutter.

Und dann ist da noch dieses bisschen Hoffnung, dass es auch anders sein könnte. Die Mutter hat auch gute Phasen, dann liest sie Adriana vor oder geht mit ihr ins Kino. «Es wäre», sagt Schmid rückblickend, «fast einfacher gewesen, sie wäre immer nur aufbrausend und gewalttätig gewesen.» Aber so wartet das Mädchen selbst in schönen Momenten auf den nächsten Ausbruch, es duckt sich ständig, muckt nie auf, will der Mutter stets gefallen.

So wie Adriana geht es zahllosen Kindern. Eine Studie der Hochschule für soziale Arbeit aus dem Jahr 2006 schätzt, dass allein im Kanton Zürich mehr als 4000 Kinder bei Eltern leben, die wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung sind. Dazu kommt eine unbekannte Anzahl Kinder wie Adriana, deren Eltern sich gar nie behandeln lassen und von deren Erkrankung niemand im Umfeld weiss.

Vergessene Kinder

Nicht von ungefähr trägt die Studie den Titel «Vergessene Kinder». Selbst das professionelle Gesundheits- und Sozialsystem konzentriere sich vor allem auf die erwachsenen Patientinnen und Patienten, heisst es darin: «Die Kinder bleiben oft im Schatten der Aufmerksamkeit.» So erkundigen sich Ärzte und Therapeuten nicht einmal in jedem zweiten Fall, wie es den Kindern ihrer Patienten geht oder wie sie betreut werden. Auch Fachstellen, die Angehörige beraten, wenden sich kaum an Kinder und Jugendliche; spezialisierte Anlaufstellen, wie sie etwa in Deutschland in den letzten Jahren aufgebaut wurden, gibt es hierzulande keine.

Und selbst jene, die von Berufes wegen mit den Kindern arbeiten, fragen zu selten nach, so die Studie. Zwar reagieren Krippenleiterinnen, Lehrpersonen und Hortner, aber auch Kinderärztinnen rasch, wenn ein Kind sich seltsam verhält oder auffällige Verletzungen hat. Scheinbar normalen Mädchen und Buben aber stellt niemand Fragen über das, was daheim in der Familie passiert. Dabei würde, so die Studie, «in jedem einzelnen erkannten Fall sehr viel gewonnen – und es würden hohe Kosten vermieden.»

Schmid kann sich nur an einen Moment erinnern, in dem sie eine Lehrerin ansprach, weil sie so oft krank war. Sie sagte nichts. Sie hielt sich an das, was die Mutter ihrer Tochter eine ganze Kindheit lang einbläute: Man erzählt anderen nichts Schlechtes aus der Familie. Die Lehrerin bohrte nicht nach.

Medikamentenabhängig

Als Adriana Schmid, kaum erwachsen, von zu Hause auszieht, ist sie selbst psychisch am Ende. Zwar funktioniert sie gegen aussen, sie macht eine kaufmännische Lehre, dann studiert sie. Aber in ihrem Innern ist es düster. Sie hat Fressanfälle, nach denen sie sich übergibt, sie ist abhängig von Abführ- und Schmerzmitteln und hochgradig gefährdet, sich das Leben zu nehmen. «Ich dachte, mit mir stimme etwas nicht», sagt sie heute.

Ihr Glück ist ihr Partner, den sie mit 19 Jahren kennen lernt. «Zum ersten Mal fühlte ich mich bei jemandem bedingungslos aufgehoben», sagt sie. Sie entschliesst sich zu einer Therapie. Doch es dauert Jahre, bis sie und ihre Therapeutin die Ursachen ihrer Probleme ­erkennen. «Es gibt keine Spezialisten und bislang auch keine Selbsthilfegruppe für Kinder von Borderline-Eltern», sagt sie.

Getan ist es mit der Erkenntnis nicht. Was folgt, ist ein schmerzhafter Prozess, in dem Adriana Schmid oft auf sich allein gestellt ist. Sie beschreibt ihn so: «Zuerst fragte ich mich ständig: Warum ich? Das war eine Zeit grosser Trauer. Schliesslich versuchte ich mit meiner Mutter zu reden – und geriet sofort wieder in die alten Muster. War ich nicht auch mitschuldig? Die grosse Gefahr ist in dem Moment auch, dass man zu viel Mitleid hat, dass man sich sagt, sie kann ja nicht anders.» Irgendwann aber kommt Adriana Schmid zu einer Erkenntnis, die sie als grosse Befreiung schildert: «Ich kann nichts für meine Mutter tun, es ist ihr Leben.» Sie bricht den Kontakt zur Mutter bis auf ganz wenige Gelegenheiten ab.

Heute, sagt Adriana Schmid, habe sie sich von ihrer Vergangenheit gelöst: «Ich habe gelernt, dankbar zu sein für mein Leben.» Etwas davon will sie in der Selbsthilfegruppe weitergeben.

Informationen zur Selbsthilfegruppe gibt es unter: grenzkind@bluewin.ch oder auf Facebook unter dem Stichwort Grenzkind. Informationen über Eltern mit ­Borderline-Syndrom sind unter www.borderline-muetter.de zu finden.

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