«Die Kernstädte verbürgerlichen»

Für Politologe Michael Hermann ist eine Umsortierung der Gesellschaft im Gang. Das hat politische Folgen.

Die Städte – namentlich Quartiere wie Zürich West – ziehen heute verstärkt einkommensstarke Personen an. Foto: e (Agentur)

Die Städte – namentlich Quartiere wie Zürich West – ziehen heute verstärkt einkommensstarke Personen an. Foto: e (Agentur)

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Sie haben letzte Woche am ­Schweizerischen Städtetag über die neuen Bruchlinien referiert – über den Kernstadt-Agglo-Graben, der den Stadt-Land-Graben ersetzt. Was bedeutet das für Zürich?
Es gibt immer mehr Themen, wo der Graben nicht mehr am Rand eines Ballungs­zentrums verläuft, sondern zwischendurch – zwischen Kernstadt und Agglomeration. Vor allem bei Migrations- und Öffnungsfragen ist das immer stärker der Fall.

Früher stimmten Agglomerationen und Kernstädte bei Öffnungsfragen ähnlich. Warum änderte sich dies?
Im Unterschied zum ländlichen Raum hat die Wirtschaft in den Ballungsräumen immer von Öffnung und Strukturwandel profitiert. Gerade die Personenfreizügigkeit fand als wirtschaftsliberales Projekt auch in der Agglomeration Rückhalt. Doch inzwischen fliesst bei Öffnungsfragen verstärkt die eigene Lebenswelt mit ein – etwa die Konkurrenz auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt.

Davon sind die Einwohner der ­Kernstädte genauso betroffen wie jene der Agglomerationen.
Aber sie reagieren unterschiedlich darauf, was zum Ausdruck bringt, dass sich die Gesellschaft stärker sortiert hat. Das kommt gerade in Zürich zum Ausdruck: Weil das Leben in den Kernstädten immer teurer wird, leben dort vermehrt Leute, die ausdrücklich in diesem Umfeld leben wollen. Das sind oft Leute mit einer positiven Haltung zu Dichte und Internationalität. In den Gürteln leben derweil immer mehr Leute, die sich die Kernstadt nicht mehr leisten können. Zweitens leben dort schon länger Menschen, die zwar wirtschaftlich vom urbanen Raum profitieren wollen, gleich­zeitig aber ein ländliches Lebensideal haben. Die Ausbreitung der Stadt und die internationale Konkurrenz werden von diesen als Bedrohung empfunden.

Dann geht der Trend also weiter: Die Städte werden noch linker, die Agglos noch rechter?
Nein, denn der Kontrast in Öffnungs­fragen wird von einem zweiten Trend überlagert. Dieser betrifft die Links-rechts-Dimension: Wie steht man zum Wohlfahrtsstaat, zu Steuern oder zur Armee? In diesen Fragen hat sich in den 90er-Jahren ein tiefer Stadt-Land-Graben gebildet. Dieser Graben wird neuerdings wieder kleiner. Das heisst: Die Kernstädte verbürgerlichen. Weil die Städte immer teurer werden, weil es immer mehr Eigentumswohnungen gibt, weil Gentrifizierung und Aufwertung voranschreiten, ziehen die Kernstädte neue Milieus an – nicht mehr nur Kreative, sondern auch einkommensstarke Personen, etwa aus dem Finanzsektor, also aus klassisch-bürgerlichen Milieus.

Was heisst das für die Zürcher Politik?
Die Stadt Zürich stimmt für Öffnung und Internationalität. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Neuerdings schneidet aber die FDP wieder sehr gut ab. Der Wiederaufstieg der FDP hat in der Stadt Zürich begonnen. 2014, bei den letzten Stadt- und Gemeinderatswahlen, standen Medien und Öffentlichkeit noch ganz im FDP-Niedergangs­-Diskurs. Doch dann überraschte die Partei alle. Bei sozialpolitischen Fragen ist die Stadt Zürich immer noch klar links, aber die Deutlichkeit nimmt ab.

Zürich wird rechts?
Interessant ist, dass von der Veränderung die FDP profitiert, nicht aber die SVP. Das heisst: Es gibt keine Verschiebung Richtung rechtskonservativ, sondern Richtung bürgerlich-liberal. Es ist ein klassisches FDP-Milieu, das es in die Stadt zieht – wirtschaftlich liberal, aber auch gesellschaftspolitisch liberal. Das kleinbürgerlich-konservative SVP-Milieu wird in der Stadt weiter verlieren.

Im Herbst sind Wahlen. Was dann?
Es wird sich bestimmt noch nichts daran ändern, dass die Stadt Zürich mehrheitlich links wählt. Aber es kann sein, dass die Mehrheit mittelfristig kippt.

Sie haben am Städtetag auf neue Spannungsfelder hingewiesen, so auf den verschärften Zwist zwischen Geber- und Nehmerkantonen. Es fällt auf: Während die Geberkantone Zug, Schwyz und Nidwalden gegen den Finanzausgleich wettern, bleibt der grösste Geberkanton Zürich ruhig. Warum das?
Schon 2004, bei der Abstimmung über den Neuen Finanzausgleich, sagte Zürich Ja – wie auch die Geberkantone Basel und Genf. Die steuergünstigen Zentralschweizer Kantone waren schon damals dagegen. Es gibt eben zwei Typen von Geberkantonen. Es gibt Kantone mit einer potenten Wirtschaft wie Zürich oder Basel. Und es gibt jene, die eine Tiefsteuerstrategie zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Diese Kantone fühlen sich vom Finanzausgleich bedroht. Die Sortierung, die es zwischen Kernstädten und Agglomerationen gibt, gibt es auch zwischen Tief- und Normalsteuerkantonen. Es liegt ja auf der Hand, dass Tiefsteuerkantone ein Publikum anziehen, für das tiefe Steuern ganz oben auf der Prioritätenliste steht.

Früher gab es konfessionelle ­Gräben. Heute geht es um Steuern und Öffnung. Wir stehen mitten in einem Umsortierungsprozess?
Die hohe Mobilität führt dazu, dass es zu einer Selbstsortierung kommt. Ähnlich denkende Leute zieht es in ihre je spezifischen Milieus.

Und die Folgen?
Wenn man sich nur noch unter Gleichgesinnten aufhält, nimmt die Sensibilität für Andersdenkende ab. Man sieht die anderen nur noch als Karikatur. Es entstehen geschlossene Gesellschaften. Die Tendenz dazu gibt es in Kernstädten ebenso wie in Tiefsteuerkantonen und in Agglomerationszonen.

Zürich wird folglich langweiliger?
Die Tendenz zur Homogenisierung besteht nicht nur in Zürich. Gerade in der Zentralschweiz haben die Kantone Schwyz, Nidwalden, Luzern und Glarus keine linken Regierungsräte mehr. Fast alle Landesteile werden durch die Mobi­lität umgeformt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2015, 04:51 Uhr

Michael Hermann

Der Zürcher Politologe leitet die Forschungsstelle Sotomo und ist TA-Kolumnist. Am Schweizerischen Städtetag sprach er über die politischen Gräben, welche die Schweiz durchziehen.

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